"Der Liebling von Berlin" und "Chaplin und Garbo"

Frank Castorf inszeniert "Mephisto" nach Klaus Mann und wie gewohnt greift der Regisseur dabei auch immer wieder auf Sekundärliteratur und Versatzstücke zurück. Lesen Sie hier drei Essays Klaus Manns. 

Klaus Mann | 16.09.26
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Der Liebling von Berlin
 

Das hiesige Theaterleben - früher so lebendig und interessant - ist im großen und ganzen ziemlich eintönig und mittelmäßig geworden. Im Augenblick freilich, wo sich eine eher langweilige Theatersaison bereits ihrem Ende nähert, erleben Berlins Theaterbesucher eine echte Sensation: nach zweijähriger Abwesenheit spielt Gustaf Gründgens wieder am Deutschen Theater!

Wer ist diese beliebte und charmante Person, Gustaf Gründgens? Außerhalb des deutschsprachigen Raumes ist er so gut wie unbekannt. Hierzulande dagegen ist er bereits seit geraumer Zeit der erfolgreichste Schauspieler und Regisseur auf Leinwand und Bühne. Gründgens sieht gut aus, ist klug und gebildet - mit anderen Worten, beinahe (aber nicht ganz) ein germanischer Noël Coward. Die Geschichte seiner Karriere ist nicht ohne amüsante Züge.

Im Alter von etwa 25 Jahren hatte sich Gustaf bereits als Star eines der Avantgarde-Theater Deutschlands, der Hamburger Kammerspiele, etabliert. Dort wurde mein erstes Stück aufgeführt mit einem unternehmungslustigen Gründgens als Regisseur. Er übernahm selbst eine der Hauptrollen - in einer weiteren war meine Schwester Erika zu sehen, die später seine Frau wurde. Schon bald entdeckte Max Reinhardt, der Theaterpapst Deutschlands vor der Hitler-Zeit, den vielversprechenden jungen Schauspieler. Gustafs Debüt in der Hauptstadt fand im Deutschen Theater statt; seine erste Rolle war die eines lasterhaften, verkommenen Erpressers in Ferdinand Bruckners Drama "Die Verbrecher". Fast schon beunruhigend wusste er zu überzeugen in dieser Rolle, und Gründgens wurde über Nacht berühmt. Das Berliner Publikum war gebannt von seinem nonchalanten, schillernden Charme. Was er auch tat - das Publikum der Metropole fand es "kolossal", "großartig", "phantastisch". Was immer er auch anfasste - es wurde ein Erfolg, ein Triumph.

Doch gab er sich keineswegs damit zufrieden, nur ein populärer Unterhaltungskünstler zu sein; im Gegenteil, er war intellektuell ambitioniert - ein linker Intellektueller, ein äußerst eleganter Salonbolschewist. In dieser Phase seiner Entwicklung - ein Orson Welles eher denn ein Noël Coward - verstörte Gründgens die Snobs mit gewagten künstlerischen Experimenten und führte sich bei kommunistischen Treffen als Vorkämpfer der Revolution ein.
Nach der Machtübernahme der Nazis im Jahr 1933 befand sich der rebellische Liebling aller Theaterfreunde in einer etwas heiklen Lage. Glücklicherweise hatte sich meine Schwester - Mitglied einer politisch anrüchigen Familie und selbst eine bekannte Nazigegnerin - gerade von ihm scheiden lassen, sonst hätte der arme Gustaf vielleicht wirklich Schwierigkeiten bekommen können. Doch er stand auch so im Ruf eines "Kulturbolschewisten" und konnte nicht sicher sein, ob ihm die neuen Herren die subversiven Eskapaden seiner Vergangenheit vergeben würden.
Da er jedoch lupenrein "arisch" war, beschloss er, sein Glück zu versuchen und in Deutschland zu bleiben, während die meisten seiner liberalen Freunde das Land verließen oder in Konzentrationslagern verschwanden. Natürlich musste der Ex-Kommunist anfangs etwas vorsichtig sein. Doch bald lachte ihm wieder das Glück - diesmal in Person von Hermann Görings blonder Verlobter, der Schauspielerin Emmy Sonnemann.
Diese mäßig begabte "Naive", bisher verborgen in einem Provinzstädtchen, wurde von ihrem mächtigen Liebhaber nach Berlin geholt. Wie konnte sie vor den gestrengen Kritikern der Hauptstadt bestehen? Sie brauchte einen guten Regisseur. Gustaf - berühmt für sein Geschick mit unbeholfenen Anfängern - schien genau der Mann zu sein, den sie suchte. Er und Emmy wurden Freunde. Aus Dankbarkeit für Gustafs Anleitung überredete sie ihren Verlobten, dem unartigen Jungen zu vergeben und ihn wieder spielen zu lassen.
Göring war hingerissen von Gründgens als Mephisto in Goethes "Faust". Wie wunderbar dämonisch war der doch! Wie herrlich korrupt! Wie unwiderstehlich böse! Der joviale Reichsmarschall fasste große Zuneigung zu dem anmutigen Teufel - und das war der Beginn von Gustafs zweitem Aufstieg zum Ruhm.

Mag er in den Tagen der Weimarer Republik erfolgreich gewesen sein, jetzt besaß er neben dem Erfolg etwas noch weitaus Süßeres und Wertvolleres: Macht. Sein beleibter Gönner schenkte ihm ein Landgut, ein Stadtpalais und einen Titel: Gustaf wurde zum Staatsrat ernannt. Er erreichte sogar eine noch bedeutendere Position - er wurde Intendant des Staatstheaters. Er ging mit seinem eigenen Ensemble auf Tournee durch Europa; er brachte Filme, Opern, klassische Dramen und Operetten heraus; er spielte, führte Regie, hielt alles unter Kontrolle und machte Kulturpolitik; er wurde zum unermüdlichen, genialen "Maitre de plaisir" von Großdeutschland. Ein ungekrönter König im Reich der Bühne, war er in der Tat eine der schillerndsten und gefeiertsten Figuren des Dritten Reichs.

War er im Herzen ein Nazi? Natürlich nicht - lediglich ein Opportunist. Da er genügend Macht besaß, etwas aufs Spiel setzen zu können, wagte er es gelegentlich, jüdischen oder liberalen Freunden zu helfen, die von der Gestapo verfolgt wurden. Görings Freund konnte sich derart noble Gesten erlauben. Außerdem mag der Herr Staatsrat es durchaus als klug erachtet haben, seine Kontakte zu den Antinazi-Kreisen aufrechtzuerhalten.
Man kann ja nie wissen...

Als Hitlers Macht gegen Ende des Krieges zunehmend verfiel, hielt Gustaf den Zeitpunkt für gekommen, das sinkende Schiff zu verlassen. Gerüchten zufolge hatte er Streit mit Göring, mit dem er so viele einträgliche Jahre lang erfolgreich ausgekommen war. Jedenfalls kündigte der Direktor des Staatstheaters und versuchte, sich unsichtbar zu machen. Das sicherste Versteck in dem auseinanderfallenden Reich des Jahres 1944 war die Wehrmacht; folglich wurde unser vielseitiger Mime Soldat und übernahm zur Abwechslung die schlichte Rolle eines Dolmetschers in den von den Deutschen besetzten Niederlanden. Die Niederlage der Nazis brachte ihn nach Berlin zurück. Dort hielt er sich auf, als die Rote Armee in die Stadt einmarschierte.
Vielleicht wäre ihm nichts passiert, hätte er genügend Takt und Verstand besessen, sich einige Zeit unauffällig zu verhalten.

Doch er war zu ungeduldig - allzu erpicht darauf, seine kleine Glanzleistung von 1933 zu wiederholen und noch ein weiteres Mal die Seiten zu wechseln. Der alte Spekulant wollte besonders schlau sein und handelte sich damit Schwierigkeiten ein. Er wurde von den Sowjetbehörden verhaftet.
Seine Haft dauerte neun Monate - eine ziemlich lange Zeit für einen Mann von Gründgens' Temperament und Ehrgeiz. Allerdings war das Leben, seinem eigenen Bericht zufolge, in dem von den Russen verwalteten Gefängnis durchaus erträglich, man sorgte recht ordentlich für die Gefangenen. Außerdem erfreute sich Gustaf natürlich besonderer Privilegien - nachdem er das Herz des russischen Kommandanten gewonnen hatte, ebenso wie er einst selbst das blasierteste Publikum des republikanischen Berlins und die skrupellosesten Anführer aus Hitlers Bande betört hatte.

Seine Aufgabe als Regisseur und Zeremonienmeister des improvisierten Gefängnistheaters erfüllte er so brillant, dass die Russen zögerten, ihn gehen zu lassen: Allzu nützlich war er für sie als Unterhalter. Doch in der Hauptstadt wurden dringend gute Schauspieler gesucht und was Gustafs zweifelhafte politische Vergangenheit betraf, taten einige Freunde ihr Bestes, ihn zu entlasten. War er denn nicht stets ein ausgesprochener Nazi-Gegner gewesen? Hatte er etwa nicht seinen Einfluss benutzt, um manchen gefährdeten Juden oder Demokraten zu retten? Gewiss, er hatte zur obersten Schicht der Nazi-Hierarchie gehört; aber mit "Heil Hitler" hatte er fast niemals gegrüßt. War er auch gezwungen gewesen, den Führer in öffentlichen Erklärungen zu loben, so kannten seine Vertrauten doch von ihm die despektierlichsten Witze. Und wenn er Kompromisse eingegangen war und mit den herrschenden Mächten zusammengearbeitet hatte - es gab doch viele andere, die dasselbe getan hatten! Warum sollte Gustaf Gründgens heldenhafter und unbestechlicher sein als die Mehrheit des deutschen Volkes? Schließlich war er doch nur ein Schauspieler...

Im vergangenen Monat brachten ihn die Russen eines Tages vom Gefängnis direkt ins Deutsche Theater - an den Ort, wo er vor zwei Jahrzehnten seine Berliner Karriere begonnen hatte.

Der neue Direktor des Theaters, Gustav von Wangenheim, ein deutscher Kommunist, der die letzten dreizehn Jahre im Exil verbringen musste, hatte bereits einen Vertrag vorbereitet. Gründgens unterschrieb. Seine erste Rolle war die Titelfigur in Carl Sternheims Komödie "Der Snob" - einer klugen Satire auf den deutschen Bourgeois, die nach wie vor unglaublich aktuell ist, obwohl sie aus den längst vergangenen Tagen Kaiser Wilhelms II. stammt.

Der Premierenabend war Deutschlands größtes Theaterereignis seit Kriegsende. Bereits Tage vorher war das Theater ausverkauft, die Schwarzmarktpreise stiegen in astronomische Höhen, und die Berliner zahlten Tausende von Mark, um das triumphale Comeback ihres Lieblings zu erleben.
Wenn der Vorhang aufgeht, steht, laut Anweisung des Autors, der "Snob" ganz allein auf der Bühne - hinter einem Pult mit einem Brief in der Hand. Gründgens musste dort mindestens fünf oder sechs Minuten lang stehenbleiben, lächeln und sich verbeugen, ehe der donnernde Applaus nachließ und er endlich seine ersten Worte sprechen konnte. Es war eine außergewöhnliche Ovation, die sich nach der Vorstellung wiederholte. Die Bühne war ein Blumenmeer; das Publikum - außer sich vor Begeisterung - hätte wohl noch stundenlang geklatscht und gerufen, wenn nicht die Polizei am Ende das Haus geschlossen hätte.
Was hatte dieser Enthusiasmus zu bedeuten? Bejubelten die Berliner einfach die Rückkehr ihres populärsten Stars? Waren sie schlichtweg gefesselt von seiner schauspielerischen Verve und Brillanz? Immerhin muss man zugeben, wie es verschiedene Berliner Kritiker auch tatsächlich betonten, dass er sich in dieser Rolle nicht von seiner besten Seite präsentierte. Sternheims Dialoge - klar, prägnant und messerscharf - erfordern vor allem Präzision, sprachlichen Rhythmus und intellektuelle Intensität.

Gründgens war zu weich, zu verspielt und kokett; er lächelte zu viel, war zu gefallsüchtig. Ein anderer Schauspieler, der eine kleinere Rolle in demselben Stück spielte - Paul Bildt, ein altgedienter Berliner Mime -, wirkte in dieser bitteren Farce weitaus glaubwürdiger und überzeugender. Und dennoch stahl ihm Gründgens die Schau - wenigstens am Premierenabend.
Feierte man den schönen Gustaf als politischen Märtyrer?
Sollte der ungewöhnliche Applaus eine Demonstration sein gegen jene, die ihn eingesperrt hatten? Er selbst mag kaum einen derart stürmischen Empfang erwartet haben. War er bewegt oder peinlich berührt? Wenn ja, so zeigte er es nicht; er stand einfach da und lächelte. Jedenfalls hatte er diese unerwartete Gefühlsregung bald überwunden. Rasch fand er wieder zu seinem gewohnten, glamourösen Selbst zurück - attraktiv wie immer, mit weißer Krawatte, rosigem Teint und blondem Toupet:
Berlins unverwüstlicher Liebling vor, während und nach der Nazizeit.

 

 

Chaplin und Garbo

Es gibt zwei Genies in Hollywood - Charles Chaplin und Greta Garbo. Unter Hunderten von mehr oder minder geschickten, mehr oder minder anziehenden Mittelmäßigkeiten ragen diese beiden als schöpferische Künstler hervor. Beide-der große, komische Charakterspieler und die Tragödin - haben dem amerikanischen Film Momente von einer Ausdruckskraft, einer wahrhaft poetischen Inspiration gegeben, die sogar in europäischen Spitzenleistungen kaum ihresgleichen findet; beide scheinen seit geraumer Weile gelähmt, erstarrt zu sein - unfähig, den eigenen Stil festzuhalten oder zu entwickeln, dem eigenen Anspruch gerecht zu werden.

Chaplin, der einst von so beredter Stummheit war, ist neuerdings geschwätzig. Die Garbo aber schweigt - und hat doch eine Stimme, deren Melodie die ganze Skala menschlichen Gefühls umfaßt.

Das war im Jahre 1927; den Tonfilm gab es noch nicht. Wir machten damals eine Reise "rundherum", meine Schwester Erika und ich: von Deutschland über New York, Chicago, Kansas City nach Kalifornien, von wo es weiter nach Japan, China, Rußland gehen sollte. In Hollywood freundeten wir uns mit Emil Jannings an, dessen opulentes Heim der Treffpunkt der deutschen Filmkolonie war. Nach dem Abendessen saß man plaudernd auf der Terrasse. Manchmal gesellte sich eine erstaunliche junge Dame zu unserer munteren Gruppe - unangemeldet meist, oft erst zu später Stunde. Plötzlich war sie da, eine atemberaubende Erscheinung, die sich durch die duftende Dunkelheit des Gartens stolzen und schleppenden Schrittes auf uns zu bewegte. Sie war barhäuptig und trug einen offenen Regenmantel, dazu Sandalen ohne Absätze. "Ich bin ja so furchtbar müüüde!" rief sie uns, statt eines Grußes, mit tiefem Klageton zu, wobei sie sich auch schon in einen Sessel warf. Abgewendeten Hauptes, die Mundwinkel tragisch gesenkt, verlangte sie einen Whisky: "Aber einen großen, Emil! Einen doppelten!" Ihr Antlitz unter der Löwenmähne war von verblüffender Schönheit - das schönste Gesicht, das ich jemals gesehen: und in der Tat ist mir ein schöneres bis auf den heutigen Tag nicht vorgekommen. Sie hatte weite Augen voll goldener Dunkelheit. Die langen, geschwungenen Brauen waren sorgfältig rasiert und nachgezogen, die blauen Schatten auf den Lidern schienen künstlich vertieft; im übrigen aber benutzte sie keine Schminke, nicht einmal Lippenrouge - weshalb denn auch ihr Mund sehr blass wirkte: ein blasser, großer, trotziger Mund von unvergleichlicher Zeichnung in einem blassen, groß und kühn model-lierten, trotzig-schwermütigen Gesicht. Es war rührend, sie lächeln zu sehen (was nur selten geschah). Ihr herrliches, untröstliches Gesicht hellte sich zögernd auf; wenn das Lächeln sich aber erst einmal um die gold-dunklen Au gen und die stolze Kurve des Mundes niedergelassen hatte, verweilte es etwas zu lange, nun seinerseits zögernd, sich von so lieblicher Landschaft loszulösen. Schließlich erlosch es, dies fremde Lächeln, das eigentlich nicht zu ihr gehörte, und die Tragödin war wieder ganz sie selbst.
 

Mit grollender Pythia-Stimme forderte sie einen zweiten Schnaps und erklärte dann, zur allgemeinen Überraschung, dass sie nun tanzen wolle. Sie tanzte einen Tango mit der Tochter des Hauses, kräftig ausschreitend, in etwas steifer Haltung, das weiße Gesicht mit gesenkten Lidern ziemlich weit von dem der Partnerin entfernt. Ihre großen, edel geformten Hände hielten das Mädchen mit festem Griff. Sie hatte die etwas zu schweren Handgelenke, die schmalen Hüften und breiten Schultern einer antiken Jünglingsfigur. Nach dem Tanz ließ sie uns mit sonorem Klagelaut wissen, dass sie sich nun ganz entschieden besser fühle. "Ich danke euch allen", sprach sie, nicht ohne Feierlichkeit. "Als ich zu euch kam, war ich furchtbar müüüde; aber jetzt geht es mir gut. Ich habe getanzt und getrunken. Thank you ever so much." Und sie verschwand im dufteschweren Dunkel der kalifornischen Nacht. Emil erzählte uns, daß sie eine Schwedin sei, erst kürzlich aus Europa eingetroffen. Einer ihrer Landsleute, der Regisseur Mauritz Stiller, hatte sie nach Hollywood gebracht. Stiller war nach Schweden zurückgekehrt und dort gestorben, während seine Protegée allein an dieser fernen Küste blieb - allein mit ihrer erstaunlichen Schönheit und ihrem künftigen Ruhm. Welch ein Ruhm! Seit den Tagen der Eleanora Duse und der Sarah Bernhardt war keine Schauspielerin, keine Frau so viel gepriesen und bewundert worden. Einst hatten die Älteren unseren Neid erweckt mit ihren Berichten von vergangener Meisterschaft; der Hamlet des Joseph Kainz, die Duse als Frau vom Meer, Anna Pawlowa und ihr unsterblicher Sterbender Schwan, Nijinsky im "Nachmittag eines Fauns"! Jetzt konnten wir diese großen Namen hören, ohne uns arm und benachteiligt vorzu-kommen. Denn wir hatten die Garbo. Gab es für eine Künstlerin solchen Ranges nicht ein fast unbegrenztes Repertoire großer Rollen? Merkwürdigerweise schien dem Hollywood- Produzenten für die Garbo nichts mehr einzufallen.

Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, nach der herrlichen "Kameliendame", blieb sie eine Weile unbeschäftigt, und als sie sich schließlich wieder sehen ließ, war es nicht in einer klassischen Tragödie oder in der Filmversion eines großen modernen Romans, sondern in einer Posse namens "Ninotschka". Einer von Hollywoods erfahrensten und populärsten Regisseuren, Ernst Lubitsch, war verantwortlich für diesen Missgriff. Ein zweiter folgte: Die Farce, in der die schlecht beratene Greta sich nun präsentierte, übertraf "Ninotschka" noch an Abgeschmacktheit. Sie muß wohl selbst gespürt haben, daß sie sich auf falschem Weg befand; denn nun begann ihr Schweigen. Sie verkroch sich, wurde unsichtbar. Konnte ihr niemand helfen? Hatte niemand einen Rat für sie, nicht einer von all den einfallsreichen Regisseuren und Autoren der amerikanischen Filmindustrie?
"Man hat mich gefragt, ob ich nicht eine Rolle für die Garbo wüsste." Es war Jean Cocteau, der mir dies neulich sagte. "Freilich weiß ich eine! Sie muss die Phädra spielen - das liegt doch auf der Hand!" Ich erzählte der Garbo von diesem Ausspruch, als ich ihr vor einigen Monaten in New York begegnete. Ich erzählte der Garbo von diesem Ausspruch, als ich ihr vor einigen Monaten in New York begegnete. Es war ein zufälliges Zusammentreffen, in einem Tearoom in der Nähe des Central Park. Ich saß mit einem Freund, wir sprachen, plötzlich hörten wir , wie um uns herum gewispert wurde: "Yes, it's her - don't you recognize her face? It's Garbo, all right ..." Sie schritt durchs Lokal - ebenso erhobenen Hauptes und tragisch gesenkten Blickes, wie sie einst als Kameliendame geschritten war. Im hintersten Winkel fand sie einen Tisch.

Ich konnte mir's nicht versagen, zu ihr hinüber zu gehen, obwohl ich fürchten mußsse, ihr damit lästig zu fallen. Ich sah sie an: sie war so schön wie je. Nicht mehr so jung wie damals, auf Emils Terrasse, aber vielleicht noch schöner. Der blasse, trotzige Mund, die Marmorstirn, die goldene Nacht des Blicks - es war alles da, nicht ohne Rührung erkannte ich es wieder. "Cocteau findet, Sie sollten die Phädra spielen", sagte ich. "Hätten Sie Lust?" Keine Antwort - nur ein verhangener Blick und das dunkle, sanfte Mona-Lisa-Lächeln. Die Garbo schweigt. Chaplin redet.

Es war ein Abend im Frühling des vergangenen Jahres, kurz ehe der Film "Monsieur Verdoux" in New York herauskommen sollte. Man traf sich bei Freunden in Santa Monica, nicht weit von Hollywood, eine gemütliche kleine Gesellschaft, zwanglos und animiert. Es wurde in Gruppen geplaudert und gespeist; jeder trug das Seine bei zur allgemeinen Unterhaltung. Dann kam Charlie Chaplin.

Da war er, der Berühmte und Berüchtigte - ein wohlkonservierter Herr gesetzten Alters, immer noch elastisch, sportlich, schlank im saloppen, aber sehr teuren und smarten Abendanzug. Mit ihm trat seine derzeitige Gemahlin ein, ein blasses, anmutig befangenes junges Ding, die Tochter des Dramatikers Eugene O'Neill. Mr. und Mrs. Chaplin wurden vorgestellt, erkannten alte Freunde, schüttelten Hände, machten Konversation, sie mit der reizenden Ungelenkheit der Debütantin aus gutem Hause; er mit der etwas gezwungenen Nonchalance, die ein Jongleur oder Zauberkünstler auf der Bühne im Gespräch mit dem Assistenten zeigt: scheinbar lässig scherzend, konzentriert er sich auf die große Nummer. Die große Nummer Chaplins sollte gleich beginnen. Kaum waren die Begrüßungsfloskeln ausgetauscht, als er auch schon die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft auf sich zu ziehen wusste. Es gab keine zwanglos verteilten Gruppen mehr: alles scharte sich um den Zauberkünstler. Chaplin sprach, Chaplin funkelte, Chaplin grimassierte und gestikulierte. Irgend jemand hatte eine Bemerkung über Radioansager gemacht - ein Stichwort für den großen Komödianten! Er ahmte die Stimmen aller Rundfunkstars zwischen New York und Santa Monica nach; er parodierte Prediger und Politiker, Saxophonbläser und Senatoren. Schließlich hatte er es dahin gebracht, dass wir alle uns vor Lachen bogen - alle, bis auf einen Gast: Mrs. Charles Chaplin. Sie verzog keine Miene. War es ihr nicht mehr neu, dies scheinbar improvisierte Feuerwerk? Hatte sie all dies schon einmal gehört - oder vielleicht nicht nur einmal?

Ich weiß nicht mehr, wie Chaplin von dem sehr dankbaren und ergiebigen Rundfunk-Thema plötzlich auf ein anderes kam, welches sich dann freilich als noch wirksamer erwies. Es war die Geschichte seines eigenen Ruhmes, die er uns nun erzählte, nein, die er uns die er uns mimisch-tänzerisch vor Augen führte. Das erste Engagement in Hollywood. Damals verdiente er so gut wie nichts: nur ein paar hundert Dollars in der Woche; die ersten kurzen Filme, von deren Wirkung draußen in der Welt er sich in der Abgeschlossenheit seines Studios kaum etwas träumen ließ... Dann gab es einen Streit mit dem Producer, Charlie verließ Hollywood, begab sich nach New York. Was für eine Reise! Wo immer er sich sehen ließ — die gleiche Ovation, derselbe Rummel! In Chicago kam es zu einem Volksauflauf, vor dem die Polizei ihn schützen musste. Und dann erst New York! Ja, es muss verwirrend und sogar etwas erschreckend sein, sich über Nacht zum Mythos befördert zu finden. Und das war er nun - die mythische Figur mit Bärtchen, Hütchen, Stöckchen; der Schlemihl, der immer alles falsch macht, immer Schläge kriegt; der ungeschickte, scheue Liebende, der Tollpatsch mit dem verlegenen Lächeln und dem zarten Herzen. Millionen von armen, verbitterten, enttäuschten Durchschnittsmenschen erkannten das eigene Drama in seinem schwermütig-grotesken Spiel, oder sie versuchten, die Ode des eigenen Schicksals zu vergessen, indem sie über seine Sprünge lachten. Wenn Garbo, die «Göttliche», für das moderne Massenpublikum zum Inbegriff festlich erhöhter und verklärter Menschlichkeit werden konnte-der arme Charlie stellte mit skurriler Grazie und schmerzlichem Humor das Elend, die Vereinsamung, die Verlorenheit des modernen Menschen dar.

Würde sein neues Wagnis besser ausgehen als das vorige? Man hörte so vielerlei über den Film, den er gerade abgeschlossen hatte - "Monsieur Verdoux"... War es ein neuer Triumph? Oder eine neue Niederlage? Ich hätte es gern gewusst, an jenem Abend in Santa Monica...

Ein paar Monate später, als ich den Film in New York gesehen hatte, wusste ich: er ist eine Niederlage - mit triumphalen Augenblicken. Freilich, "Monsieur Verdoux" ist besser als der peinliche "Great Dictator"; besser auch, oder doch weniger trivial und öde, als die meisten anderen Produkte der Hollywood-Industrie. Trotzdem ist festzustellen, dass Chaplin seinen verlorenen Stil auch in diesem teilweise brillanten Film nicht wiedergefunden hat. Charakteristischer und bedeutungsvoller als der Fall "Verdoux" ist der Fall Chaplin. Ein Künstler von ungewöhnlicher Intuition und von großem geistig-sittlichem Ernst findet sich in einem leeren Raum - fast geächtet inmitten von geschäftstüchtigen Routiniers und zynischen Spekulanten. In die Opposition getrieben, ein verbitterter Außenseiter, versucht er sich zu beweisen und durchzusetzen, indem er die eigene Legende, den selbst geschaffenen Mythos gewaltsam aufbläht und übersteigert. Dieselbe Vereinsamung, unter deren Druck eine Garbo verstummen musste, reizt den kampflustigen Chaplin zu seinen rhetorischen Exzessen.

Die Tragödie dieser beiden Genies ist die Tragödie Hollywoods, die Tragödie des Films, ja, vielleicht die Tragödie der Kunst überhaupt - der vereinsamten, wirkungslos und stillos gewordenen Kunst in unserer mechanisierten, kommerziellen Epoche. Was wäre aus dem begnadeten Komödianten Chaplin geworden in den Tagen des Aristophanes, des Nestroy, der Commedia dell'arte! Welch edle Wirkung hätte die Garbo gehabt unter der Führung eines Racine, eines Goethe, ja, noch im Wien oder im Paris des späten neunzehnten Jahrhunderts, im Berlin der Max-Reinhardt-Zeit! Aber wer interessiert sich für "Genie", für "Stil" im Hollywood des Jahres 1948? Dort geht es nicht um künstlerische Werte - nur um das "box-office", nur um die Kasse...

Der schöpferische Mensch erstickt in solcher Luft. Wo die Kunst bewusst und konsequent zur Ware, zum billigen Gebrauchsartikel erniedrigt wird, bleibt dem Künstler von Integrität und Rang nur die sterile Geste des Protests, zu der Chaplin seine Zuflucht nimmt - oder das Schweigen, in das die Garbo sich hüllt wie eine erzürnte Göttin in die undurchdringliche Wolke.

 

 

Nazismus in Deutschland wieder im Aufwind

"Sie möchten wissen, wie viele Deutsche innerlich Nazis geblieben sind? Nun, ich sage Ihnen, wie man das herausfinden kann. Man müsste sämtliche alliierten Truppen aus deutschem Gebiet abziehen (oder sie müssten sich zumindest unsichtbar machen) und eine geheime Truppe von zuverlässigen Beobachtern zu-rücklassen. Gleichzeitig sollte eine Wiederkehr des Führers inszeniert werden, im Stil der Rückkehr Napoleons von Elba. Am nächsten Tag müssten alle, die Nazi-Fahnen gehisst haben oder Parteiabzeichen tragen, verhaftet und bei Morgengrauen erschossen werden! Möglicherweise müssten Sie 90 Prozent unserer Bevölkerung liquidieren.."

Der Mann, der mir dies sagte, ist ein aufrechter deutscher Patriot und Nazigegner, derzeit als hoher Beamter in einer der deutschen Regionalregierungen tätig. Als das Hitlerregime an die Macht kam, verließ er das Reich und lebte einige Monate im Ausland. Er konnte jedoch das Exil nicht ertragen - teils aus Sehnsucht nach seinem Vaterland, teils weil er mit seinen Mit-Emigranten nicht zurechtkam. "Ehrlich gesagt, mich irritierte ihre in meinen Augen übertriebene antideutsche Haltung», erzählte er mir. «Einige beharrten darauf, dasss ungefähr 75 Prozent unserer Nation loyal hinter Hitler stünden. Damals erschien mir das als maßlose Übertreibung. Jetzt ist mir klar, dass ihre Schätzung eher zu optimistisch war."

Mein desillusionierter Freund bestätigte nur, was mir auch viele andere vertrauenswürdige Beobachter berichtet hatten. Es hat keinen Sinn, dass wir uns etwas vormachen. Die Dinge in Deutschland entwickelten sich derzeit nicht zum Besseren, sondern zum Schlimmeren.

Ein Mädchen, das als Gärtnerin in einem Berliner Vorort arbeitet, erzählte mir, sie würde aufgrund ihrer politischen Ansichten von ihren Kolleginnen boykottiert. "Die anderen Mädchen wissen, daß ich als Nazigegnerin in einem Konzentrationslager war", sagte sie. "Deswegen sprechen sie nie mit mir. Sie waren alle BDM-Mitglieder, und die meisten von ihnen halten Hitler noch immer für ein Genie und einen Übermenschen."

"Es wird mindestens ein halbes Jahrhundert dauern, bis die Deutschen ihre derzeitige moralische Krise überwunden haben", meinte ein Professor der Berliner Universität - ein älterer Gelehrter mit liberalen Prinzipien. "Der Prozess der ethischen und politischen Neuorientierung hat noch nicht einmal begonnen. Im Augenblick sind die Menschen hier konfuser und eigensinniger als vor einem Jahr. Ich kann keine Zeichen einer Besserung erkennen, vor allem nicht bei der deutschen Jugend. Die meisten jungen Menschen, die ich kenne, stehen anscheinend immer noch im Bann der Goebbels-Propaganda."

"Mindestens 60 Prozent meiner Klassenkameraden glauben noch immer an den Nationalsozialismus." Das erzählte mir ein sechzehn Jahre alter Schüler, ehemaliges Mitglied der Hitler-Jugend, der sich nunmehr als Anti-Nazi begreift. "Solange Krieg war", berichtete er, "waren wir alle für den Führer - selbstverständlich waren wir das! Dann, unter dem ersten Eindruck der Niederlage, änderten ziemlich viele von uns ihre Meinung. Inzwischen aber ist es an unserer Schule wieder in Mode gekommen, antisemitisch, antidemokratisch und nationalistisch zu sein. Die Mehrzahl meiner Freunde glaubt, dass die Anglo-Amerikaner mit den Russen kämpfen werden und dass dies unsere Chance sein wird."

Derselbe Junge erzählte mir, dass keiner seiner Kameraden einen Film über Konzentrationslager gesehen habe, der derzeit in einem der bekanntesten Filmtheater der Stadt zu sehen ist.

"Wir glauben nicht an solche Sachen", bemerkte er voller Verachtung. "Das ist doch alles nur Propaganda."

Als ich selbst mir den Film über die Konzentrationslager ansah, war das Kino praktisch leer. Es waren vielleicht zwölf oder fünfzehn Personen anwesend. Einige von ihnen gingen während der Vorstellung. Eine alte Dame, die neben mir saß, machte ständig bittere Bemerkungen. "Diese Leichen dort auf der Leinwand", zischte sie. "Ich möchte nur wissen, wo sie die aufgetrieben haben! In einer unserer zerbombten Städte womöglich..."

Das sind lediglich ein paar Beispiele und Vorfälle, die typisch sind für die Stimmung und Atmosphäre in der deutschen Hauptstadt - ein Jahr nach Kriegsende. Mag die deutsche Krankheit auch nicht für alle Zeiten unheilbar sein, so ist doch gegenwärtig eine Heilung noch lange nicht in Sicht.