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UBU REX

Von Stef Lernous nach Alfred Jarry 

Die Relativität der Wahrnehmung ist eine gängige Formel des modernen Weltverständnisses, die im machtgierigen Kosmos König Ubus  die Lehren Kants auf merkwürdige Art und  Weise zuspitzt und pervertiert: Unumgängliche Subjektivität als Ritterschlag des Egoismus.
Als die Aufklärung Gott abschafft, landet der Mensch auf dem Thron und gleichzeitig im Dreck. Nur auf sich selbst zurückgeworfen lebt er von nun an in der eigenen zur Tyrannei erhobenen Gemeinheit des Instinkts. Es entsteht ein Geschlecht von Extremist*innen, die sich nach Anpassung sehnen; Kleinbürger*innen, die sich niemand anderen vorstellen können, als sich selbst. So fällt die unbedingte Nichtverantwortlichkeit des Menschen mit der unbedingten Freiheit und Deutungsmacht des Individuums zusammen.
Dieser Zusammenfall – im doppelten Sinne – der Gegensätze zwischen Schicksal, Triebverhaftung und Freiheit kann nun nicht mehr in Gott sondern nur noch im narzisstischen Selbst gefunden werden, in übersteigertem Egoismus und Selbstermächtigung.
All das findet sich auch in der Figur des König Ubu: machtbesessen, habgierig, mordlüstern, skrupellos,  vulgär und feige verkörpert er den Spießer, genauso wie den Bürgerschreck, den Tyrannen wie den Anarchisten, den Feigling wie den Massenmörder.
Stef Lernous hat die Vorlage König Ubu von Alfred Jarry in unsere heutige Welt übertragen, die trotz veränderter gesellschaftlicher Verhältnisse noch immer nach den gleichen Paradigmen zu funktionieren scheint. Dementsprechend  arbeitet Stef Lernous in seiner Überschreibung mit ähnlichen Figuren und einer ähnlichen Figurenkonstellation: Im Zentrum steht das herrschsüchtig Ehepaar Ubu, das die Macht ergreift um sie gewissenlos zum eigenen Vorteil zu missbrauchen und schließlich fliehen muss. Hier  allerdings nicht, wie bei Jarry, in einer höfischen Welt, sondern in einer kleinbürgerlichen, privatistischen Gesellschaft, die stets auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Das Bild allerdings bleibt das gleiche: Eine  politische Landschaft, die denjenigen zur Macht verhilft, die am schamlosesten nach ihr greifen; die diejenigen belohnt, die am lautesten schreien und die Schuld stets bei den anderen finden. Frei von jeder Notwendigkeit zu begründen oder zu beweisen, lässt sich behaupten, was dem eigenen Vorteil dienlich ist.
Fast prophetisch beschrieb Jarry vor 124 Jahren eine Konstellation, mit der wir es auch heute wieder (oder noch) zu tun haben; die den ganzen dreckigen Bodensatz des Menschlichen aufwühlt, all das ausspricht, von dem die bürgerliche Gesellschaft  hoffte, dass es verschwinden würde, wenn man es nur nicht mehr sagt  (respektive von dem man hoffte, dass es niemanden auffalle) und so, mit all ihrer Grausamkeit und Asozialität, die Realität erschreckend klar aufzeigt.
Jarry erklärt die Welt durch eine selbstgeschaffene Wissenschaft, die er "Pataphysik“, die "Wissenschaft der imaginären Lösungen“, nennt:
Imagination liegt allem zu Grunde; ergo: alles ist Imagination, Imagination ist alles. Gerade im technisierten Zeitalter von Social Media trifft das in den Kern unseres Weltverständnisses – Realität und Imagination, Bild und Abbild sind nicht mehr zu trennen, das Imaginäre ist das Reale. Pataphysik zerstört die Illusion, indem sie Illusion zum Wesentlichen erklärt.
Das führt zum zentralem Punkt der (Post-)Moderne: Es gibt  verschiedene Versionen der Wahrheit. Das hat Freiheit wie Zwang gleichermaßen zur Folge. Moral wie Realität sind immer ein Produkt der Herrschenden und bestätigen sich so stets selbst – wie schon Nietzsche eindringlich in seiner "Genealogie der Moral" beschrieb. In einer Welt, in der das Subjektive immer über das Kollektive, der eigene Vorteil über Solidarität gestellt wird, führt das zwangsläufig zur Tyrannei des Egoismus.

Von Johannes Nölting