"Es geht um Verantwortung"

In Zeiten wie diesen, in der rechte Populisten an Macht gewinnen und in denen ein Viertel der Bevölkerung in Brandenburg und Sachsen eine rechte Partei wählt, die ganz offen rechtsextreme Parteimitglieder aufnimmt, rechtsextreme Vereinigungen und Einzelpersonen unterstützt, Hass und Hetze schürt und Geschichtsverleugnung betreibt, ist  jeder von uns gefordert Stellung zu beziehen, wenn wir unsere Demokratie erhalten wollen. Dazu gehört zentral auch die Frage: wie können wir "denen", den Nazis, den neuen Rechten begegnen? Wie uns ihnen in den Weg stellen? Wie kann diese Gesellschaft "ihre Söhne" zurückgewinnen?

Das wieder erstarken rechter Ideologien ist Europaweit zu bemerken und eines der großen Themen aktueller gesellschaftlicher Debatten. Wie kommt es zur Rückkehr rechten Gedankenguts in die Mitte unserer Gesellschaft? Was ist der Nährboden für rechte Demagogen?

 "Mütter und Söhne" wirft aus dem Mikrokosmos – der Perspektive radikalisierter Söhne und dem der Familien in denen diese Söhne einmal Kinder waren – den Blick auf den Makrokosmos, die Gesellschaft und stellt damit neben der Frage der Verantwortung von Politik und Gesellschaft auch die Frage nach der Verantwortung jedes einzelnen von uns.

Um es mit den Worten einer der Mütter zu formulieren, die die Regisseurin und Autorin Karen Breece für diesen Abend gesprochen hat:

 

Mutter 2: "Es geht um Verantwortung. Welche Gesellschaft wünscht man sich? Welche Gesellschaft soll man sich wünschen? Ich wünsch mir – eine empathische Gesellschaft. Ich mag andere Menschen einfach."

 

"Mütter und Söhne" erzählt zentral – im Mikrokosmos - Geschichten einiger Aussteiger und deren Mütter. Da sowohl die Aussteiger selbst als auch deren Familien, nach dem Ausstieg Bedrohungen ehemaliger Kameraden und tätlichen Angriffen ausgesetzt sind, bleiben sie an diesem Abend anonym. Wir haben Schicksale und Geschichten zu einer Gesamterzählung verwoben, die vielstimmig Zeugnis ablegt von Radikalisierung, dem Ringen der Familien um ihre Kinder, dem Prozess der Entfremdung von den nächsten Menschen und demokratischen Werten. Ein paar unserer Söhne, haben sich über meist persönliche Erfahrungen, doch vom rechten Gedankengut gelöst (und hierbei spielen die Familien eine zentrale Rolle) und auch von diesem Prozess, der Entradikalisierung erzählt dieser Theaterabend - andere bleiben ihren Kameraden treu und trotzdem Söhne und hier sind es die Mütter, die um eine Form der möglichen Begegnung/ Auseinandersetzung mit ihren Kindern ringen -

 

"Das Grundgesetz aushebeln. Die Demokratie ist uns zu lasch."
- Sohn A

"Radikalisierung ist individuell. Aber eines haben Alt- und Neurechte gemeinsam: Sie wollen eine andere, eine neue Gesellschaft."
- Sohn B

 

Wir können mit diesem Abend keine Antworten geben, das war auch nie unser Anspruch. Aber: wir können und müssen Fragen stellen. Gibt es einen Weg mit den Mitteln der Demokratie dem rechten Hass zu begegnen, ihn gar auszuhebeln oder zu entblößen? Kann oder muss man mit Rechten reden? Und wenn ja: wie? Was sind die Ziele der neuen Rechten? Wie kann die Zivilgesellschaft sich ihnen entgegenstellen?

Es braucht gesellschaftlichen Zusammenhalt, Respekt, Solidarität und Fürsorge, im Kampf gegen Hass und Hetze – darum sollten wir ringen. Diese sogenannten Soft Skills, die weichen menschlichen Faktoren gesellschaftlichen Miteinanders, als Grundpfeiler unserer Demokratie dürfen sich im Kampf gegen Rechts nicht als ihre Schwäche entpuppen. GEGEN DEN HASS.

Clara Topic-Matutin

Karen Breece ist Autorin und Regisseurin dieses Theaterabends, der auf der Basis dokumentarischen Materials entstanden ist. Breece hat zahlreiche Gespräche mit Aussteigern, Müttern und Vätern von Aussteigern, Organisationen, die sich um Menschen kümmern, die sich aus rechtsradikalen Strukturen lösen wollen und solchen, die Rechtsextremismus in Deutschland im Blick haben, unterhalten. Die so zusammengetragenen Texte und Informationen hat sie mehrfach überschrieben und zu einem Theatertext für insgesamt fünf Schauspielerinnen geformt.

Teil des  Probenprozesses waren Begegnungen mit den Aussteigern Felix Benneckenstein und Christoph Sorge – zwei junge Männer, die nach langen Jahren als Nazi, den Ausstieg geschafft haben und heute – trotz aller Bedrohungen und Anfeindungen – durch deutsche Schulen und Vereinshäuser touren, um ihre Geschichten zu erzählen und zu warnen. Eine weitere wichtige Begegnung für das Ensemble war außerdem, die mit dem Sozialarbeiter Michael Ankele, der in Sachsen einerseits mit seinem Projekt 21 II e. V. (ein Bündnis zum Schutz der freiheitlich demokratischen Grundordnung) wichtige Aufklärungsarbeit an Schulen leistet und anderseits aktiv seit fast 15 Jahren Rechtsradikale bei deren Ausstieg aus der Szene unterstützt. Gespräche fanden zudem mit Judy Korn von Violence Prevention Network, Fabian Wichmann von EXIT-Deutschland und Martin Ziegenhagen von Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. statt.

Karen Breece hat sich in ihrer Arbeit mehrfach mit rechtem Denken auseinandergesetzt: In Dachau inszenierte sie das KZ-Häftlingsstück "Die Blutnacht auf dem Schreckenstein" und "Dachau // Prozesse" über die Nachkriegsprozesse gegen SS-Konzentrationslagerverbrecher, "Oradour" beschäftigte sich 2018 vor dem Hintergrund des SS-Massakers in Oradour-sur-Glane von 1944 mit den Schwierigkeiten des Erinnerns und der Unmöglichkeit des Vergessens.

Aussteiger

Christoph Sorge ist ein deutscher ehemaliger Rechtsextremist. Jetzt arbeitet er eng mit Michael Ankele, der ihm bei seinem Ausstieg unterstütze, und seinem Projekt 21, einer Initiative zum Schutz der demokratischen Grundordnung, zusammen, und macht z.B. Präventionsveranstaltungen in Schulen.

Felix Benneckenstein ist ein deutscher ehemaliger Rechtsextremist und ehemals unter dem Namen "Flex" auftretender Rechtsrock-Liedermacher, der 2011 aus der rechten Szene ausstieg. Jetzt arbeitet er zusammen mit EXIT-Deutschland, einer Initiative, die Aussteigewilligen aus der rechtsextremen Szene und Familien, die ihre Angehörigen aus der rechtsradikalen Bewegung lösen wollen, hilft.

Weitere Informationen finden Sie auch unter www.exit-deutschland.de/meldungen/24-stunden-radikal, www.zeit.de/2015/41/neonazis-pegida-ausstieg-rechte-szene (Ausstieg von Heidi Benneckenstein) und hier www.klett-cotta.de/buch/Tropen-Sachbuch/Ein_deutsches_Maedchen/101138 (Autobiographie Heidi Benneckenstein).


Weitere Links zum Ausstieg aus der rechten Szene:
www.verfassungsschutz.de/de/arbeitsfelder/af-rechtsextremismus/aussteigerprogramm-rechtsextremismus
www.exit-deutschland.de/
www.projekt21ii.de

Was bedeutet das: rechts sein? Was (wer?) ist ein Rechter?

Rechtsextrem:
Weil der Rechtsextremismus an sich über kein homogenes ideologisches Konzept verfügt, gibt es für den Begriff keine einheitliche Definition. Dem Duden zufolge ist ein (Rechts)-Extremist ein politisch extrem, radikal eingestellter Mensch. Als (rechts)extremistisch bezeichnet wird eine extreme, radikale politische Einstellung, die gezeigt, bezeugt, vertreten oder verfochten wird usw. Rechtsextremismus ist demnach Extremismus im Sinne der Ideologie der äußersten Rechten. Generell gilt: Rechtsextremisten lehnen die freiheitliche demokratische Grundordnung ab und wollen − auch unter Anwendung von Gewalt − ein autoritäres oder gar totalitäres staatliches System errichten, in dem nationalistisches und rassistisches Gedankengut die Grundlage der Gesellschaftsordnung bilden sollen.

Das rechtsextreme Weltbild ist gekennzeichnet durch Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, völkische Ideologie, Antisemitismus, Geschichtsklitterung, einhergehend mit der Verherrlichung des NS-Regimes und Relativierung bis zur Leugnung des Holocaust, Diffamierung und Ablehnung des demokratischen Rechtsstaats und seiner Institutionen. Nach einer Definition des Bundesverfassungsschutzes ist ''Rechtsextremismus in Deutschland nicht ideologisch homogen. Eine Überbewertung ethnischer Zugehörigkeit und eine gegen den Gleichheitsgrundsatz gerichtete Fremdenfeindlichkeit sind allerdings bei allen Rechtsextremisten festzustellen.''

Rechtsextremistische Ideologie ist mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung unvereinbar!

Rechtsradikal:
Als radikal (von lateinisch ''radix'' = Wurzel, Ursprung) werden politisch-ideologische Grundeinstellungen beziehungsweise Bestrebungen bezeichnet, die gesellschaftliche Fragen und Probleme von deren Ursprüngen bis in die letzten Details, also mit besonderer Konsequenz und einseitiger Kompromisslosigkeit, zu lösen suchen. Radikale Strömungen verstoßen nicht zwangsläufig gegen die Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.

In der politischen Auseinandersetzung werden die Begriffe ''rechtsextrem'' bzw. ''rechtsradikal'' häufig synonym verwendet.

Weitere Informatonen finden Sie auch unter www.verfassungsschutz.de/de/arbeitsfelder/af-rechtsextremismus/was-ist-rechtsextremismus.