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Die blauen Monster der AfD

Moritz Rinke

Wenn heute Abend bei der ersten Prognose der blaue Balken der AfD in Richtung 10 Prozent wächst, stelle ich mir wieder vor, wie ich mit dem syrischen Dichter Khder Alagha auf der Hinterbühne der Berliner Festspiele stehe. Internationales Literaturfestival Berlin. Im Rahmen des Projekts "Ankunft- literarische Reportagen von geflüchteten Autoren" beschreibt Khder Alagha  seine ersten Tage in Deutschland.

Khder nimmt meine Hand und fragt mich, ob er denn am Anfang wirklich auch auf Arabisch lesen soll.

Natürlich, sage ich, es ist deine Sprache, wie fangen mit deiner Sprache an, danach lesen wir die Übersetzung.

Ich habe die Patenschaft für Khder übernommen hat und spüre, wie aufgeregt, fast benommen er ist, das erste Mal vor einem deutschen Publikum aufzutreten.

Er hat die meiste Zeit seines Lebens in Damaskus gelebt, war Chefredakteur einer syrischen Kulturzeitschrift, arbeitete als Sprachwissenschaftler, Literaturkritiker, schrieb Lyrik.

Im März 2011 schließt er sich der friedlichen Protestbewegung gegen das Assad-Regime an, Freunde von ihm werden bei den ersten Freitagsdemonstrationen erschossen.

Nachdem eine Rakete fast den Schulbus seines Sohnes trifft, flüchtet dieser mit seiner Mutter. „Als Aram sich ins Auto setzte, das ihn in den Libanon bringen sollte, setzte sich mein Herz neben ihn … Aram selbst war mein Herz im Auto. Ich konnte während der gesamten gefährlichen Strecke seine rasenden Schläge vernehmen, ich hörte sein Weinen, ich sah seinen Blick, seine Hand, die mir zum Abschied winkte.“

Khder Alagha bleibt im Damaskus, er glaubt nicht, dass er als Schriftsteller gegen den Krieg anschreiben kann, aber er glaubt, dass er Teil der Kraft eines Volkes sein kann, das sich gegen die Unterdrückung auflehnt.

Der Zeitschriftenverlag kündigt ihm, Kollegen von ihm werden gefoltert, in seinem Viertel wimmelt es von Spitzeln, ihm droht ebenfalls Gefängnis. Er war schon vor den Demonstrationen ein Jahr inhaftiert und weiß, was ihn erwarten würde. 2013 bekommt er eine Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung in Köln, zögert lange, will sein Land nicht im Stich lassen. Dann ruft ihn sein Sohn aus Deutschland an. "Seine zitternde Stimme, seine Frage nach seinen Freunden, seinem Spielzeug, seinen Schildkröten, seinem Fahrrad, seine Worte: Ich will dich hier haben."

Khder verlässt Syrien. Von seiner kranken Mutter kann er sich nicht mehr verabschieden, sie stirbt ohne ihn. Sie hatte immer gesagt: "Ich sehe dich so gerne glücklich!", und das war Khder wirklich in den ersten Wochen der Revolution gewesen, bis er sich erst von seinem Sohn trennen musste, dann von seiner Mutter, seinem Land.

Er kommt mit dem Geruch von Fassbomben in der Nase nach Köln, später als Flüchtling nach Lübeck.

"Ich hätte meinen Kopf gegen die Wand schlagen müssen", schreibt er, "um ihn davon zu überzeugen, dass er jetzt hier ist und nicht dort."

Er sieht sich wie er noch in Syrien zwischen all seinen Büchern sitzt, und nun sitzt er ohne seine Bücher im Flüchtlingsheim.

"Im Alten Testament heißt es", schreibt er, "dass die Kraft des Riesen Samson in seinem Haar liege. Als sein Haar geschnitten wurde, verlor er seine Kraft."

Für Khder ist das Haar seine Sprache. "Ich habe immer die Haare gerühmt, die ich besitze, und in Deutschland wurde mir das Haar geschnitten, ich wurde ein totes Wesen. Alle Bücher, die ich je geschrieben hatte, hatten keine Bedeutung mehr."

Das Wort "Flüchtling" wächst ihm über den Kopf, bis das Wort zu einem Riesen wurde und ihn verschlingt wie ein Monster. "Es verschlang mich so", schreibt er, "dass ich mich selbst nicht mehr sah und die Deutschen mich nicht sahen."

Wenn heute Abend der blaue Balken der AfD wie ein Monster nach oben wächst, werde ich an Khder denken und welche Welten sich hinter "Flüchtlingen" verbergen.