Oft gehe ich aus dem Haus, wenn es noch hell ist, gegen drei oder vier Uhr nachmittags. Draußen herrscht dann eine Atmosphäre, als würde jeden Moment der Wecker klingeln. Drinnen werfen die Blätter einer riesigen
Monstera diagonale Schatten auf den Fußboden meines Hauses. Das bange Herbstlicht zeichnet unförmige Silhouetten an die Wände, die krumm auf die Tür zulaufen. Selbst die Schatten wollen weg. Ich trage nicht den Manteau, sondern bloß eine leichte Jacke, eine schwarze Hose und – noch wichtiger als meine Gesichtsmaske – meine Turnschuhe, damit ich bei Bedarf losrennen kann. Ich bin "eine Wolke in Hosen". Hinter mir ziehe ich die Eingangstür zu und lande sofort, als hätte ich die Seite eines Buches umgeschlagen, in einem neuen Kapitel. Auf der Straße. Und hier suche ich nach dem Schicksal einer Bewegung. Suche eine Revolution.
Suche Hoffnung. Weshalb fühlen sich so viele Menschen wie ich von den Demonstrationen angezogen? Versuchen wir auszulöschen, was während der Revolution von 1979 geschehen ist, auf genau diesen Straßen – die Proteste, die schließlich eine islamische Regierung hervorbrachten? Selbst wenn wir, so wie ich, damals noch nicht auf der Welt waren, wollen wir das, was angerichtet wurde, wiedergutmachen. Wir wollen unser nationales Schuldgefühl loswerden, das wir unsere "Unwissenheit", unsere "Dummheit" oder sogar unsere "Trunkenheit" nennen. Im Gegensatz zu früheren Protesten beleben sie nicht nur das Stadtzentrum. Auch einige andere Stadtteile leuchten wie Sprenkel weißen Porzellans durch den Kaffeesatz am Boden einer Tasse. Doch meistens gehe ich zu einem ganz bestimmten Boulevard im Stadtzentrum. Durch ihn floss vor mehr als hundert Jahren noch ein großer, inzwischen längst ausgetrockneter Wasserlauf. Leider haben nicht nur Flüsse Pech.
Vor der Islamischen Revolution von 1979 stand irgendwo in der Mitte dieses Boulevards, direkt vor dem Landwirtschaftsministerium, die Statue eines Bauernpaares. Für die versnobte Kulturgemeinde jener Zeit war dieses Werk des sozialistischen Realismus keine richtige Kunst. Sie war ein kommunistisches Klischee: Eine Frau in einem weiten, knöchellangen Kleid gießt fröhlich und fleißig das Gemüse, während der Mann neben ihr ein großes Zahnrad hält. Nach der Revolution ordneten die Geistlichen der Stadt Qom an, eine Plane über den Kopf der Frau zu werfen. Kurze Zeit später wurden auch ihre Knöchel mit demselben Stoff bedeckt. Davor waren die Menschen einfach an der Statue vorbeigelaufen, so wie an einem Strommast. Erst diese zum Wohle der Menschen erlassenen Beschlüsse lenkten die gesamte Aufmerksamkeit auf die Knöchel der Frauenstatue. Nur das Ethos eines fanatischen Klerikers oder aber einer Pornoseite konnte etwas dermaßen Harmloses mit solch einer Suggestivität aufladen. Letztlich störte das voluminöse Gebilde zu sehr. Also wurde die gesamte Statue abmontiert und in das Teheraner Museum für Zeitgenössische Kunst gebracht. Jedes Mal, wenn ich mich auf diesem Boulevard befinde, denke ich an die Symbolik dieser Statue. Aber wenn ich ehrlich bin, erinnere ich mich gar nicht an sie. Keiner tut das. Wir treffen uns an dieser Stelle, weil mehrere Protestrouten hier zusammenlaufen. Ich gehe den grauen Boulevard entlang, vorbei an Straßenkreuzungen, an denen kleine Polizeitrupps versammelt sind. Mit ihren Motorrädern, ausgestattet mit Anti-Demo-Ausrüstung und Schlagstöcken, bilden sie ungeordnete Reihen. Ich fühle mich an die Porträts von Chomeini und Chamenei erinnert, die schief an den Wänden unserer Schulen und Büros hängen.
Mir scheint, sie war schon immer da: die chaotische Zurschaustellung einer chaotischen Macht.
Wie viele andere Frauen auch ziehe ich seit einiger Zeit mein Kopftuch nicht mehr über mein Haar, wenn ich
an den Milizen vorbeikomme. Ich bin mir darüber im Klaren, dass nichts und niemand sie davon abhalten
würde, die Waffe zu heben und Gummigeschosse auf mich abzufeuern. Was hier geschieht, dient einem höheren Ziel. Soziale Bewegungen bauen auf Alltagshandlungen auf, schreibt der Soziologe Asef Bayat, der sich in seiner Arbeit vornehmlich mit Bewegungen im Nahen Osten beschäftigt. Unsere Märsche bilden eine tägliche Auflehnung gegen die Wucht der Unterdrückung. Überall übersteigen sie die Präsenz der Polizei und trotzen der plumpen, künstlichen Maske ihrer Macht. Tagsüber an den Märschen teilzunehmen erfordert mehr Mut als nachts: Wir sind eine Welle von ängstlichen Körpern, von kämpferischen Köpfen mit frei im Wind wehendem Haar. Hier sind wir und bezeugen unsere Zeit.
Aber wir sind nicht nur Zeuginnen. Wir sind Aktivistinnen. Und manchmal sind wir auch Märtyrerinnen.
Die Geschichtsbücher werden von Frauen erzählen, die sich gegen die repressiven Vorstellungen ihrer Zeit
aufgelehnt haben. Von Frauen, die zu zwanzig Jahren Haft verurteilt wurden, denen die Zulassung zur Anwaltschaft entzogen wurde, weil ihr Vergehen war, sich für die Rechte von Frauen einzusetzen. Von Müttern, die inhaftiert wurden, weil sie Gerechtigkeit für ihre ermordeten Kinder forderten. Von Frauen, die gegen die Todesstrafe durch Steinigung protestierten und zur Vergeltung immer wieder in inszenierten Hinrichtungen an den Galgen gehängt wurden. Von Frauen, die gegen Auspeitschungen protestierten und zu Dutzenden Peitschenhieben verurteilt wurden. Von jener Frau, die ihren eigenen Körper inmitten eines Platzes in Brand setzte, um gegen ihre fehlende körperliche Autonomie zu protestieren. Von Frauen, die in Kolumnen der Morgenzeitungen über Femizide schrieben und bereits verhaftet waren, während die Zeitungen noch an den Kiosken auslagen. Und von jener Frau, die eines Tages ihr kleines Kind zu Hause ließ, raus auf die Straße ging, auf einen Stromkasten kletterte, ihr Kopftuch abnahm und es so in eine Protestfahne verwandelte. Bilden dies Akte ein Zeugnis? Sind sie das Werk eines unsichtbaren Frauenbunds, der ab und zu in den internationalen Schlagzeilen auftaucht, bloß um schnell wieder zu verschwinden? Diese Frauen werden nur dann
wahrgenommen, wenn sie etwas tun, das zu ihrer Verhaftung oder Hinrichtung führt, weil die Welt sich ausschließlich für Mythen, für Einzelschicksale interessiert.
Aber das Schicksal von Dutzenden, Hunderten oder Tausenden von namenlos gebliebenen Aktivistinnen
kennen wir nicht; vielleicht wird sich unsere Unkenntnis auch niemals auösen. Selbst die Rolle jener, die wir
kennen, werden wir in ihrem vollen Umfang erst im Laufe der Geschichte oder im Laufe der Zeit einschätzen
können. Im Rückblick auf die letzten vierundsechzig Jahre wird eines deutlich: Die Zahl der iranischen Frauen, die sich zur Wehr setzen, steigt beständig. Und nun hat ihr Kampf – obwohl er weder gebündelt noch schnell verläuft – eine dermaßen große Welle des zivilen Ungehorsams ausgelöst, dass die Welt gezwungen ist hinzusehen. Wir dienen nicht mehr als Kurzformel für das Elend dieser Welt.
Wir sind das Abbild des Widerstands.
Tahereh
Mystische Dichterin, Rednerin, Theologin, Ketzerin oder Ausgestoßene: In ihrem kurzen Leben hat Tahereh – deren Name wörtlich übersetzt "die Reine" bedeutet – die Geschichte des Iran für immer verändert. Taherehs Leben begann in einem Garten und endete in einem Brunnen. Doch zwischen ihrem Geburtsort in Qazvin, wo sie 1814 zur Welt kam, und den Außenbezirken von Teheran, wo sie 1852 ohne ein ihr würdiges Grab beerdigt wurde, hörte diese revolutionäre Gelehrte nie auf, die Grenzen zu hinterfragen, die den Frauen ihrer Zeit auferlegt wurden. Tahereh wurde geprägt von dem Garten und der Bibliothek im Haus ihres Vaters. Dank ihrer Lektüre und einer religiösen Erziehung, die sonst nur Männern vorbehalten war, erhielt sie einen fundierten Einblick in die heiligen Texte, das islamische Recht und die persische und arabische Literatur. Ihre Ausbildung legte den Grundstein für eine spirituelle Suche, die ihr gesamtes Leben ausfüllen sollte.
Und so durchlief sie eine Reihe unterschiedlicher Überzeugungen: Zunächst schloss sie sich dem Schaichismus an, einem Mitte des 18. Jahrhunderts im Iran entstandenen philosophischen Zweig des zwölfer-schiitischen Islams, der auf der messianischen Figur des Muhammad al-Mahdi, des verborgenen Imams, besteht. Danach kam ihre Verehrung für den Babismus, eine weitere messianische Bewegung, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts im Iran formierte. Als einzige Frau unter den ersten Anhängern des Bab predigte Tahereh den Babismus, bis sie 1850 inhaftiert wurde. Man klagte sie an, an der Etablierung eines neuen Propheten und der Entstehung einer neuen Religion, die dem traditionellen Schiismus entgegenstand, beteiligt zu sein.
Unter keinen Umständen wollte Tahereh zulassen, dass sie im Namen der Religion aus der Gesellschaft ausgeschlossen würde. In ihren Gedichten und Reden hinterfragte sie alles. Sie stellte sogar infrage, dass sie keine Geistliche sein durfte, obwohl sie doch viele Jahre lang Männer in Koranexegese unterrichtet hatte – wenn auch versteckt hinter einem Vorhang. Als Dreizehnjährige mit ihrem schiitischen Cousin verheiratet brachte sie drei Kinder zur Welt: zwei Söhne und eine Tochter. Bei einer Gelegenheit soll ihr Ehemann versucht haben, sie zu vergiften. Der Glaubenskrieg, den sie mit seiner Familie führte, selbst noch Jahre nach ihrer Scheidung, erreichte schließlich ein Tschechow’sches Ende. Als ihr ehemaliger Schwiegervater mitten in einer schiitischen Moschee ermordet wurde, zeigten alle Finger auf Tahereh. Dieser Verdacht sorgt bis heute für Kontroversen und nährt das Rätsel rund um Tahereh. Forscher:innen ihres Lebens spalten sich in zwei Lager: Auf der einen Seite jene, die sagen, dass der Mord von feindlich gesinnten frommen Schiiten verübt wurde, auf der anderen jene, die darauf bestehen, dass Tahereh zwar nicht direkt befohlen habe, ihren einstigen Schwiegervater zu ermorden, die Babis aber auch nicht gerade davon abgehalten habe. So oder so, Tahereh fürchtete um ihr Leben und wurde zur Flüchtigen. Sie ließ ihre Stadt Qazvin für immer hinter sich. Unmöglich zu sagen, ob sie das erste Werk des Bab mitnahm, das Qayyum al-Asma, welches sie aus dem Arabischen ins Persische übersetzt hatte. Nach der Verhaftung des Bab beschlossen seine Anhänger:innen, verunsichert und verstreut, eine öffentliche Großversammlung abzuhalten, um sich über ihre Religion auszutauschen. Tahereh scheint die Initiatorin gewesen zu sein. Sie hatte dann auch eine brillante Idee, die sie den Babi-Männern unterbreitete: Sie würde im Namen aller sprechen. Da sie sich auf ein 1400 Jahre altes Gesetz berufen konnte, demzufolge der Verstand einer Frau nur halb so groß wie der eines Mannes sei, wusste sie, dass sie im Gegensatz zu ihnen für das Verbrechen der Gotteslästerung nicht hingerichtet werden konnte.
Sie würde nur gezwungen werden, öentlich Reue zu bekunden. Als sie auf der Bühne erschien, um ihre Rede zu halten, trug sie keinen Hijab. Es existieren zwei Versionen der Geschichte: Die eine besagt, dass Tahereh nur den Gesichtsschleier wegließ, die andere, dass sie neben ihrem Gesichtsschleier auch ihre Kopfbedeckung ablegte. Manchen Geschichtsbüchern zufolge sollen sich bei ihrem Anblick einige der Männer die eigene Kehle durchgeschnitten haben.
Tahereh nutzte ihre Rede und diese symbolische Geste, um unmissverständlich kundzutun, dass die Vorherrschaft des Islam ihr Ende erreicht hatte. Aber überstieg ihre Forderung nach Freiheit selbst jene, die ihr der Babismus zugestand? Lange nachdem Tahereh ihren Hijab abgelegt hatte, versuchten sogar die Babis noch allen weiszumachen, es habe sich bloß um ein Missgeschick gehandelt. Das erinnert mich an die heute im Staatsfernsehen ausgestrahlten erzwungenen Geständnisse. Im Fernsehen, in den Nachrichten und auf der Straße bilden wir die Fortsetzung von Tahereh – die Fortsetzung derer, die vor kaum hundert Jahren noch ihr Gesicht und ihren Körper verhüllen und den Bürgersteig getrennt von Männern benutzen mussten, so wie wir heute gezwungen werden, uns zu verhüllen und in segregierten Bussen und Zugabteilen zu sitzen. Was wir jetzt erleben, ist nicht nur eine Entschleieherung, sondern ein Aufstand gegen die islamische Kleiderordnung, die Frauen ihrer Selbstbestimmung beraubt. Es finden die größten Frauenproteste der letzten 1400 Jahre statt.
Wir sind sowohl Aktivistinnen als auch Zeuginnen.
Hätten die Menschen im Iran vor 1400 Jahren den Islam aus freien Stücken angenommen, statt sich einer muslimisch-arabischen Eroberung ihres Landes zu ergeben, würden sie sich vermutlich nicht so heig mit ihm auseinandersetzen. Keine andere Nation hat den Islam in solch einem Ausmaß durchgespielt wie der Iran: Huru-fismus, Nuqtawi, Schu'ubiya … alles Tunnel, die wir unter die Welt des Islam gebaut haben, um durch sie hindurchzuschreiten oder ihr zu entkommen. Vierzehn Jahrhunderte der Nachgiebigkeit, Duldung, Höflichkeit, Heuchelei. Im Gegensatz zu vielen anderen Nationen übernahm der Iran nach der muslimischen Eroberung nicht die arabische Sprache. Wir halten am Persischen fest wie an einer Fahne, die von Generation zu Generation weitergereicht wird, um uns daran zu erinnern, dass wir zuallererst Iraner:innen und dann erst Muslim:innen sind. Wir dürfen unsere Identität nicht aus der Konfrontation zweier Nationen, sondern aus der eines Nationalbewusstseins mit einer Religion ableiten.
Schon immer sind wir von der verloschenen Größe des Persischen Reichs besessen gewesen: Der Zylinder von Kyros dem Großen, Persepolis, Xerxes, Darius, die persischen Herrscher des Altertums – alles imposante Zeugnisse unseres kulturellen Erbes, für das wir im Westen einst Anerkennung fanden. Und ein beträchtlicher Teil von uns zieht es trotz der durchgängig muslimischen Zugehörigkeit vor, von Fremden als Perser:innen gesehen zu werden. Das wird uns von niemandem so beigebracht, aber als iranische Menschen glauben wir, dass wir nur durch den Rückgriff auf unsere alten, in Stein gemeißelten Zeugnisse einen historischen Minderwertigkeitskomplex überwinden und dem Ausland zeigen können, wer wir einst waren. Unsere Besessenheit geht so weit, dass wir jede kritische Auseinandersetzung mit unserer Geschichte unterbinden. Der Mangel an kritischen Perspektiven und die Sehnsucht nach vergangenem Ruhm, begleitet von einem sich verfestigenden islamischen Denken, haben den Weg für eine sich verhärtende patriarchale Weltanschauung geebnet. Und genau das ist das Spiel, das viele von uns nicht mehr mitspielen möchten. Wir haben erkannt, dass wir absolut alles kritisch hinterfragen müssen.
Und deshalb befinden sich die Bürger:innen dieses Landes nun nach vielen Jahrhunderten der Selbstzufriedenheit in einer Machtprobe mit dem Patriarchat.
Vielleicht ist dies der Zenit der "Frau, Leben, Freiheit"-Bewegung. Ja, das Patriarchat, gegen das wir ankämpfen, ist mit der durch ein spezifisches Regime aufgezwungenen Religion eng verwoben. Doch seine Wurzeln umspannen die ganze Welt und verlaufen tief. Unsere Kämpfe sind also mit jenen von Frauen und queeren Menschen weltweit verbunden.