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Eine Straße verschwindet, ein Mensch wird ausgelöscht – und die Wirklichkeit bekommt Risse. "Welt am Draht" zieht uns in eine zerfallende Realität, bis alles kippt: Welt oder Simulation, Mensch oder Daten? Luis August Krawen und Team verwandeln Fassbinders Stoff in einen atmosphärischen Trip durch Erkenntnis, Kontrollverlust und den fiebrigen Spätkapitalismus einer Welt am seidenen Faden.
Eine Straße, die verschwindet, ein Mensch, an den sich niemand mehr erinnern kann. In Fassbinders Romanverfilmung "Welt am Draht" folgen wir einer Figur, deren Welt sich sukzessive auflöst. Szene für Szene bilden sich feine Risse, zu Beginn kaum wahrnehmbar, bis sie irgendwann wie tiefe Wunden im Gewebe der Wirklichkeit klaffen. Der Protagonist verfängt sich in den Fäden einer zerfallenden Realität.
In "Welt am Draht" erleben wir den Realitätsverlust als schmerzhaften Erkenntnisprozess, an dessen Ende sich die Welt als Simulation, als reines Datengefüge entpuppt. Doch auch ohne Simulation finden wir uns postpandemisch in einer Wirklichkeit wieder, in der sich eine sichergeglaubte Ordnung aufzulösen scheint. Neuer Autoritarismus, Faschismus, Kulturkampf, neue Kriege, die Entkopplung von Kapitalismus und liberaler Demokratie. Gleichzeitig versprechen uns Firmen, mit künstlicher Intelligenz etwas geschaffen zu haben, das uns in eine verheißungsvolle Zukunft führen soll. Diese Zukunft bedeutet in der Gegenwart vor allem mediale Überstimulation, massiven Ressourcenverbrauch, zirkuläre Finanzflüsse und einen um KI erweiterten Military-Industrial-Complex.
Basierend auf dem Roman von Daniel F. Galouye und dem Film von Rainer Werner Fassbinder (Drehbuch zusammen mit Fritz Müller-Scherz) versuchen Luis August Krawen und sein Team, eine Form für das lähmende Gefühl zu finden, der Dämmerung eines fiebertraumhaften Spätkapitalismus beizuwohnen, und spüren dem Geist einer Welt nach, die nicht am Draht, sondern am seidenen Faden hängt.
- Luis August Krawen Regie/Bühne/Video
- Daniel Grünauer Dramaturgie
- Sarina Hübl Mitarbeit Dramaturgie