zurück zur Übersicht

Baustelle Neuanfang

Oliver Reese über den Theaterneubeginn am Berliner Ensemble

Neuanfang an einem Haus kurz vor dessen 125. Geburtstag – alles muss frisch und neu und zeitgemäß hergerichtet werden, Staub weggepustet und Computerkabel gezogen werden. Was aber am bestimmendsten bleiben wird, das sind – neben den vielen Baustellen, ich komme darauf zurück – die Vielzahl der Begegnungen, die bei so verdichteter Zusammenarbeit den Anfang bestimmen. Und das macht nicht nur "Spaß", das ist aufregend und schön und lässt einen übervoll zurück nach jedem Tag, mit dem wir uns den Eröffnungspremieren nähern. Da ist der Technische Direktor, der so viel zu tun hat, dass er meist über alles gleichzeitig spricht; da ist die Stellwerkerin, die über künstliche Intelligenz geforscht hat, aber ihre Erfüllung am Lichtpult findet. Oder der langjährige Kleindarsteller, der mit über 80 noch seine geschichtenreichen Führungen anbietet. So viele Geschichten! Und neben den Menschen, da gibt es die Baustellen.

Neuanfang gleich Baustelle – als Intendant fühlt man sich schnell wie der leicht überforderte Bauherr, zumal es sich ja bei einem Theaterneuanfang nicht nur um eine Baustelle handelt, sondern um deren viele.

Im Hof steht noch der Food-Truck, die Mitarbeiter treffen sich zum Lunch auf Bierbänken im Freien, denn die Kantine wird umgebaut. Jetzt bitte nicht aufschreien, die historische Weigel-Einrichtung hat vor 18 Jahren mein Vorgänger entsorgt – diesmal wird die völlig marode Küche komplett ausgetauscht, das Mobiliar behutsam erneuert und der Gastraum wieder um den historischen hinteren Raum erweitert, der viele Jahre als Lager genutzt wurde und vermauert war. Das wird schön – und hat "bloß" sechs Wochen Bauverzögerung.

Eine Riesentat war die Erneuerung des Großen Salons im Rangfoyer.

Seit 18 Jahren kann man erstmals wieder auf den Brecht-Platz herunterschauen – bzw. von unten hinein ins Haus – kein Banner und keine falschen Theaterspiegel verstellen mehr den Blick aus dem Theater auf die Welt. Das Parkett ist freigelegt, der alte Tanzboden ist raus, ebenso die hässlichen Aluträger, die die die Architektur misshandelt haben. Passend dazu wird das Pausenbüffet auch hier, wo es hingehört, wieder seinen Platz finden (ursprünglich war hier der sogenannte Erfrischungsraum), wenn wir am 21. September die Türen des Berliner Ensembles wieder öffnen zu unserer ersten Premiere und das Haus voll sein wird.

Aber fürs Nervenverlieren ist noch keine Zeit, denn schließlich ist auch das neue "Kleine Haus" noch eine Baustelle – und hat doch morgen schon Bauabnahme! Aber es hat sich gelohnt, die Neue Probebühne im Haus komplett zu erweitern und umzubauen: Ein neuer Theaterraum ist hier entstanden, der jeden Besucher in seiner Dimension überrascht. Wo kommt denn diese Halle her, im zweiten Stock über der Kantine, mit perfekt steiler Zuschauer-Tribüne, Elektrozügen, Ton- und Lichtpulten – und einem hyperrealistischen Bühnenbild, in dem Mateja Koležnik ihre Eröffnungspremiere "Nichts von mir" seit Wochen choreographiert? Da könnte man ja glatt einziehen. (Der technische Direktor hat der Regisseurin für die Premiere auch noch stärkeren Wasserdruck versprochen, nur so kann auf der Bühne lebensecht geduscht werden – Perfektionismus in seiner schönsten Form…)

Im kleinen Turmzimmer, direkt vor dem Raucherbalkon, schreibt ein Schriftenmaler gerade die Geschichte dieses Hauses an die Wand. So viel Museum darf – und muss! – sein; gerade bei einem Theater, das in einem Haus beladen mit Theatergeschichte sich nun verstärkt der Gegenwart widmen wird.

Die "Kunst"-Baustellen laufen ebenfalls auf Hochtouren: Hausregisseur Michael Thalheimer und Eröffnungs-Inszenator Antú Romero Nunes kommen sich dabei erstaunlich wenig ins Gehege. Und so kann man täglich eine, manchmal zwei Hauptproben erleben, während die Technik auch noch die Übernahmen einiger Erfolgs-Inszenierungen aus Frankfurt einrichtet. So gibt es gleich elf Premieren in den ersten beiden Monaten zu erleben – kein Wunder, dass das neu eingerichtete Premieren-Abonnement schon dreistellige Verkaufszahlen ausweist und bald ausverkauft ist.

Genug geschrieben, ich muss auf eine der Baustellen – bloß welche?