"Die Welt ist gezwungen hinzusehen!"

Bundeskanzlerin Angela Merkel a.D. stellte das Buch "Auf den Straßen Teherans – Irans langer Weg in die Freiheit" im Berliner Ensemble vor und hielt zum Auftakt eine eindrückliche Rede, in der sie die Position der anonymen Autorin Nila und auch ihre eigene Position als ehemalige aktive Politikerin, Frau und ehemalige Kanzlerin reflektiert. Lesen Sie die Rede hier. 

Angela Merkel | 28.05.26
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Wie gern würde ich heute Abend auch die Hauptperson des Abends – die Autorin des Buchs "Auf den Straßen Teherans", dessen Erscheinen der deutschen Ausgabe Anlass dieser Veranstaltung ist – persönlich begrüßen. Doch sie ist nicht hier. Sie kann nicht hier sein, weder persönlich noch zugeschaltet. Und auch ihr Buch konnte die Autorin nur unter einem Pseudonym veröffentlichen: Nila. 


Wir kennen weder ihren echten Namen noch ihr genaues Alter. Sie wird um die 40 Jahre alt sein, vielleicht auch schon Mitte 40. Denn sie schreibt, dass sie nach der islamischen Revolution von 1979 zur Welt gekommen und während des Krieges des Iran gegen den Irak aufgewachsen sei. Dieser Krieg wurde fast acht Jahre geführt, von September 1980 bis August 1988. Irgendwann in dieser Zeit wurde Nila geboren.     
Ihr Buch ist bereits in Frankreich, Großbritannien und Italien erschienen, und zwar während bzw. nach der Protestwelle, die 2022 mit der Festnahme der iranischen Kurdin Masha Jina Amini am 13. September und ihrem Tod im Polizeigewahrsam am 16. September 2022 ausgelöst worden war. 
Masha Jina Amini wurde nur 22 Jahre alt. Die sogenannte Sittenpolizei hatte sie festgenommen, weil ihr Kopftuch den strengen Vorschriften angeblich nicht entsprochen hatte. Ihren Tod im Polizeigewahrsam erklärte man mit einem Herzinfarkt. Doch das war wenig glaubhaft, schon gar nicht für ihre Familie, zu offensichtlich erschienen ihr Spuren der Gewalt gegen den Körper der jungen Frau. 

In der Folge kam es zu immer größer werdenden landesweiten Protesten – aber auch zu brutalen Festnahmen, zu Folter, zu Hinrichtungen. Das Regime schlug zurück, wie es das zuvor schon getan hatte: 

  • so im Juli 1999, als – zwanzig Jahre nach der islamischen Revolution – Studentenproteste ausbrachen, nachdem die reformorientierte Zeitung "Salam" verboten worden war;
  • oder im Juni 2009 in den Protesten der sogenannten "Grünen Bewegung", die sich gegen die mutmaßliche Fälschung der Präsidentschaftswahlen richteten – benannt nach der Kampagnen-Farbe von Mir Hossain Mussavi, dem Herausforderer des damaligen Präsidenten Ahmadinedschad;
  • und im November 2019, als eine drastische Erhöhung der Benzinpreise erneut landesweite Proteste auslöste, in deren Verlauf mehr und mehr politische Forderungen erhoben wurden. 

Keine drei Jahre danach begannen im September 2022 die Proteste nach dem Tod Masha Jina Aminis. Auch Nila ging damals auf die Straße. Hier setzt ihr Buch an. In ihm beschreibt sie sich selbst als Zeugin und als Aktivistin. Denn - ich zitiere aus den letzten Zeilen ihres Buchs: 

"Leben kann passiv sein. Etwas zu bezeugen ist nicht passiv. Dies sind die Worte, die ich in die Zukunft senden möchte, nachdem ich durchs Blut gegangen bin. Für diejenigen, die nach uns kommen und im Strudel unserer Geschichte nach uns suchen werden. Falls sie nach uns suchen werden."


Aus diesen Zeilen lese ich Hoffnung und Hoffnungslosigkeit gleichermaßen - "Falls sie nach uns suchen werden". War alles umsonst, vergeblich?


Zwei Jahre danach, im Oktober 2025, schreibt Nila ihr Vorwort für die inzwischen geplante deutschsprachige Ausgabe ihres Buchs. Sie schließt es mit den Zeilen, ich zitiere: 

"Unterdessen wächst der Druck auf die Frauen. Trotzdem gehen die Kämpfe und das zivilgesellschaftliche Engagement weiter, und sie werden nicht aufhören."


"Sie werden nicht aufhören" – aus diesen Worten nehme ich neue Entschlossenheit wahr. Und Nila sollte Recht behalten. Einige Wochen später, im Dezember 2025 und im Januar dieses Jahres, erfasste eine weitere Welle des Protests, des Aufbegehrens, des Widerstands das ganze Land – aber auch eine neue und einmal mehr brutaler werdende Reaktion des Regimes. Verhaftungen. Folter. Hinrichtungen. Allein im Januar 2026 tausende, zehntausende Tote, so gehen internationale Schätzungen.  
Genau in dieser Zeit, liebe Frau Neumann, erreichte mich Ihre Anfrage, ob ich mir vorstellen könne, an einer Veranstaltung teilzunehmen, in deren Mittelpunkt die in Ihrem Verlag Pfaueninsel erscheinende deutschsprachige Ausgabe des Buchs einer iranischen Aktivistin mit dem Titel "Auf den Straßen Teherans" stehen solle.  


Ich sage ehrlich, dass ich zunächst gezögert habe. Nicht weil ich Nilas Kampf und den der iranischen Zivilgesellschaft gegen Unterdrückung und für Freiheit nicht für unterstützenswert hielt. Aber ich fragte mich, ob ich für die Vorstellung eines solchen Buchs die richtige sein konnte bzw. was meine Rolle dabei sein sollte. 
 

Als Bundeskanzlerin war ich in meiner Amtszeit zwar mit den Verhandlungen befasst gewesen, die die Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika, Chinas und Russlands sowie Frankreichs, Großbritanniens und Deutschland von 2013 bis zum Abschluss eines, wie es genau hieß, Gemeinsamen Umfassenden Aktionsplans 2015 geführt hatten. Ziel des Plans war, dass der Iran für die zivile Nutzung der Kernenergie zwar weiter Uran anreichern durfte, dabei aber unterhalb des für Nuklearwaffen benötigten Niveaus bleiben musste, um damit die Sicherheit Israels und im Ergebnis auch unsere Sicherheit nicht weiter zu bedrohen. 

 

Deutschland hatte in meiner Amtszeit auch die Verhängung von Sanktionen des UN-Sicherheitsrats gegen den Iran unterstützt, sowohl vor der Verabschiedung des Atomabkommens 2015 als auch danach, also nachdem die Internationale Atomenergiebehörde ab 2019 festgestellt hatte, dass sich der Iran überhaupt nicht mehr an das Atomabkommen gebunden fühlte. Und ich hatte es für falsch gehalten, dass US-Präsident Trump das Atomabkommen in seiner ersten Amtszeit – 2018 - für die USA einseitig aufgekündigt hatte. Ich halte das auch weiterhin für einen Fehler. 


Doch wie sehr hatte ich, wie sehr hatte die internationale Staatengemeinschaft mit all dem den Menschen im Iran, der iranischen Zivilgesellschaft helfen können, die zum Zeitpunkt von Nilas Vorwort für die deutsche Ausgabe bereits über 46 Jahre unter dem Regime der islamischen Revolution leben mussten? 
Wenn wir ehrlich sind: wenig. 


Und das gilt leider auch für andere Länder, in denen die Zivilbevölkerungen, besonders die Mädchen und Frauen, unter menschenverachtenden Regimen leiden müssen, wenn wir allein auf den Jemen, den Sudan oder Afghanistan schauen. 


Ich dachte über Ihre Anfrage aber auch aus heutiger Sicht nach: Denn seit viereinhalb Jahren bin ich keine aktive Politikerin mehr, das ist länger als eine reguläre Legislaturperiode. Weder habe ich operative Aufgaben noch operative Möglichkeiten, die auf die Entwicklungen im Iran und zum Wohle der Menschen in irgendeiner Weise Einfluss nehmen könnten. 

Was also, so fragte ich mich, konnte mein Beitrag in einer Veranstaltung wie dieser sein? 

 

Bevor ich meine Entscheidung traf, las ich Nilas Buch, seine gut 120 Seiten, von der ersten bis zur letzten Zeile, nicht allein das Vorwort und den Schluss, durch die ich zuvor geblättert hatte. 

 

Nicht alles verstand ich auf Anhieb: etwa den einen oder anderen mythologischen Verweis, das tiefe Eintauchen in persische, arabische, islamische Geschichte. Das aber hat mein Lesen nicht beeinträchtigt, denn die Motive ihrer "Aussage", wie Nila ihr Schreiben nennt, die sie – ich zitiere - "hier und jetzt […] machen möchte"traten für mich beim Lesen eindrucksvoll hervor: 

  • die Hoffnung, die sie spürt und spürbar macht, wenn sie sich nachmittags in den Straßen Teherans anderen anschließt und in dieser Gemeinschaft Kraft schöpft;
  • den Mut, den es erfordern muss, nachts aus offenen Fenstern der Häuser die Parolen der Bewegung "Frau. Leben. Freiheit" zu rufen;
  • auch ein wenig den Übermut, wenn ein Mädchen einem Mullah beim Vorbeirennen seinen Turban mit einem schnellen Griff vom Kopf reißt;
  • dann die Angst, die Nila erfasst, wenn sie in Seitenstraßen rennt, um sich vor Polizisten auf ihren Motorrädern zu verbergen;
  • den Psychoterror, den sie durch den nicht vorhersagbaren Wechsel des Abschaltens und Anschaltens des Internets empfindet, denn – so erklärt sie - wenn sie Informationen nur nach und nach erhalte, raube ihr das den Verstand auf eine Weise, wie ein vollständiges Verbot des Internets das nie könne;
  • und schließlich die Fassungslosigkeit, die Nila erstarren lässt, als sie auf einem ihrer Schuhe die Spuren des Bluts eines von Milizen auf der Straße getöteten Mädchens aus einer Gruppe von Schulmädchen sieht.


Das Schicksal der Schulmädchen kommt im Buch immer wieder zur Sprache. Sie laufen durch die Straßen Teherans, unterhalten sich und haben die für Schülerinnen vorgeschriebene Kopfbedeckung bis zu den Schultern heruntergezogen. Sie ziehen sie auch dann nicht hoch, als Milizen auf ihren Motorrädern zu ihnen rasen und sie mehrfach anschreien: "Tragt eure Hijabs!"


Zunächst scheint die Weigerung der Mädchen keine Folgen zu haben. Nila beschreibt, dass sie lediglich zwei Polizisten gesehen habe, die sich miteinander ausgetauscht hätten und zur Seite getreten seien, nachdem einer einen Funkspruch erhalten haben musste. "Eine Sekunde lang denke ich", so schließt Nila aus dem, was sie sieht, und ich zitiere weiter, "dass auch wir, ebenso wie unsere Stadt, vielleicht doch überleben werden."    

 

Und ich als Leserin dachte es auch. Beinahe vergaß ich die Schülerinnen wieder - ehe Nila mich über 60 Seiten später wieder an sie erinnerte. Sie kannte beim Schreiben natürlich die ganze Geschichte und wusste um das Schicksal, das die jungen Schulmädchen erwartet hatte, aber hatte es nicht sofort aufschreiben können oder wollen. Das geschieht erst fast am Ende des Buchs, und wir erfahren, dass mehrere Schülerinnen mit Schlagstöcken niedergeschlagen und abgeführt, eine von ihnen über den Bürgersteig geschleift, eine andere von ihnen erschossen worden waren.  

Nila ist Zeugin des Terrors. Gleichwohl macht sie schon früh im Buch klar, dass Gewalt für sie kein Mittel ihres Widerstands ist. Sie will als Zeugin ihre Aussage machen – über Momente wie diesen, über "Schlüsselmomente", wie sie sie nennt, nach denen nichts jemals so sein werde wie vor dem Moment.  

Nilas Buch enthält unzählige solcher Momente, Schlüsselmomente, Szenen. Sie standen und stehen für sich und greifen doch ineinander, in der Geschichte wie der Gegenwart. Sie benötigen keine Kapitelüberschriften - bis auf eine Ausnahme. Das sind fünf Reflexionstexte - überschrieben mit dem Namen "Tahereh". 

Ich musste mich zunächst sachkundig machen. Tahereh, so lernte ich, lebte von 1814 bis zu ihrem gewaltsamen Tod 1852. Sie war eine persische Dichterin, Rednerin, Theologin, Anhängerin des Babismus, eines Vorläufers der Bahai-Religion, einer bis heute im Iran diskriminierten und verfolgten religiösen Minderheit. 
In Nilas Schilderungen wird Tahereh vor allem als eine Vorkämpferin der Frauenrechte im Iran lebendig, unverschleiert in der Öffentlichkeit. Mit ihr ordnet Nila ihren eigenen Widerstand und den ihrer Leidensgenossinnen in einen großen historischen Zusammenhang ein. Tahereh, – ich zitiere Nila -, bestand darauf […], auch ihrer Geschichte ins Auge zu blicken: dem Erbe des religiösen Patriarchats im Nahen Osten, das sie offen und furchtlos herausforderte.


Offen und furchtlos herausfordern: Diese Haltung vermisst Nila bei der Generation ihrer Eltern. Hart geht sie mit ihr ins Gericht, deren Erziehung auf Angst aufgebaut gewesen sei und die sich einen Sturz des Regimes durch inneren Widerstand nicht hätte vorstellen können, sondern allenfalls mit ausländischer, insbesondere westlicher Hilfe.  

Aber Nila schreibt auch, dass die Generation ihrer Eltern ihre Kinder gelehrt habe – ich zitiere – 

"wie wir unsere Einsamkeit überlebten in einer Welt, in der auf niemanden Verlass und gegenseitiges Vertrauen unmöglich war."


Beim Lesen dieser Zeilen fühlte ich mich ein wenig an meine eigene Kindheit und Jugend in der DDR erinnert. Denn meine Eltern waren damals für meine Geschwister und mich so etwas wie ein Schutzraum im Staat. 
Natürlich weiß ich, dass die Systeme ansonsten nicht zu vergleichen sind. Außerdem konnte ich bereits in Freiheit leben, als ich so alt war, wie Nila heute ist. Und die DDR ist seit Langem Geschichte. Seit 1990 können alle Deutschen in Freiheit und Demokratie leben, nicht nur die in der alten Bundesrepublik, sondern auch wir aus der DDR. 


Ich las Nilas Buch "Auf den Straßen Teherans", wie man so sagt, in einem Zug, so sehr fesselte, berührte es mich. Danach dachte ich: Zwar habe ich als ehemalige Bundeskanzlerin, als Bundeskanzlerin a. D., keinerlei operative Möglichkeiten mehr, mit denen ich auf die Entwicklungen Einfluss nehmen könnte. 

Aber vielleicht kann ich, vielleicht sollte ich meine nachamtliche Rolle in genau einem Rahmen wie diesem heute Abend nutzen, um wenigstens einen kleinen Beitrag zu dem zu leisten, was Nila zu Beginn ihrer Schilderungen wie folgt in Worte fasst – ich zitiere:

 "Die Zahl der iranischen Frauen, die sich zur Wehr setzen, steigt beständig. Und nun hat ihr Kampf – obwohl er weder gebündelt noch schnell verläuft – eine dermaßen große Welle des zivilen Ungehorsams ausgelöst, dass die Welt gezwun-gen ist hinzusehen." 

    
Ja, meine Damen und Herren: Die Welt ist gezwungen hinzusehen!

Sie, ich, wir alle sind gezwungen hinzusehen! 

Deshalb bin ich hier: als Frau, als ehemalige aktive Politikerin, als Bundeskanzlerin a. D.

Sehen wir heute Abend gemeinsam hin! 
 

Das erscheint mir wichtiger denn je – bald drei Monate nach Beginn des Krieges der USA und Israels gegen den Iran. Nicht nur ist unklar, ob die Bedrohung durch das iranische Nuklearprogramm in diesem Krieg tatsächlich ausgeschaltet bzw. entscheidend zurückgeworfen wurde und wie dessen Wiederaufnahme für die Zukunft überprüfbar verhindert werden kann. Vielmehr ist auch und gerade das Schicksal der iranischen Zivilbevölkerung gegenüber der Aufmerksamkeit für Seeblockaden in der Straße von Hormus und der Sorge um Benzin- und Kerosinknappheit inzwischen völlig in den Hintergrund getreten.

Sehen wir heute Abend gemeinsam hin, damit die Frauen und Mädchen, denen Nila mit ihrem Buch eine Stimme gibt, ihre Sehnsucht nach Freiheit und Menschenwürde, ihr Widerstand gegen Unfreiheit und Unterdrückung nicht vergessen werden, damit sie spüren, dass sie nicht allein sind. 

Das ist und bleibt nicht viel, was wir tun können, aber wenigstens das sollten wir tun – heute, da offen ist, ob nach dem Krieg für die Iranerinnen und Iraner weiter nur die Friedhofsruhe des Terrorsystems herrscht oder, trotz aller Skepsis, eine Zukunft ohne ihr skrupelloses, mörderisches Regime in Freiheit und Menschenwürde möglich werden kann. Für eine solche Zukunft kämpft Nila. 

Und sehen wir heute Abend gemeinsam hin, damit auch all die anderen nicht vergessen werden, die weltweit unter Unterdrückung, Verfolgung, Unfreiheit leiden müssen.


Herzlichen Dank. 

Rede von Bundeskanzlerin a. D. Dr. Angela Merkel anlässlich der Veranstaltung zur Vorstellung der deutschsprachigen Ausgabe des Buchs "Auf den Straßen Teherans" (Nila) am 20. Mai 2026 in Berlin; korrigiertes Transkript eines Audiomitschnitts; verantwortlich: Büro der Bundeskanzlerin a. D.
 

Diese Rede wurde zuvor hier veröffentlicht.