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Menschen!

Moritz Rinke über das neue Autoren-Programm am Berliner Ensemble

Vor ein paar Jahren bin ich an das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig berufen worden, um ein Semester Drama zu lehren. Schon bei der Vorstellung der Seminarthemen befielen mich schreckliche Zweifel: Kann man überhaupt Drama lehren? Kann man, darf man Dramen überhaupt noch schreiben? Die Postdramatik, die ja das Ende von Dramenfiguren quasi wie mit dem Fallbeil verkündet hatte, geisterte noch immer durch die Feuilletons und die wenigen Stücke, die wirklich als Stücke mit Figuren zur Uraufführung kamen, wurden zu Well-Made-Plays erklärt, was im Gegensatz zu englischen Standards hierzulande nicht unbedingt als Kompliment zu werten war.

Ich hatte in Vorbereitung auf das erste Seminar alle theoretischen Schriften über das Drama gelesen: von Aristoteles, Lessing, Schiller, Goethe, von den Franzosen Corneille und Diderot, natürlich von Brecht, Dürrenmatt, Peter Szondi, ich las sogar Adornos Offenen Brief an Rolf Hochhuth, dazu Theoretisches von Handke, Heiner Müller oder Jelinek mit dem Titel „Ich schlage sozusagen mit der Axt drein“.

Als ich alles gelesen hatte, fragte ich mich, ob mir das bei der Lehre wohl helfen würde? Und ob ich jetzt, nach der Lektüre, selbst noch schreiben könne?

Mein eigener Literaturprofessor, bei dem ich als Student in Gießen das Seminar zur „Ästhetischen Theorie“ von Adorno besuchte, der konnte Adorno auswendig, jeden Adornosatz, Walter Benjamin auch: Kunstwerk, Ursprung, Aura, dazu Lukács, Romantheorie, alles. Als er dann seinen ersten Roman begann, wurde er angeblich in die Psychiatrie eingewiesen, seitdem möchte ich von ästhetischen oder literarischen Theorien lieber nichts mehr wissen.
 
Trotzdem sollte ich nun ein ganzes Semester lang Drama lehren, da musste irgendwas Lehrbares her, wenigstens den alten Aristoteles mit seinen „sechs Elementen der Tragödie“ könnte ich zitieren, dachte ich: „Handlung/Dramatische Situationen“, „Charaktere“, „Rede“, „Gedanke“, „Schau/Szenerie“ und „Gesang/Musik“ – mit diesen „sechs Elementen“ würde ich beginnen.
 
Wie allerdings auf Drama-Studenten reagieren, die mir erklären würden, dass die „sechs Elemente“ ziemlich krass retro seien und das man heute Theater ohne „Handlung“ mache, ohne „Charaktere“, ohne „Rede“, eigentlich ohne alles?

Vielleicht, dachte ich, müsste ich die Studenten mit diesen gelben Reclam-Heften und der darin enthaltenen Dramenliteratur des Abendlands bewerfen oder im Seminar so eine Art Glaubenskrieg ausrufen: Die Postdramengläubigen gegen die Dramengläubigen! Wie bei Luther, Zwingli, Calvin und den Protestanten, deren Streit um die Frage, ob beim Abendmahl Christus real anwesend sei, schließlich ja sogar in den Hugenottenkriegen endete, in der Bartholomäusnacht...

"Wenn es das Kino so machen würde wie die Theaterleute, dann sähen wir wahrscheinlich immer nur noch denselben Film!"

An diese blutigen Kämpfe unter den reformierten Hugenotten musste ich wirklich denken, als ich in der Vorbereitung des neuen Berliner Ensemble mit dem Intendanten und Regisseur Oliver Reese entschied, ein Autoren-Programm nach dem Vorbild des National Theatre in London zu entwerfen.

Ich bin in der Vorbereitung viel ins Kino und in Autorenlesungen gegangen. Jedes Mal, wenn ich aus guten Filmen oder Lesungen wieder herauskam, ging es wieder zurück in den Theaterbetrieb und in den fünftausendsten „Sommernachtstraum“, ins “Käthchen von Heilbronn“, den „Faust“, den „Kirschgarten“ etc. Alles tolle Stücke, die ich bewundere, aber wenn es das Kino so machen würde wie die Theaterleute, dann sähen wir wahrscheinlich immer nur noch denselben Film!

Dass viele Theatergänger dieses Gefühl offenbar immer noch nicht haben, ständig denselben Film zu sehen, hat mit dem deutschen Regiewunder zu tun.

Unser deutschsprachiges Theater ist reich an solchen wundervollen Regisseurinnen und Regisseuren, deren spezielle Ästhetik wir lieben, und die ihnen schon einigen Theaterruhm eingebracht hat. Wir lieben auch das Wiedererkennbare ihrer Handschrift, bis wir ihrer eines Tages überdrüssig werden, aber dann kommen neue mit neuen Handschriften.

Wir lieben vor allem die Gabe dieser Regisseurinnen und Regisseure, in alten Texten immer wieder die Gegenwart aufscheinen zu lassen, entweder durch die Schauspieler, deren Präsenz und heutiger Körpergestus in Spannung zu den alten Texten steht. Oder durch Bearbeitungen der alten Texte, durch die mittlerweile gängige Doppelberufung des „Dramasseurs“, durch Um- oder Überschreibungen.

Manchmal gibt es auch allerlei herangeschleppte Einfälle, um uns mit der Brechstange vom alten Text in die Gegenwart zu stoßen, aber im Großen und Ganzen ist es ein immerwährendes und endloses Fest, das unsere Regisseure mit den alten Dramatikern feiern. Und die Leistung der Regie bemisst sich dabei meist an der Sichtbarmachung des Dazugekommenen, dem sichtbaren Abstand zwischen der als bekannt vorausgesetzten Vorlage und deren formaler oder inhaltlicher Veränderung. Die Regieleistung bemisst sich im Wagemut des Regisseurs, wie ein schwindelfreier Restaurator unter dem Kuppelbau der alten Stücke herumzuturnen und neue Nuancen unter der alten Fassade freizulegen.

Das ist natürlich eine schlechte Nachricht für Theatergänger, die schon jetzt lieber ins Kino gehen. Wenn das Kino von heutigen, neuen Geschichten lebt, die möglichst realistisch erzählt werden, so zieht sich das Theater in die Interpretation und Restauration alter Gemäuer und Fassaden zurück – oder es flüchtet, wie auf dem letzten Berliner Theatertreffen, ganz aus seinem eigentlichen Handwerk in die Auflösung von Repräsentation und Menschen-Darstellung.

Es ist auf den ersten Blick auch eine schlechte Nachricht für heute schreibende Dramatiker, denn welcher berühmt gewordene Regisseur tritt bei einem Gegenwartstext schon großzügig  hinter seine im Umgang mit Klassikern erworbene Veränderungskompetenz zurück?

Es ist aber nur auf den ersten Blick eine schlechte Nachricht. Bei genauerer Betrachtung ist es eigentlich genau umgekehrt: Das Theater sehnt sich nach erzählenden Theaterstücken, sonst würde es ja die alten nicht ständig aufführen! Das Theater sehnt sich vermutlich sogar nach den „sechs Elementen“ des Aristoteles, nach Handlung, Rede, Gedanken usw. sonst würde es ja nicht aus lauter Verlegenheit, ständig Filme oder Romane adaptieren oder sogar zum Dokumentartheater der 60iger Jahre zurückkehren! Und das Theater sehnt sich nach Figuren, nach Charakteren! Denn wo sollten denn all die wundervollen Heerscharen an Schauspielern hin, die wir in diesem Land an die Theater engagieren, wie in keinem anderen Land der Welt? Sollen die alle in die Live-Performance, in die Installation, ins Posttheater, alle entpersonalisiert und ihrer eigentlichen Gaben beraubt?

Nein, es gibt beim Theaterpublikum wie bei den Schauspielern in Wahrheit eine große Sehnsucht nach Stücken, nach Geschichten, nach Leben und Repräsentanz und Darstellung. Nach Schauspielern als Menschendarsteller. Ja, Menschendarsteller! Das ist ja kein irgendwie anthroposophischer Begriff oder eine Forderung nach „Bürgerlichem Trauerspiel“, sondern eine Bezeichnung, mit der wir jahrzehntelang Schauspieler feierten.

Und nun sollen wir uns von den neuen Theaterkuratoren erklären lassen, dass Menschendarstellung nicht mehr gehe? Warum? Sind Menschen nicht mehr komplex genug? Oder ist die Komplexität der Welt dramatisch gar nicht mehr darstellbar?

Aber was bitte heißt das denn? Dass sich Menschen in Konflikten nicht mehr persönlich gegenüberstehen, sondern nur noch auf globale Mächte treffen? Dass die Menschen nicht mehr wissen, was sie empfinden und begehren, hassen oder lieben und dass sie deshalb nicht mehr wissen, wer sie sind und darum nicht mehr auf der Bühne „Ich“ sagen dürfen? Aber warum? Wegen des Internets? Weil Menschen nur noch geborgte Identitäten sind oder sie irgendwas Globales verschluckt hat? Oder ist es jetzt eher das Postfaktische, weshalb sie nun plötzlich nicht mehr darstellend und repräsentativ auf der Bühne erscheinen dürfen?

Offen gestanden klingt das unterkühlt und übertheoretisiert, nach Theaterkuratorensprech. Und es ist ohnehin ermüdend, wenn immer wieder das Drama gegen das Postdrama ausgespielt wird. Sollen doch die einen denken, dass der Leib Jesu wirklich im Abendmahl sei; die anderen glauben eben, dass er zur Rechten Gottes im Himmel sitze.

Ich glaube hingegen, mit Verlaub, dass Menschen im Drama noch darstellbar sind. Und dass die Welt keinesfalls jener postdramatischen Prämisse entspricht, sondern im Gegenteil: sie wird immer antagonistischer, radikaler, gespaltener, auch verrückter, irrsinniger. Wieso bitte sollte das unerzählbar sein? Diese Welt entzieht sich nicht der Form des Dramas, nein, sie entspricht ihr!

Das neue Autoren-Programm des Berliner Ensemble sucht erzählstarke Autoren, die nicht nur unbedingt aus der Dramatik kommen müssen, sondern auch aus dem Film, der Prosa, der Reportage. Im besten Sinne naive, mutige, menschenzugewandte Autoren, die vielleicht nicht den ganzen theoretischen, manchmal auch kalten Jardonballast des Theaters mit sich herumtragen, sondern von Figuren und Situationen sprechen, wenn sie über ein Drama nachdenken. Autoren, die keine Angst haben, eine Geschichte zu erzählen, auch wenn sie noch keine Form dafür haben oder sich in ihrer Erzählung irren könnten. Und Autoren, die sich Schauspieler ansehen und auch mit Schauspielern zusammen die Stücke in ersten Fassungen lesen, hören, erleben und weiterentwickeln.

Wenn ich Maler wäre und mir würde jemand sagen, ich solle bitte die Welt abbilden und nicht abstrakt malen, dann würde ich ihn als reaktionär bezeichnen. Aber die Repräsentanz im Drama und im Theater ist eine andere als in der Bildenden Kunst. Wir schauen nicht auf einen leblosen Gegenstand, der irgendetwas abbildet, sondern auf Menschen, die das Vornotierte verwandeln. Wir sehen im Drama zuerst die, die es realisieren und erst danach das, was es zeigen und erzählen könnte. Und genau deshalb wird es umgekehrt ein Postdramentheater auf lange Sicht kaum geben können, denn solange Schauspieler auftreten, treten Menschen auf, Biografien, Künstler, deren größte Gabe die Nachahmung des Erlebten und die Verwandlung ist.

Natürlich kann kein Dramatiker glücklich werden, wenn sich die Schauspieler vom Blatt weg an der vornotierten Welt die Zunge brechen, sondern das Theater beginnt zu leben, wenn sich die Welt des Autors mit der Phantasie und der Personalität des Regieteams und der Schauspieler und ihrer Transparenz des Erlebens verbindet. Und sie danach – hoffentlich – als etwas Neues abhebt und fliegt.

Von solchen Verbindungen träumen wir am neuen Berliner Ensemble. Man kann mit so einem gemeinsamen Ideen- und Arbeitsraum von Autoren und Theatermachern scheitern. Man kann sich damit auch angreifbar machen, wenn nicht schnell etwas Zählbares dabei herauskommt.

Und weil wir schon bei den Gläubigenund bei Gott im Himmel waren. Ich prophezeie: Wenn wir nicht mehr erzählen, sind wir geliefert. So ähnlich sagte es sogar der Pfarrer bei der Trauerfeier für den großen Dramatiker Tankred Dorst in der Berliner Luisenkirche. Ein Theater ohne Autoren, ohne Stücke, ohne Geschichten und dramatische Situationen, das wird nicht nur irgendwann die Schauspieler verlieren, sondern ganz bestimmt auch die Zuschauer.

Die sind nämlich keine „Postmenschen“, sondern die kommen wirklich aus Fleisch und Blut an die Abendkasse.

 

Moritz Rinke, einer der meistgespielten Dramatiker Deutschlands, leitet ab der kommenden Spielzeit das Autorenprogramm des Berliner Ensembles. Dieser Text erschien in gekürzter Form als Debattenbeitrag in der Süddeutschen Zeitung.