Nach der Niederlage Frankreichs gegen Deutschland sahen sich Regisseur Marcel Carné und Autor Jacques Prévert heftigen Angriffen ausgesetzt. Ihre "morbiden und dekadenten Filme", so die französischen Faschisten, trügen Mitschuld am Kriegsverlauf und an der Besetzung des Landes. Prévert hatte mit der Volksfront sympathisiert und gehörte dem linksradikalen Theater der Groupe Octobre an. Carné wurde als "Sympathisant der Juden" und Homosexueller angegriffen – aus seiner sexuellen Orientierung hatte er nie ein Geheimnis gemacht. Beide waren Pazifisten. Und dennoch hatten sie zu keinem Zeitpunkt vor, ins Exil zu gehen – im Gegenteil: Carné und Prévert beschlossen, den besten französischen Film aller Zeiten zu drehen.

Die "Kinder des Paradieses" sind geprägt von den politischen Frontlinien der Kriegsjahre in Frankreich. Argwöhnisch beäugt von den deutschen Besatzern und der Vichy-Regierung zugleich, war die Realisierung des Films ein einziger Kampf. Ein Teil des Teams schwebte permanent in Lebensgefahr, allen voran Komponist Joseph Kosma und Szenenbildner Alexandre Trauner, die wegen ihrer jüdischen Abstammung versteckt wurden und ihrer Arbeit nur inkognito nachgehen konnten. "Damals war es sehr mutig, aber wenn man jetzt darüber nachdenkt, war es Irrsinn", erinnerte Carné sich später. Sein dreistündiges Mammutwerk war im Frühjahr 1944 schließlich im Kasten und dennoch zögerte der Regisseur die Fertigstellung mit allen Mitteln hinaus: "Ich nutzte alles, um Zeit zu gewinnen: Stromausfälle, Transportprobleme, Recherchen nach schwierigen Toneffekten ... Es war nicht schwer, mit Vorwänden zu kommen, aber eines Tages musste ich eingestehen, dass der Film fertig war." So feierten die "Kinder des Paradieses“ am 9. März 1945 Premiere im befreiten Paris, als erster Film des endlich wiedergewonnen Friedens, bejubelt als ein Monument der geistigen Überlegenheit Frankreichs über den Nazi--Terror. Die Figur der unerreichbaren, nach persönlicher Unabhängigkeit und umfassender Freiheit strebenden Garance galt als politische Allegorie auf das besetzte Frankreich.

Doch während Garance, deren Name nicht zufällig so ähnlich klang wie "La France", nach der Befreiung als Symbolfigur des Widerstands galt, stand ihre Darstellerin Arletty vor einer ungewissen Zukunft. Wegen ihrer Liebesaffäre mit einem deutschen Offizier bezichtigte man die prominente Schauspielerin der Kollaboration mit dem Erzfeind. Ende Oktober 1944 wurde Arletty verhaftet. Carnés Versuch, die Premiere aufzuschieben, mag nicht nur damit zusammenhängen, dass er die Befreiung Frankreichs abwarten wollte, sondern auch die seiner Hauptdarstellerin. Erst im März 1946 kam sie frei. Ihre Karriere war ruiniert.
Prévert wusste von der amour fou seiner engen Freundin Arletty, als er ihr die Rolle der Garance auf den Leib schreibt, es war die "Geschichte ihres Lebens". Durch die Figur der Garance verknüpfte er das Schicksal drei legendärer Männer der französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts: Der Dichter und Mörder Lacenaire, der Schauspieler Frédérick Lemaître und der Mime Baptiste Deburau begehren Garance, doch keiner kann sie halten. Nach einem Justizirrtum nimmt Garance die Protektion des Grafen de Montray an und verschwindet. Sechs Jahre später kehrt sie als Zuschauerin in das Pariser Milieu der Diebe, Gaukler und Komödianten zurück. Die Julirevolution von 1830 ist vorbei, der Kapitalismus floriert und als Garance die drei verlassenen Männer wieder trifft, haben alle drei Karriere gemacht. Die Liebenden werden sich abermals verlieren. So lässt sich die Geschichte der Garance auch als eine Allegorie auf die persönliche Tragik Arlettys lesen.

Die "Kinder des Paradieses sind" als Kunstwerk durchdrungen von den Widersprüchen ihrer Zeit. Der Film ist ein Produkt französischer Kollaboration (auch wenn Carné und Prévert, wo sie nur konnten, dieser aus dem Weg zu gehen versuchten) und des symbolischen Widerstandes zugleich. In der Liebesgeschichte verbarg sich politischer Sprengstoff. "Die einzige Person in Deutschland, die noch eine Privatsphäre hat," so zitiert der französischstämmige Kritiker Georg Steiner einen Nazipolitiker nach der Machtergreifung, „ist jemand, der schläft." Als ein unkontrollierbares Produkt des Schlafes erlangten Träume tatsächlich politisches Gewicht. Sie waren letztes Refugium der Freiheit und Quelle des Widerstands, so Steiner: Die geheimsten Rückzugsräume der Résistance, gegen die sich der totalitäre Despotismus richtete, waren die der Träume. Die "Kinder des Paradieses" zeigen die Welt der Theater und der Kunst als letzten Ort für einen kollektiven Traum von Freiheit – und angesichts vollendeter politischer Unterdrückung lag darin zur Entstehungszeit des Films keine künstlerische Naivität, sondern ein bitterer politischer Realismus.

"Les enfants du paradis", so nannte man die ärmsten, treuesten und leidenschaftlichsten Zuschauer, die oben auf der Galerie, dem "Paradies" bzw. "Olymp", auf den billigsten Plätzen saßen oder standen. Tatsächlich sahen sich die besten Schauspieler, so schrieb es Arletty in einer kleinen Hymne an ihren geliebten Poeten Prévert, als die Kinder ihres Publikums dort droben unterm Dach: als Spiegel für die Träume, die Seligkeiten, die Wut und die Traurigkeit der "Kinder des Paradieses". Angesichts dessen, was Arletty selbst nach dem Krieg widerfuhr, erweist sich ihr eigener Platz im Licht des Ruhms als ebenso fragil und kurzlebig wie das private Glück, das sie in einer Zeit schwerster Verbrechen gefunden hatte. So ist Arletty im Grunde selbst ein vertriebenes Kind des Paradieses. Ola Mafaalanis Inszenierung und die Musik des Komponisten Eef van Breen zeigen "Kinder des Paradieses" als einen kollektiven Traum, der die letzte Chance auf Widerstand in einem totalitären Regime darstellt. Damit legt Mafaalanis Bearbeitung des Stoffes das offen, was das Team um Carné und Prévert durch (Selbst-)Zensur verbergen musste.

Alexandra Althoff