"Der Verlust des Ortes ist wie der Verlust des Anderen, des letzten Anderen, des Phantoms, das einen empfängt, wenn man in seine einsame Wohnung zurückkehrt.“ Marc Augé

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er lässt sich nicht antisozial denken, ohne seine eigene Existenz aufs Spiel zu setzen. Inwiefern beraubt der ungewollte Verlust der Teilhabe an der Gesellschaft das Individuum seiner Existenz und damit seiner menschlichen Würde?
Das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands ist top, die Wirtschaftskraft EU-weit Spitze, die Kaufkraft der Deutschen steigt, die Arbeitslosenquote ist niedrig. Gleichzeitig nehmen Kinder- und Altersarmut rasant zu, versorgen immer mehr Tafeln immer mehr Menschen, platzen Notunterkünfte für Obdachlose aus allen Nähten. Nirgendwo in der EU ist das Risiko so groß, als Arbeitsloser in die Armut abzurutschen wie in Deutschland. War noch vor 20 Jahren der größte Teil der Wohnungslosen „psychisch krank“, ist ihr Anteil heuteverschwindend gering. In den vergangenen acht Jahren hat sich die Zahl der Wohnungslosen verdoppelt. Hauptgrund: Mietschulden.
Was, wenn die Miete das Leben auffrisst und der Weg auf die Straße kürzer ist, als der Gang zum Amt? Wenn ehemalige Heimkinder keinen Weg mehr zurück ins Wohnen finden – und Hartz-IV Empfänger zu Wohnungsbesichtigungen erst gar nicht eingeladen werden?

Regisseurin Karen Breece hat über Monate hinweg in Berlin recherchiert und Gespräche geführt. Mit Obdachlosen, mit Menschen, die obdachlos waren, mit Menschen, die auf
staatliche Unterstützung oder den Gang zur Tafel angewiesen sind, um überleben zu können und mit Menschen, die sich um Obdachlose und Arme in Berlin kümmern. Auf Basis dieser Gespräche und Recherchen, hat sie sich gemeinsam mit von Obdachlosigkeit und Armut Betroffenen und SchauspielerInnen des Berliner Ensembles der Auseinandersetzung
mit dem Thema gestellt. Der daraus entstandene Theaterabend will den von der Gesellschaft ausgeschlossenen Menschen eine Stimme geben, einen Raum der Teilhabe, ein Gegenüber, das sie wahrnimmt.
Warum sind Menschen, die Hilfe benötigen sich selbst überlassen – in einem der reichsten Länder Europas? Was treibt eine Gesellschaft dazu an, sich zu entsolidarisieren? Und was hat diese Entwicklung mit jedem Einzelnen von uns zu tun? • Clara Topic-Matutin