Die Show fand im Großen Salon statt – einem historischen Theaterraum, der für diese Modenschau neu gedacht und in einen anderen Kontext gesetzt wurde: getaucht in diffuses rotes Licht und hypnotisierende Klangwelten, wie ein Fiebertraum.
Laura Gerte entwirft radikale Silhouetten, die rohe Weiblichkeit mit Future Punk verschmelzen lassen. Die Kleidungsstücke bewegen sich, verdrehen sich und pulsieren vor Spannung – verspielt und zugleich trotzig, provokant und dennoch sanft, fragil und widerstandsfähig. Jedes Kleidungsstück entsteht aus wiederverwendeter Kleidung, Deadstock-Materialien oder recycelten Textilien, die zu hybriden Stoffkompositionen neu verarbeitet werden und die Spuren ihres früheren Lebens in sich tragen.
"Lost to Virtue" ist inspiriert von Mina Loys "Feminist Manifesto", das 1914 geschrieben und erst in den 1970er-Jahren veröffentlicht wurde. Im Zentrum steht die Zerstörung der Tugend – der Vorstellung der tugendhaften Frau als Instrument der Kontrolle, als Mittel zur Einschränkung und Unterdrückung. Tugend bedeutete in ihrem historischen Verständnis, dass Frauen im eigenen Körper unsichtbar, im eigenen Begehren stumm und für ihre eigene Selbstverkleinerung dankbar sein sollten. Sich von dieser Tugend zu lösen, bedeutet, etwas völlig Neues zu finden.
Die Kollektion verkörpert die Spannung zwischen Fragmentierung und Kühnheit – genau jene Spannung, die Loys Manifest so explosiv macht. Seine Absage an die auferlegte Tugend spiegelt sich unmittelbar in den Entwürfen wider: Viele Silhouetten entstehen ohne klassische Schnitttechnik oder traditionelle Konfektion. Stattdessen werden sie durch textile Manipulation und modulares Drapieren geformt – voller Bewegung und Ungezähmtheit.