Wie bewahrt man das Werk eines Schriftstellers, dessen Stücke bis heute weltweit gespielt werden? Und wie lässt sich das Leben eines Künstlerpaars erschließen, dessen Wirken so untrennbar mit dem Berliner Ensemble verbunden ist? Bei einer exklusiven Führung durch das Bertolt-Brecht-Archiv und das Brecht-Weigel-Museum, bei der uns die Mitarbeiterinnen Iliane Thiemann und Stefanie Thomas mit speziellen Insiderinfos, eigens aus dem Magazin geholten Originalen und liebevoll herausgesuchten Zitaten und Büchern durch die Räume begleiteten, ging unser Freundeskreis genau diesen Fragen nach – ein spannender Streifzug durch Theatergeschichte, akribische Arbeitsprozesse und ganz persönliche Lebenswelten.
Ein Archiv, das benutzt werden will
"Ich meine, sie müssten alle benutzt werden können!" Mit diesen Worten brachte Helene Weigel ihre ganz praktische Vorstellung von Archiven auf den Punkt. Nach Brechts Tod im August 1956 wurde das Bertolt-Brecht-Archiv gegründet, um seinen literarischen Nachlass zu bewahren und zugänglich zu machen. Heute zählt es zu den umfangreichsten Personenarchiven der Akademie der Künste: Auf mehr als 80 laufenden Metern versammeln sich Manuskripte, Regiebücher, Journale, Modellbücher, Briefe – darunter auch wichtige Dokumente und Korrespondenzen von Helene Weigel –, Zeitungsausschnitte, Notizbücher und Fotos.
Besonders eindrucksvoll für die Freund:innen war der Blick auf Brechts Arbeitsweise. Er war gewissermaßen Archivar seiner selbst, dokumentierte Quellen und überarbeitete seine Texte mit bemerkenswerter Akribie. Er schnitt alte Passagen aus und montierte seine Manuskripte immer wieder neu – eine Technik, die sich auch in der "Kriegsfibel", seiner Montage aus Fotografien aus dem Zweiten Weltkrieg unterlegt mit eigenen Epigrammen, wiederfindet. Zudem zeigen die Bestände, dass Brechts Stücke das Ergebnis fortwährender Feinarbeit waren und nicht in einem schöpferischen Blitz entstanden sind. Wie sehr ihn dieser Prozess vereinnahmte, zeigt ein Eintrag in seinem Journal vom 12. April 1941:
"Merkwürdig, wie das Manuskript während der Arbeit zum Fetisch wird! Ich bin ganz abhängig vom Aussehen meines Manuskripts, in das ich immerfort einklebe und das ich ästhetisch auf der Höhe halte. Immer wieder ertappe ich mich darauf, dass ich, nur damit die Seite ausgeht, versuche, mit einer ganz bestimmten Anzahl von Versen auszukommen für eine Änderung!"
Ein faszinierender Aspekt des Archivs sind auch die Modellbücher, in denen historische Inszenierungen des Berliner Ensembles durch Fotografien und Textauszüge dokumentiert sind. Aufführungen wurden dafür fotografiert, meist aus erhöhter Position wie dem ersten Rang. Bekannte Beispiele reichen von den publizierten Werken wie dem "Antigonemodell 1948" (von Bertolt Brecht und Caspar Neher zu "Die Antigone des Sophokles") bis hin zur Urfassung von "Mutter Courage und ihre Kinder" aus dem Jahr 1939.
Ein besonderer Augenblick im Archiv: Ausgewählte Originale durften von den Freund:innen mit weißen Handschuhen selbst berührt werden, wodurch die Künstler:innen auf ganz greifbare Weise nahbar wurden.
Ein Blick in Brechts und Weigels Alltag
Wechsel vom Archiv zum Wohnort: Im Brecht-Weigel-Museum kommt man dem Künstlerpaar auf andere Weise nahe. Im Bibliothekszimmer finden sich neben klassischen Werken auch drei Nō-Masken an der Wand, die an Brechts Exil und den Einfluss asiatischer Kunst auf sein Theater erinnern. Das große Arbeitszimmer mit seinen vielen Tischen erzählt von kollektiver Arbeit, umgeben von politischer und naturwissenschaftlicher Literatur und Kriminalromanen.
Im schlichten Schlafzimmer lagen zuletzt seine Handbibliothek und internationale Zeitungen bereit. Im Erdgeschoss begegnet man schließlich Helene Weigel in ihren eigenen Räumen. Ihr Wintergarten und ihr persönliches Archiv zeugen von einem vielseitigen Leben – von ihren Anfängen als Schauspielerin über ihre Intendanz bis zu ihrem unermüdlichen Einsatz für Brechts Nachlass.
Berührende Fundstücke der Theatergeschichte
Die Führung bot immer wieder tiefgreifende emotionale und lebendige Momente: Die Schauspielstudierende der HfS Ernst Busch, Mina Halide Guschke, trug mit einer prägnanten Stimme, die auf wunderbare Weise an Helene Weigel erinnerte, verschiedene Texte und Zitate vor.
So interpretierte sie jene Verse, die Bertolt Brecht Helene Weigel zur Berliner Premiere von Mutter Courage und ihre Kinder am 11. Januar 1949 gewidmet hatte:
"Und jetzt trete in der leichten Weise
Auf der Trümmerstadt alte Bühne
Voll der Geduld und auch unerbittlich
Das Richtige zeigend.
Das Törichte mit Weisheit
Den Haß mit Freundlichkeit [...]"
Passend dazu wurde die enge persönliche und künstlerische Verbundenheit des Paares durch weitere Lesungen greifbar – etwa durch jene kleinen Zeilen, die Brecht 1949 an Helene Weigel richtete:
"liebe helli, dank für ein gutes jahr, von dem du das größte warst. b." (1949)
Mina Halide Guschke ließ im Anschluss zudem den bewegenden Brief lebendig werden, den Anna Seghers nur vier Tage nach Brechts Tod an Helene Weigel sandte und in dem sie von einem "Riss quer durch unsere Sprache" schrieb – ebenso wie das 1937 im dänischen Exil von Brecht verfasste Gedicht Der Zweifler, verbunden mit der Geschichte des gleichnamigen chinesischen Rollbilds:
"Immer wenn die Antwort auf eine Frage gefunden schien, / Löste einer von uns an der Wand die Schnur der alten / Aufgerollten chinesischen Leinwand, sodass sie herabfiel und / Sichtbar wurde der Mann auf der Bank, der / So sehr zweifelte."
Unseren Freund:innen bot sich an diesem Tag ein sehr eindrucksvoller und besonderer Blick darauf, wie viel Leben in den Manuskripten, Büchern und persönlichen Briefen und Gegenständen steckt. Sie erzählen von großen Theatererfolgen, von Zweifeln und Zuneigung – und machen Bertolt Brecht und Helene Weigel auf wunderbare Weise greifbar.