Nach langwieriger Scheidung und Übergangsquartier in der Garage seiner Exfrau ist der Misanthrop Wheeler am Nullpunkt seiner Existenz angelangt. Von der Midlife-Crisis gebeutelt, ist für ihn ein biographischer Neustart mehr als überfällig. Was jetzt kommt, kann nur besser oder der Anfang vom Ende werden. Schnell muss er feststellen: Die Abwärtsspirale ist nicht aufzuhalten – inklusive einiger unverhoffter Wendungen. Das neue Stück von Tracy Letts ist ein tragikomischer Trip in die Lebenswelt eines Verlierers, der fassungslos auf die Schneise der angerichteten Verwüstung seines Lebens blickt.

Der Psychoanalytiker Edmund Bergler bezeichnete bereits 1955 das Phänomen der Midlife-Crisis als eine „Revolte“, um die männliche Krise der mittleren Lebensjahre im Spiegel von Todesangst, ungelebten Träumen, Ausbruchphantasien und pubertärer Selbstfindung zu bebildern. Ist Wheeler solch ein Revoluzzer im Auftrag der eigenen Krise? Ein einsamer Kämpfer auf verlorenem Posten? Schuld an der eigenen Misere sind ja immer die anderen, die ganze Welt eine einzige Zumutung. Der Umstand, dass er von Frauen umgeben ist, die ihm an Ehrlichkeit, Krisenmanagement und Ich-Stärke um einiges voraus sind, macht die Sache nicht besser.

Denn gegen wen oder was kann sich Wheelers Revolte dann noch richten? Wenn die Verantwortung für das eigene Leben und Scheitern allein bei ihm selbst zu suchen ist? Wenn er als weißer, heterosexueller Mann zur privilegierten Mehrheitsgesellschaft gehört und kein Opfermythos mehr greift? Wenn die holperigen Rettungsversuche seines Lebens ihn nur immer mehr der Lächerlichkeit und Verletzbarkeit preisgeben? Wenn auf den Verlust aller Rettungsringe die Frage folgt: Wer bin ich denn eigentlich überhaupt? Um es mit den Worten Anton Tschechows zu sagen: „Eine Krise kann jeder Idiot haben. Was uns zu schaffen macht, ist der Alltag.“ Tobias Kluge