Im Frühjahr 1942 beschloss Stefan Zweig im brasilianischen Exil seinem Leben, "durch die Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft“, wie er in seinem Abschiedsbrief schreibt, ein Ende zu setzen. 1938 war er aus seiner österreichischen Heimat geflohen, als Staatenloser war er durch Europa und die Welt gereist; seine Werke Welt-Bestseller; von den Nationalsozialisten jedoch verboten und verbrannt.
Als Sohn eines Textilindustriellen 1881 in Wien geboren, genoss er zeitlebens die Möglichkeit zu reisen und das Privileg hoher Bildung. Er verkehrte in den wohlhabenden Kreisen Wiens und unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu Intellektuellen aller Nationen: Ein Kosmopolit, dem bis zum Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland nahezu keine Grenzen gesetzt waren – eine Grenzenlosigkeit allerdings, die im Gewitter der politischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts Abgründe auftat.
Sie waren Stefan Zweigs Lebensthema: die Abgründe jener Menschen, die wie er in die starre Ordnung der europäischen Kaiserreiche hineingeboren wurden und die eine stetige Liberalisierung der Gesellschaft, aber auch den politischen Zerfall jener Ordnung erlebten, der in einem Weltkrieg gipfelte, um schließlich im Zweiten Weltkrieg ihr Ende zu finden.
1928 veröffentlichte Zweig Amok Novellen einer Leidenschaft und suchte in der Nähe zu Sigmund Freud die psychologische Analyse seiner Zeitgenossen – Menschen, die angesichts der kleinsten Gefühlsregung ihr altes Leben hinter sich lassen und sich auf einen Fixpunkt stürzen, ein Objekt der Begierde, hin und her wandernd zwischen vollkommenem Besitzanspruch und völliger Selbstauflösung. Zweig ergriff dabei, obschon es sich fast ausschließlich um Porträts gutbürgerlicher Männer handelte, "nie die Partei des so genannten Helden“, sondern ihn interessierte stets die "Tragik des Besiegten“ und die "dem Schicksal Unterliegenden“.
Tatsächlich konzentrierte sich Zweig in seinen Novellen auf die individuelle Gefühlswelt, den vereinzelten psychologischen Fall und lässt jedoch jegliche explizit politische Dimension außen vor: Er suchte vielmehr nach Erklärungen für die unerfüllten Sehnsüchte der Einzelnen, nicht so sehr nach gesellschaftlichen Missständen. Andererseits erkannte seine Frau Friderike Maria Zweig in seinen Novellen sehr wohl den Versuch, "verborgene Wesensheiten auf[zu]decken, innerhalb der Glätte des bürgerlichen Lebens, das vergeblich und oft nicht ungestraft die Menschen zu nivellieren sucht.“ Auch hier ist Zweigs anhaltendes Thema der Ordnung und Unordnung deutlich zu erkennen: Die Rebellion gegen eine zu enge bürgerliche Ordnung mit all ihren Konventionen und Einschränkungen einerseits; die lähmende Freiheit der absoluten Un-Ordnung und die daraus resultierende (metaphysische) Haltlosigkeit andererseits. Zwischen diesen beiden Polen verortet Zweig seine Figuren und folgt ihnen bis in die tiefsten Abgründe ihrer Triebe, Wünsche und Handlungen. Welche politischen und sozialen Umstände stehen hinter diesen psychologischen Strukturen? Welche Geschichten hinter den seelischen Abgründen Einzelner? Was ist der schieren Übermacht des Gesellschaftlichen entgegenzusetzen?
Diese Spannung lässt sich, wie Joseph Vogl dargelegt hat (Kapital und Ressentiment), möglicherweise über den Konflikt zwischen der zunehmenden formalen Freiheit und Gleichheit Anfang des 20. Jahrhunderts einerseits und der gleichzeitig durch Krieg, Inflation und Weltwirtschaftskrise zunehmenden realen Ungleichheit andererseits, beschreiben– eine Spannung, die sich bis heute nicht gelöst hat.
Nicht umsonst ist derzeit immer wieder von den Parallelen zu den kulturellen und politischen Verhältnisse der 1920er-Jahre die Rede: seien es die Polarisierungen von Debatten und Eigentumsverhältnissen oder der unerfüllte Konflikt zwischen gesellschaftlichen Zuständen und individuellen Lebensentwürfen. In letzteren kommt eine Frage nach Sinn und Identität zum Tragen, die auch Zweig eindrücklich beschäftigte: Leben, die sich mangels sinnstiftender Alternativen radikalisieren, die unbedingte Unterwerfung des Selbst oder Anderer unter ein Dogma der "einen Wahrheit“ – ein Verlorensein, das in den 1920er und-30er Jahren vom individuellen in den gesellschaftlichen Abgrund führte.
Die Schauspielerin Cordelia Wege nimmt in ihrem Solo-Abend diese Verlorenheit in Zweigs Novellen zum Ausgangspunkt einer Suche nach dem ursächlich Menschlichen im Drängen nach sich selbst und nach Gemeinschaft gleichermaßen. Ausgehend von Der Amokläufer und angereichert mit Passagen aus anderen Novellen Zweigs, löst sie den vereinzelten Blick eines Unglücklichen in einer Vielstimmigkeit auf und weitet so den Blick auf die dem "Schicksal Unterliegenden“. •

Johannes Nölting