Wir befinden uns im 5. Jahrtausend. Infolge von Atom explosionen, Kriegen und einer verschobenen Erdachse ist die Erde klimatisch und geologisch mutiert. Die Meere sind bis auf kümmerliche Reste verschwunden. Es herrscht Dürre. Der Mensch, zur bedingungslosen Liebe unfähig, stattdessen beherrscht von Destruktivität und dem gnadenlosen Verfall seines Körpers ausgeliefert, hat sich abgeschafft. Nur Neo-Menschen und Wilde existieren noch. Die Wilden vegetieren in barbarischen Rudeln in Ruinen des 21. Jahrhunderts, die Neo-Menschen befinden sich in autarken Hightech-Stationen und erschießen die Wilden, sobald sie dem Elektrozaun ihres Anwesens zu nah kommen.

Der Neo-Mensch, entstanden aus gentechnischen Ex perimenten einer religiösen Sekte, den Elohimiten, deckt seinen Energiebedarf durch Fotosynthese. Er kennt keine Tränen und kein Lachen, weder Freude noch Leid, braucht keinen körperlichen Kontakt, kommunizieren tut er einzig virtuell. Seine Aufgabe besteht darin, die Lebensberichte seiner jeweiligen Vorgänger*innen zu studieren und einen Bericht für sein nachfolgendes Replikat zu verfassen. Ab und zu empfängt er Anweisungen der „Höchsten Schwester“ – wohl eine Verwandte von „Big Brother“. Die „Höchste Schwester“ hat das endgültige Urteil über die Menschheit gefällt, es gab keinerlei Gründe ihre Selbstvernichtung aufzuhalten. Sie verordnet den Neo-Menschen die endgültige Loslösung von jeglichen irdischen Passionen, ihre Lehren klingen wie zen-buddhistische Übungen zu Gleichmut. Die Neo-Menschen befinden sich in einem Übergangsstadium, sie erwarten die Ankunft „der Zukünftigen“, welche nur noch aus reinem Geist bestehen werden, denn auch die biochemisch optimierten Körper der Neo- Menschen haben Grenzen. Wenn die Inkarnation eines Neo-Menschen endet, wird in Central City umgehend ein äußerlich identisches Wesen im Alter von 18 Jahren erzeugt und in dessen Residenz abgesetzt.

Der Erzähler Daniel 25 ist der fünfundzwanzigste Nachfolger von Daniel 1 und blickt mit einem gewissen Staunen und einer diffusen Sehnsucht zurück auf die untergegangene Welt seines Ursprungs: Daniel 1 ist ein tieftrauriger Komiker unserer Zeit, der Millionen mit seinen skandalös politisch unkorrekten Shows verdient, das Lachen der Menschen jedoch nur mit Schmerzmitteln erträgt. Zwei wesentliche Liebesbeziehungen erlebt er, beide scheitern letztlich an der Unerträglichkeit des Alterns in einer turbokapitalistischen Gesellschaft, in welcher junge, effiziente Körper kultiviert, die Unumkehrbarkeit unserer ZUM STÜCK Vergänglichkeit und der Tod hingegen verachtet und tabuisiert werden. Der moderne Mensch, unfähig zum Glück, dementsprechend Unglück verbreitend, hat keinen Grund mehr sich fortzupflanzen, childfree zones sind die Lebenszonen der Elite.

Wäre der Mensch in der Unsterblichkeit fähig, bedingungslos zu lieben? Wäre er dann in der Lage, nicht zerstörerisch zu agieren? An dieser Utopie setzt die religiöse Sekte der Elohimiten an. Ihr Hauptsitz befindet sich auf der Insel Lanzarote. Wer den Elohimiten seinen gesamten Besitz vermacht, erkauft sich das Anrecht auf Unsterblichkeit, auf eine Zukunft als Neo-Mensch. Der Überzahl der Menschen bleibt in dieser Dystopie nur die Option auf kollektiven Selbstmord oder ein animalisches Dasein mit geringer Überlebenschance unter Wilden.

Nachdem Daniel 1 seine vierzigjährige Frau Isabelle sprachlos ihrer Midlifecrisis überlassen hat und wenig später aufgrund seines eigenen Alters erbarmungslos an der Welt seiner 25 Jahre jüngeren Geliebten Esther scheitert, ist er reif für die Insel der Elohimiten. Seine Auferstehung als Neo-Mensch glückt, doch selbst der 25 mal inkarnierte Daniel verspürt noch Relikte von Sehnsucht und Neugier. Und so macht er sich am Ende der Geschichte auf den Weg, verlässt eigenmächtig seine Station, entscheidet sich für die Sterblichkeit und begibt sich auf die Suche nach anderen Wesen inmitten einer apokalyptisch verwüsteten Welt.

Michel Houellebecq hat Die Möglichkeit einer Insel 2005 veröffentlicht. Inzwischen stecken die jüngsten Milliardär* innen der Welt Unmengen von Geld in verschiedenste Technologien zur Überwindung des Todes im Silicon Valley und Houellebecqs Zukunftsszenario liest sich weniger denn je als Science-Fiction, sondern zunehmend als Metapher unserer Gegenwart. Robert Borgmann, der sowohl Regisseur, als auch Bühnenbildner der Inszenierung ist, schafft nicht in erster Linie eine Adaption des Romans, sondern entwirft vielmehr eine theatrale Installation zu dessen Thematik. Wir schauen auf ein Gemälde eines Inselufers, in Erinnerung an Boticellis Geburt der Venus, doch die Venus fehlt. Borgmann hebt in seiner Inszenierung die Figur des Vincent hervor, den Sohn des Propheten der Elohimiten. Vincent ist ein Künstler, welcher folgerichtig an der realen Welt scheitert. Zusammen mit der Künstlerin Susan entwirft er für alle Anhänger*innen der Elohim einen Ort der Liebe, einen gigantischen Raum für das Ritual des gemeinsamen – statt einsamen – Sterbens. Willkommen im ewigen Leben!

Von Amely Joana Haag