Wie ist der Fortschritt bloß an diesen Punkt gelangt: die Umwelt zerstört, die Gesellschaft zersplittert – und: Wie kommen wir da wieder raus? Satirisch zugespitzt macht der britische Dramatiker Dennis Kelly Ernst mit dem Rückbau unserer hochtechnologisierten Welt im Spannungsfeld der Frage, ob der Mensch ein natürliches oder ein kulturelles Wesen ist und vor allem, wie er mit seinen Entdeckungen und Erfindungen praktisch umgeht. Aus dem Gedankenspiel eines verwitweten, frischgebackenen Vaters entwickelt sich in der nächsten Generation eine schlagkräftige Untergrundbewegung namens „Die Regression“, angeführt von seiner Tochter Dawn. Knapp zwanzig Jahre später wird daraus bereits eine totalitäre Staatsdoktrin, propagiert durch Dawns Kinder, die Zwillinge. Sie stoßen die Tür weiter auf zu einer vorzivilisatorischen Gesellschaft, in die der Sohn der Zwillingsschwester hineingeboren wird. Dessen Tochter wiederum, Dawn die Zweite, erlebt in spielerischer Verbundenheit zu ihrer Freundin Faith erneut die Lust an Entdeckung und Erkenntnis.

Welche Art von Wissen brauchen wir, um das immense Wissen, das die Menschheit im Verlaufe der Jahrhunderte angesammelt hat, so anzuwenden, dass Krisen gewaltfrei überwunden werden können? Krisen provozieren Entwicklungen, persönliche und menschheitsgeschichtliche. Und nicht jeder Schritt zurück zu Altbewährtem ist regressiv. Regression ist das Ergebnis einer Vermeidungsstrategie: das Unvermögen einerseits, eine Krise, einen Problemstau in vollumfänglicher Widersprüchlichkeit überhaupt zu erfassen – meist sogar aus nachvollziehbaren, verständlichen Gründen. Und andererseits ein Denken und Handeln, das hinter bereits gemachte Erfahrungen zurückfällt, sie in bestimmten Teilen abwehrt, statt mit ihnen umzugehen. Die Regression unterläuft gewaltsam Lösungsansätze, die einen erweiterten Umgang mit sich und der Welt erfordern würden.

Eine der ältesten Erzählungen, die Wissen, Neugier und Eigenwillen zu denjenigen Grundübeln erklärt, die direkt in den gewaltvollen Unheilzustand der Welt führen, ist die des Sündenfalls und der damit verbundenen Vertreibung der Menschen aus dem Paradies; aus einem Zustand, in dem sich alles, Pflanzen, Menschen, Tiere, das Göttliche, in einem stabilen, stationären Gleichgewicht befinden. Der antike Philosoph Platon wiederum bewertet die Suche nach Erkenntnis positiv. Der menschliche Wunsch, die Welt zu erkennen und zu verstehen, wird zusammengedacht mit dem Verlangen, einem anderen Menschen nahe zu sein – mit der geistigen Dimension von Liebe: zwei spezifisch menschliche Eigenschaften, ebenso wie als Drittes die Fähigkeit zu Humor.

Es sind neben der Lust am Bösen diese Eigenschaften – die Fähigkeit ein "Wir" herzustellen durch einen reflexiven Weltbezug, Empathie und Humor –, die in der letzten Stufe der Regression in Dennis Kellys Stück noch bleiben, bevor der Mensch aufhört, Mensch zu sein. Faith und ihre Freundin Dawn ziehen sich nicht zuletzt deswegen so sehr an, weil sie sich gegenseitig ein Stück Welt eröffnen können: im Guten wie im Schlechten. Vielleicht liegt darin der utopische Kern und eine mögliche Antwort auf die Frage, wie sich Krisen unter Einbeziehung unterschiedlicher Erfahrungen und Wissensstände in gegenseitiger Zugewandtheit bearbeiten ließen, indem wir nicht aufhören, uns daran zu erinnern, dass wir gleichzeitig sowohl selbstbestimmte als auch in Beziehung stehende Wesen sind, abhängig voneinander und von unserer Umwelt. Oder was wäre die Alternative?
Sibylle Baschung

MIT Claude De Demo, Gerrit Jansen, Jonathan Kempf, Philine Schmölzer, Dennis Svensson
REGIE David Bösch
BÜHNE Patrick Bannwart
KOSTÜME Falko Herold
VIDEO Patrick Bannwart, Falko Herold
LICHT Mario Seeger
DRAMATURGIE Sibylle Baschung

„Der Weg zurück“ entstand im Rahmen der Exzellenzreihe, gefördert durch die Deutsche Bank Stiftung.