Wie würden Sie in Worte fassen, wer Sie sind? Welche  Momente würden Sie auswählen, wenn Sie jemandem die Geschichte Ihres Lebens erzählen wollten? Und in welcher Reihenfolge würden Sie sie erzählen? Wer oder was  bestimmt maßgeblich, wie Ihr Leben verläuft? Wann gilt ein Leben als gelungen?

Tracy Letts, der US-amerikanische Schauspieler, Regisseur und Dramatiker, hat anlässlich des Todes seiner Mutter einen filigranen Text geschrieben – der natürlich nicht von seiner Mutter handelt. Ihr Tod war für Letts Anlass, über das Leben beziehungsweise über die Gestaltungsmöglichkeiten und Begrenzungen, denen wir begegnen, nachzudenken. Und über die Frage: Wie lässt sich erfassen, wer jemand ist oder war? Wie gut kennen wir nahestehende Menschen wirklich? Und uns selbst? Entstanden ist ein feingewebtes biografisches Geflecht, eine Hommage an das Leben, egal wie spektakulär, gewöhnlich, tragisch, aufregend oder trostlos es verläuft. Immer bleibt es einzigartig, unwiederholbar und vollendet sich im Tod. In elf Szenen, die zeitlich vor und zurück springen, entfaltet Tracy Letts die in ihrer Einfachheit zutiefst bewegte und bewegende Geschichte über die Höhenflüge und Katastrophen sowie die vielfältigen Zwischentöne im Leben einer Frau namens Mary Page Marlowe von ihrer Kindheit bis kurz vor ihrem Tod im Alter von neunundsechzig Jahren. Ein Leben, das auch mal komplett aus den Fugen gerät, schwerwiegende Risse erhält, aus fragmentarischen Erinnerungen besteht und genau darin vollkommen und liebenswert ist, wie eine alte, unersetzlich gewordene Patchworkdecke, über die die knapp sechzigjährige Mary Page sagt: "Brüchig. Aber sie ist noch ganz." Verkörpert von verschiedenen Schauspielerinnen erscheint Mary Page als eine Persönlichkeit, die auseinanderzudriften droht in ihren unterschiedlichen Rollen, die sie zu spielen hat. Und doch gibt es Zusammenhänge, die sich herstellen, die herstellbar sind.

Wir begegnen Mary Page zum ersten Mal in der Mitte ihres Lebens in den Achtzigerjahren als vierzigjährige Mutter in Erklärungsnot. Wie soll man einer pubertierenden Tochter und deren sensiblem jüngeren Bruder verständlich machen, dass Liebe nicht immer von Dauer ist? Dass ihr Elternhaus zerbricht und dass sie, Mary Page, das mitverantwortet? Getrieben von den unvermeidlichen Schuldgefühlen weicht sie den intuitiv richtigen Fragen ihrer Tochter aus und macht damit das zum Motor der Szene, was sie nicht aussprechen kann: "Ich, Mary Page, bin Handelnde und trage die Mitschuld an eurem Unglück."

Nicht ganz, aber doch ein wenig anders stellt sich im Kontrast dazu Mary Pages Welt in der folgenden Szene mit neunzehn Jahren dar, Mitte der Sechzigerjahre, als sie ihre Entscheidungen nur vor sich selbst zu verantworten hat. Überzeugt davon, ihr Leben selbst in der Hand zu haben, schlägt sie selbstbewusst den Heiratsantrag des beliebtesten Jungen aus, da sie sich sowieso viel zu unabhängig fühlt, um überhaupt jemals zu heiraten. Und mit vierzig lässt sie sich scheiden. Was in der Zwischenzeit geschehen ist, bleibt im Dunkeln. Die Erinnerung gibt nur einzelne Bruchstücke preis und auch das erst drei sowie sechs Szenen und zehn beziehungsweise zwanzig Jahre später: Kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes, einer Tochter, bricht sie mit einer Affäre aus ihrer Ehe aus. Es wird nicht bei der einen bleiben.

ZWANG ZUR SELBSTBEHAUPTUNG

Tracy Letts zeigt in diesen Szenen einen Menschen auf der Suche nach dem, was er sein will und sein kann, in einer Zeit, in welcher vorgefertigte Rollenbilder, obgleich sie in Bewegung geraten, immer noch Macht haben. An die Stelle der Normierung des Menschen nach gesellschaftlich vorgegebenen Rollenbildern, schiebt sich seit den 60er-, 70er-Jahren allmählich die Aufforderung zur kreativen und eigenverantwortlichen Selbstverwirklichung. Gemeinsam mit Mary Page stellt Letts dabei die existenzielle Frage in den Raum, wie es um unsere Freiheit steht, unsere Lebensentwürfe eigenmächtig verantworten zu können oder zu müssen. Mary Page jedenfalls hat sich in der Mitte ihres Lebens im Jahre 1982 selbst verloren, zweifelt grundlegend daran, dass sie jemals ihr Leben gestaltet und eigenständige Entscheidungen getroffen hat. Ohnmächtig fühlt sie sich dem Zufall ausgeliefert, sich selbst entfremdet, ohne zu wissen, wer diese eigentliche Mary Page denn über-haupt sein sollte. Mit dieser Frage geht sie zum Therapeuten.

Mittel und Ziel der psychoanalytischen Praxis ist die Autonomie: Sie zielt darauf ab, die Menschen zu autonom Handelnden in Sachen Selbstveränderung zu machen. Sie steht damit im Zusammenhang einer gesellschaftspolitischen Entwicklung, die den Einzelnen zum Hauptverantwortlichen seiner Handlungen macht: "Im Verlauf der letzten drei oder vier Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts", so der Soziologe Alain Ehrenberg, wurde schrittweise "eine auf Disziplin, mechanischem Gehorsam, Konformität und Verboten gegründete Gesellschaft durch eine Gesellschaft verdrängt, die auf Autonomie, das heißt persönliche Leistung, Wahlfreiheit, Eigenverantwortung und die Initiative des Einzelnen setzt." "Nur man selbst zu sein", was so viel heißt wie "handle jederzeit selbstbestimmt, sei unabhängig und schöpfe aus dir selbst", entwickelte sich zu einer gesellschaftlichen Forderung, die der Einzelne erfüllen muss, um an der Gesellschaft teilnehmen zu können. So wird, was als Zugewinn persönlicher Freiheit betrachtet werden kann, angesichts von Wettbewerb und Konkurrenz auf dem Arbeits- und Beziehungsmarkt gleichzeitig als sozialer Zwang empfunden. Und bei dem Versuch, sich selbst eine Struktur zu geben, tauchen Schwierigkeiten auf, die sich in einem Gefühl des Ungenügens, im schlimmsten Fall als Depression äußern und produktives Handeln erschweren bis verunmöglichen. Dieses Gefühl des Ungenügens ist laut Ehrenberg "Ausdruck des Dilemmas, der Spannungen und Widersprüche einer Lebensweise, für die Autonomie zum höchsten Wert geworden ist", ohne dass vorhandene Limitierungen einfach aufgehört hätten zu existieren. Mary Page Marlowe kann unter anderem auch als exemplarische Geschichte für dieses Dilemma gelesen werden.

IDENTITÄT ALS RELATIONALER, OFFENER PROZESS

Während sich Mary Page auf der Ebene der erzählten Geschichte an der verinnerlichten gesellschaftlichen Forderung "sei nur du selbst" und "handle autonom" abarbeitet, setzt Tracy Letts mit der formalen Anlage des Stückes ein anderes Konzept von Identität und damit – auf einer sinnlichen Ebene – eine andere Idee eines gelingenden Lebens demgegenüber: Jede der elf Schlüsselszenen spielt in einem anderen Lebensjahr der Hauptfigur und kann von unterschiedlichen Schauspielerinnen gespielt werden. Für Letts stellt sich das Leben nicht als ein lineares Kontinuum dar, sondern als eine Art Parallelwelt-Universum, in welchem der Mensch – in der Erinnerung und in Zukunftsvisionen – anderen Versionen seiner selbst wie fremden Figuren begegnet. Mary Page ist ein Vielfaches ihrer selbst, eine facettenreiche, schillernde Person bestehend aus unterschiedlichen Figuren in verschiedenen Rollen: Verführerin, Trinkerin, Liebende, Todessehnsüchtige, Kämpferin, Schuldige, überforderte Mutter, selbstbewusster Teenager und vieles mehr. Von außen gesehen ist sie dabei immer eine andere und doch ein und dieselbe: Mary Page Marlowe. So entwerfen mehrere Schauspielerinnen handelnd ein Leben, das reichhaltig ist und das sich wie das Fotoalbum einer Bekannten vor den Betrachtenden aufblättert. Manches er-scheint vertraut, anderes fremd, vieles zufällig, einiges schicksalshaft. Tracy Letts sucht den liebevollen Blick auf dieses brüchige Gebilde, stellt Momente großer Tragik neben Momente glücklicher Erfüllung und banaler Alltäglichkeit voller Intimität. Das Leben entfaltet sich in Schlüsselmomenten, in welchen Entscheidungen getroffen und Handlungen im Zusammenspiel mit anderen vollzogen werden, – bei denen man sich jeweils fragen darf: Wer oder was dabei in welchem Maße treibende Kraft war – sowie in den Leerstellen, in den Sprüngen, die sich der Erinnerung verschließen oder absichtlich verborgen werden und die (selber sowie von und mit anderen) ergänzt, fantasiert, konstruiert werden können. Was wir sind und was wir waren gelingt im Vollzug eines vielgestaltigen, widersprüchlichen, lückenhaften, beweglichen Zusammenhangs, der sich weder vollständig erfassen, geschweige denn abschließend darstellen lässt – und erst recht nicht im Alleingang.

Von Sibylle Baschung