Im März 1972 wurde im Theater Brandenburg Müllers Bearbeitung von Shakespeares Tragödie Macbeth uraufgeführt. Nach eigenem Bekunden wollte Müller „Zeile für Zeile“ dieses Stück, das ihm unter Shakespeares Dramen besonders wenig gefiel, übersetzend ändern. In deutlicher Wendung gegen die tradierte Rezeption, die an der Vorlage die Züge des Seelendramas noch verstärkt hatte oder göttliches Fatum walten sah, drängt er die Psychologie der Gewissensqualen rigoros an den Rand und erzählt in äußerster Verknappung die Story eines brutalen und blutigen feudalen Machtkampfs. Während bei Shakespeare Macbeth’ Herrschaft eingerahmt wird von den positiven Herrscherfiguren Duncan und Malcolm, läßt Müller sämtliche Akteure roh, mörderisch, machtgierig, zynisch und opportunistisch erscheinen. Die Zeit der Macbeth-Herrschaft bleibt eine bloße Etappe im Räderwerk des blutigen Geschichtslaufs. Ob diese Szenerie aus Macht, Mord, Krieg und neuer Macht den Namen Geschichte zu Recht trägt, ist fraglich. Shakespeare ist der Dramatiker des epochalen Umbruchs zwischen feudal-mittelalterlicher und bürgerlich-kapitalistischer Welt, doch in Müllers Bearbeitung erblickt man auf der Bühne ein zeitloses Gemetzel um Macht und Überleben, ohne Erinnerung an eine gute Vergangenheit oder einen Hoffnungsschimmer von der Zukunft her: „Mein Tod wird euch die Welt nicht besser machen“ sind Macbeth’ letzte Worte. „Die Welt hat keinen Ausweg als zum Schinder.“ Müller zeigt eine Geschichte im Stillstand.

Den Dramatiker und politischen Denker Müller interessiert nun in der Tragödie des Tyrannen die subjektive und die objektive Gestalt der Staatsmacht, wenn sie kein anderes Ziel mehr zu verfolgen vermag, als die bloße Erhaltung ihrer selbst. Nicht um einen vagen Pessimismus als Weltanschauung geht es, sondern um das Verständnis eines Zustands, in dem Politik objektiv die Form brutaler persönlicher und fraktioneller Machtkämpfe annimmt. In die düstere politische Szene trägt die Macbeth-Bearbeitung eine Analyse der subjektiven Seite absoluter Machtausübung – durch eine spezifische Gestaltung des Macbeth, die, obwohl dem alten Text treu, ganz Müllers Werk ist. • Hans-Thies Lehmann