Zum Stück 

Gespenster

von Henrik Ibsen

 

Wir alle sind Gespenster

Ibsens gesellschaftskritisches Stück Gespenster, im norwegischen Original Gegangere, bedeutet wörtlich übersetzt „Wiedergänger“. Wiedergänger sind ruhelose Geister Verstorbener, sie symbolisieren eine schwerwiegende, ungelöste Vergangenheit, sie stehen für unsere Leichen im dunklen Keller, die früher oder später ans Licht kommen. Henrik Ibsen veröffentlichte das Familiendrama 1881 und es rief aufgrund seiner Thematisierung von außerehelicher Sexualität, verheimlichten „Bastarden“, Inzest, Syphilis, Sucht, Prostitution, Frauenemanzipation, Euthanasie – also der radikalen Infragestellung damaliger gesellschaftlicher und religiöser Konventionen – einen Skandal und Aufführungsverbote hervor. Solche Offenlegungen können unsere gegenwärtig überinfomierte und neoliberale Gesellschaft kaum mehr erschüttern. Dahingegen ist die oftmals gespenstisch erscheinende Wahrheit von tabuisierten Familiengeheimnissen mit katastrophalen Folgen für die nachfolgende  Generation, die Wiederholung von Traumata und damit zusammenhängende Krankheiten über Generationen hinweg, von zeitloser Relevanz und inzwischen weitaus genauer erforscht und  belegt als zu Ibsens Lebzeiten.
Es herrscht abgrundtiefe Einsamkeit im Hause Alving. Das gefährlichste Gespenst in Ibsens Gegen-Stück zu Nora oder ein Puppenhaus ist die Lebenslüge der Helene Alving, die ihr familiäres Korsett – im Gegensatz zu Nora – zu lange trägt. Um die bürgerliche Fassade aufrecht zu erhalten und ihre Existenz zu sichern, erduldet sie die exzessive Promiskuität ihres Mannes, die ein uneheliches, zu verheimlichendes Kind mit ihrer Hausangestellten Johanne zur Folge hat. Die werdende Mutter wird schnellstens für eine hohe Summe mit dem Tischler Engstrand, inklusive Segen des ahnungslosen Pastor Manders, verheiratet und ihr vermeintlich gemeinsames Kind, Regine, wird viele Jahre später als Hausangestellte im Hause Alving die unausgesprochene Schuld abarbeiten. Osvald Alving, der aus Paris zurückgekehrte Sohn des Hauses, verliebt sich daraufhin – gleich einem Wiedergänger  seines verstorbenen Vaters – in Regine, nicht ahnend, dass sie seine Halbschwester ist. Eine fatale Wiederholung zeichnet sich ab. 
Helene Alving, die erst als Witwe den Mut findet, ihr hart erarbeitetes Gebäude aus Lebenslügen endlich einstürzen zu lassen, muss erkennen: „Ich glaube fast, wir alle sind Gespenster. Nicht nur das, was wir von Vater und Mutter geerbt haben, spukt in uns herum. Auch alle möglichen mausetoten Anschauungen, Meinungen, alter Aberglaube und so weiter. Es lebt nicht in uns, aber es steckt doch in uns, und wir werden es nicht los. Das ganze Land muss voll sein von Gespenstern!“ Eine zu späte Erkenntnis, denn Untotes ist nicht tot zu kriegen: Grausam wird Helene Alving vor Augen geführt, dass ihre Anpassung an die gesellschaftliche Doppel moral  letztlich auf die Opferung ihres einzigen Kindes hinausläuft. Denn Osvald, den sie frühzeitig in fremde Obhut gegeben hat, damit er unbelastet bleibe von dem Skandalon hinter der bürgerlichen Fassade, kann sich nicht mehr von seinem unheilvollen Erbe befreien. Gleich seinem Vater, unheilbar an Syphilis erkrankt, bittet er  ausgerechnet seine Mutter darum, sein junges Leben zu beenden. 
Helene Alving wird, vergleichbar mit der Tragödie  eines Ödipus, unschuldig schuldig. Ibsen schrieb zu der von ihm angestrebten Revolutionierung des Menschengeistes: „Was bei diesem Kampf aufs Messer herauskommt, der zwischen zwei Epochen geführt wird, das weiß ich nicht: alles, nur nicht das Bestehende, und das ist für mich bestimmend! Vom Sieg verspreche ich mir eigentlich keine stabile Verbesserung: Alle Entwicklung ist bis jetzt nichts weiter gewesen als ein Taumeln von einem Irrtum in den anderen.“ 
Mateja Koležnik hat ihr künstlerisches Konzept mit ihrem Team aufgrund der gegenwärtigen Realität von „Social Distancing“ verändert. Raimund Orfeo Voigt und Leonie Wolf haben dafür ein Raumlabyrinth entworfen, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint und welches gleichzeitig spannungsvoll mit der größtmöglichen Distanz zwischen den Menschen spielt. Die Vereinsamung und die Undurchschaubarkeit der Gesamtdynamik für den Einzelnen verdichtet sich räumlich beklemmend. Kein Draußen in Sicht. Die Zuschauer*innen imaginieren die jeweiligen Begegnungen ähnlich wie beim Film per Schnitt und Gegenschnitt.
Die slowenische Theater- und Opern-Regisseurin Mateja Koležnik hat bereits vier Stücke von Ibsen inszeniert. Sie arbeitet regelmäßig in Wien, München, Frankfurt, Basel und Ljubljana. Koležnik gewann zahlreiche Preise und Auszeichnungen und inszenierte am Berliner Ensemble zuletzt die Deutsche Erstaufführung von Arne Lygres "Nichts von mir". 

Von: Amely Joana Haag