ZUM STÜCK

THE WRITER

VON ELLA HICKSON

Aus dem Englischen von Lisa Wegener

 

THEATERMACHER 2.0

Die namenlose Autor:in, die die britische Dramatikerin Ella Hickson in The Writer zur Hauptfigur ihres autofiktionalen Stückexperiments macht, ist eine Wesensverwandte von Thomas Bernhards Theatermacher. Wie Bruscon krankt auch sie an der Welt, den eigenen hochfliegenden künstlerischen Ambitionen und der Ignoranz der sie umgebenden Menschen. Der beständige Zweifel, das Drama des Unfertigen, das künstlerische Prozesse umweht, sind ihre Begleiter. Bernhard schickte seinen Impresario 1984 in einen monomanen Kampf gegen das Elend der Provinz und der Talentlosigkeit seiner Familie. Über dreißig Jahre später zieht Hicksons Autor:in in die Schlacht gegen ein System, das die Bruscons dieser (Theater-)Welt noch immer verkörpern: männliche Entscheidungshoheit und Geniekult, Sexismus und die Kommerzialisierung der Kunst sind die machtvollen Gegner. Als ob der Theatermacher es mit seinen misogynen Tiraden ("Mit Frauen Theater zu machen ist eine Katastrophe") selbst heraufbeschworen hätte. In seinen gestochen scharfen Dialogen, der Komplexität seiner dramaturgischen Architektur und seinen emotional aufgeladenen Situationen wirkt The Writer wie ein exemplarisches Beispiel für die Qualitäten des britischen "Well-made Play". Und doch ist es ein Formexperiment, das die Grenzen seines Genres sprengt, in dem es ständig neue Handlungs- und Spielebenen einzieht. In diesem Vexierspiel stellt Hickson die Frage danach, ob und wie die Kunst auf aktuelle Krisen reagieren kann, wie feministische Perspektiven und der weibliche Blick auf die Welt Struktur und Inhalte des Theaters verändern können und welche patriarchalen Hemmnisse dabei aus dem Weg zu räumen sind. Aber das Theater bleibt bei Hickson nicht die einzige Bezugsgröße: Parallel dazu untersucht sie Machtgefälle in privaten Beziehungen; heterosexuelle genau wie genderqueere Konstellationen werden auf Rollenzuschreibungen, Klassismus und toxische Muster untersucht. Damit bleibt Hickson der Forderung der Philosophin Amia Srinivasan treu, nach der der Feminismus schonungslos die Wahrheit zu sagen habe, nicht zuletzt über sich selbst. Auch wenn das die schmerzhafte Erkenntnis mit sich bringt, dass Machtmissbrauch in patriarchalen Strukturen kein intrinsisch männliches Verhaltensmuster ist. Auch die Theatermacherin weiß die Hebel im Maschinenraum der Macht zu bedienen.

Jan Stephan Schmieding

 

MIT Pauline Knof, Jonathan Kempf, Max Gindorff, Theresa Gmachl
REGIE Fritzi Wartenberg
BÜHNE Janina Kuhlmann
KOSTÜM Anneke Goertz
MUSIK Emily Stewart
LICHT Maxim Astor
DRAMATURGIE Jan Stephan Schmieding

 

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