Die Revolte der Fünfzigjährigen

 

Das Privileg des weißen Mannes ist überall. Überall.

Anlässlich der Uraufführung von "Wheeler" am Steppenwolf Theatre in Chicago sprach der Dramatiker Tracy Letts mit der künstlerischen Leitung des Theaters. Ein Auszug aus dem Gespräch.

Woher kam die Idee für das Stück? Wie ist es entstanden?
Stücke kommen von überall und nirgends. Manchmal mache ich mich daran, ein Stück zu schreiben, einfach mit der Vorstellung von ein paar Typen in einem Raum, die anfangen miteinander zu reden. Und dann schaue ich, ob daraus ein Stück wird. Das wird es aber nie. Wirklich nie! Und jetzt ist doch eins draus geworden. Manchmal schreibt man ein Stück und man merkt, wie das Auto von der Straße abkommt und man müht sich ab, das Auto wieder auf die Spur zu manövrieren. Aber dann geht man manchmal auch der Seitwärtsbewegung nach und sagt: „Gut, dann schau ich mal, wohin mich das führt.“ Und so war es auch mit diesem Stück. Es war viel Intuition dabei im Spiel. Aber dann entwickelte es sich für mich zu einer Coming-of-Age-Geschichte über einen Mann von 50 Jahren. Als die Sache allmählich Gestalt annahm und Wheeler seine Stimme fand, begann das Stück, seine Form selbst zu bestimmen und zu einer zeitgenössischen Komödie zu werden. Ich nenne dieses Stück eine Komödie. Ich weiß, dass es ernste Themen verhandelt und ernste Fragen stellt, aber für mich ist es trotzdem eine Komödie. Wenn Sie mich jetzt nach einer Definition von Komödie fragen, dann kann ich das nur schlecht leisten. Ich weiß, dass in diesem Stück eine Menge Witze gerissen werden und ich hoffe, dass die Leute lachen, das Theater heiter verlassen und niemand stirbt. Es ist eine zeitgenössische Komödie, die in einer modernen Stadt spielt.

Warum spielt das Stück in San Diego, Kalifornien?
Das Stück spielt in einem Viertel San Diegos, das zur einen Hälfte von Latinos und zur anderen von Vietnamesen bewohnt wird. Dort gibt es fast keine Weißen. Mir ist klar, dass sich weiße Männer in unserem Land am allerwenigsten über irgendetwas beschweren sollten, vor allem weiße Männer eines gewissen Alters oder Wohlstands. Manche der Dinge, über die Wheeler nachdenkt, reflektieren seine privilegierte Position – das zu verstehen ist für mich Teil seines Reifungsprozesses. Außerdem stammt Wheeler aus Chicago und ist in San Diego fremd. Er hat vor 15 Jahren seine Heimat aufgegeben und ich glaube, dass er während des ganzen Stücks nicht erkennt, dass das Verlassen der Heimat den Menschen buchstäblich orientierungslos macht. Als Typ hat er viel mehr von Chicago als von Kalifornien. Die Komik dieses Aufeinanderprallens der Kulturen liegt zum Teil daran, dass er so stark Chicago verkörpert, während seine Geliebte Minnie eine Kalifornierin der Millenial-Generation ist: Ihre Anliegen und Werte sind so ganz anders als die von Wheeler.

Sie sprechen vom Unterschied zwischen Wheelers Generation und den Millenials. Aber wir erleben Wheeler auch im Gespräch mit seinen Altersgenossen – und diese Szenen sind sehr aufschlussreich, was die Darstellung eines ganz spezifischen Moments im Leben und in den Beziehungen eines Menschen angeht.
Unter anderem geht es in dem Stück darum, dass man alte Freunde gegen neue eintauschen dürfen sollte. Welche Freunde sind einem mehr wert, alte oder neue? Wenn man sich nicht mit seinen Freunden weiterentwickelt oder sie sich mit einem – in was für einer Beziehung befindet man sich dann? Klammert man an einer Beziehung wie sie vor 30 Jahren war? Wheeler steckt fest: Über einen gewissen Punkt in seinem Leben hinaus konnte er sich nicht weiterentwickeln. Ich habe versucht, ihn in seinen schlimmsten Momenten zu zeigen. Wir sehen dabei zu, wie er ein Riesenchaos anrichtet, aber er ist kein bösartiger Mensch. Er tut, was er tut, weil er verloren ist und nicht weil er böse ist. Für all die, die noch nicht so weit sind: Die 50er haben ein ganz besonderes Gewicht. Einerseits ist es ein sehr angenehmes Jahrzehnt. Ich persönlich bin sehr gerne in meinen 50ern, ich fühle mich wohl. Andererseits liegen schon viele Jahre hinter mir und wenn man sich als Mensch nicht entwickelt hat, wenn man feststeckt … Mir tun diese Typen leid, auch Wheeler. Selbst, wenn er es uns nicht leicht macht, ihn zu mögen.

Was sollten sich die ZuschauerInnen sonst noch fragen, wenn sie das Stück sehen oder gesehen haben?
Ich merke zunehmend, dass ich als weißer Mann bestimmten Themen gegenüber verschlossen bin. Im Stück sagt Anita, Wheelers Kollegin im Kamerageschäft: "Ich will jetzt wirklich wieder studieren." Und er sagt: "Gut. Das solltest Du." Als ich das schrieb, sollte es ermutigend klingen, im Sinne von: "Das ist ein guter Schritt für dich, bravo." Aber dann habe ich die Zeile aus dem Munde eines weißen Mannes gehört und plötzlich klang es wie: "Ich gebe dir die Erlaubnis, das zu tun. Ich genehmige deine Entscheidung". Genau an diesem Punkt sind wir doch gerade in diesem Land, oder? Nach der Präsidentschaftswahl erschien auf einmal alles in einem anderen Licht und auch auf dieses Stück fällt das Licht auf einmal ein bisschen anders. Das Privileg des weißen Mannes ist überall. Überall.

In welchem Verhältnis steht "Wheeler" zu Ihren anderen Werken?
Ich habe meine Arbeit eigentlich nie so recht geplant. Es war zwar nie bewusst beabsichtigt, aber wenn ich zurückblicke, dann kamen in meinen Stücken immer abwechselnd männliche und weibliche Protagonisten vor. Ich weiß nicht, was das zu bedeuten hat. Die männlichen Protagonisten aus "Superior Donuts", "Man from Nebraska" und "Wheeler" haben gemeinsam, dass sie feststecken oder die Muster nicht erkennen, nach denen sie leben. Oder es sind Männer, die keinen emotionalen Zugang zu dem haben, was sie befähigen würde, den nächsten Schritt in ihrem Leben zu gehen. Das ist kein bewusstes Thema meines Schreibens, aber ich bin der Typ, der diese Stücke verantwortet hat – vielleicht verarbeite ich so auch etwas von mir selbst. Als Autor versucht man natürlich, unterschiedliche Werke zu schreiben, aber wahrscheinlich werden sie nach meinem Tod meine Stücke lesen und sagen: "Ach, das ist ja alles das Gleiche. Er hat einfach immer wieder das Gleiche erzählt." Wahrscheinlich ist es immer das gleiche verdammte Stück und nur die Wörter sind anders aneinandergereiht.

Das Interview wurde redaktionell gekürzt und bearbeitet.

Hier finden Sie ein biographisches Porträt über Tracy Letts und die Frage, warum er fürs Theater schreibt (Englisch).

 

Die Krise der Lebensmitte

"Ich hab ein Schild um den Hals und darauf steht Midlife-Crisis."

 

"Grad in der Mitte unserer Lebensreise
Befand ich mich in einem dunklen Walde,
Weil ich den rechten Weg verloren hatte.
Wie er gewesen, wäre schwer zu sagen,
Der wilde Wald, der harte und gedrängte,
Der in Gedanken noch die Angst erneuert,
Fast gleichet seine Bitternis dem Tode."

Dante Alighieri: "Die Göttliche Komödie". Ital. und deutsch. Übers. von Hermann Gmelin. Teil 1: Inferno - Die Hölle. Klett-Cotta, Stuttgart 1949.

 

"Im Grunde wissen in den Jahren der Lebensmitte wenig Menschen mehr, wie sie eigentlich zu sich selbst gekommen sind, zu ihren Vergnügungen, ihrer Weltanschauung, ihrer Frau, ihrem Charakter, Beruf und ihren Erfolgen, aber sie haben das Gefühl, daß sie betrogen worden seien, denn man kann nirgends einen zureichenden Grund dafür entdecken, daß alles gerade so kam, wie es gekommen ist […]. So lag in der Jugend das Leben noch wie ein unerschöpflicher Morgen vor ihnen, nach allen Seiten voll von Möglichkeit und Nichts, und schon am Mittag ist mit einmal etwas da, das beanspruchen darf, nun ihr Leben zu sein, und das ist im ganzen doch so überraschend, wie wenn eines Tags plötzlich ein Mensch dasitzt, mit dem man zwanzig Jahre lang korrespondiert hat, ohne ihn zu kennen, und man hat ihn sich ganz anders vorgestellt."

Robert Musil: "Der Mann ohne Eigenschaften". Erstes und zweites Buch. Berlin/Köln 1930/33 / 2013.

 

"Die Rebellion des Mannes in mittleren Jahren – die Unzufriedenheit mit allem (einschließlich Ehe, Berufspflichten, konventionelle Vergnügungen), die den Mann im mittleren Alter plötzlich überfällt – ist die trübselige Geschichte einer zweiten Pubertät, in der die Worte des Helden bombastisch, seine Taten inadäquat und seine schließliche Niederlage unvermeidlich sind."

Edmund Bergler: "Die Revolte der Fünfzigjährigen". Copyright © 1955 by Europa Verlag GmbH & Co. KG, Zürich.

 

"Zusammengenommen markierten die weibliche und männliche Midlife-Crisis das Ende der klassischen Rollenverteilung."

Die Historikerin Susanne Schmidt beschreibt hier, wie die Midlife-Crisis als Chance verstanden werden kann und in den 70ern aus einer feministischen Perspektive "die Lebensentwürfe von Frauen jenseits von Ehe und Mutterschaft [normalisierte] und zugleich nahe [legte], dass auch Männer davon profitierten, ihre Prioritäten und Lebensmuster zu überdenken."

 

Die Krise der Männlichkeit

"Ich bin ein echtes Stück Scheiße."

 

"Nein, die Männlichkeit ist nicht in der Krise – man kann fast schon sagen, Männlichkeit ist Krise. Ob ein repressives System der sozialen Kontrolle funktioniert, hängt ausschließlich davon ab, ob es viele Menschen glücklich und zufrieden machen soll, und das wurde von den Posen der Männlichkeit nie erwartet. […] Frauen, so scheint es, dürfen nur über ihr Geschlecht reden. Männer dürfen über einfach alles reden, nur nicht über ihr Geschlecht. Die Diskussion darüber, was es bedeutet, ein Mann zu sein, ist in den meisten gesellschaftlichen Kreisen stillschweigend tabu. Männlichkeit funktioniert eher wie Fight Club im gleichnamigen Film: Die oberste Regel des Männerclubs ist, nicht über den Männerclub zu reden."

Laurie Penny: "Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution." © Edition Nautilus, Hamburg 2015.

 

"Das Konzept von toxischer Männlichkeit [bedeutet]: übertriebenes Verhalten, das darauf abzielt, noch männlicher zu erscheinen, gewöhnlich motiviert durch Unsicherheit und im Allgemeinen weit entfernt vom positiven echten Ausdruck von Männlichkeit, die es zu imitieren versucht. Wenn Männer sich entmannt fühlen, reagieren sie darauf, indem sie sich an alles klammern, was sie irgendwie als männlich empfinden. Leider kann das für ihre Umgebung furchtbare Folgen haben."

Jack Urwin: "Boys Don‘t Cry. Identität, Gefühl und Männlichkeit". © Edition Nautilus, Hamburg 2017.

Hier finden Sie die männliche Privilegien-Checklist von Barry Deutsch (Englisch).

 

"Männer sehen sich neuerdings als Verlierer, im Leben, im Job." Julian Dörr fragt hier, wie der Mann v.a. in den USA zum "gesellschaftlichen Problemfall" werden konnte.

 

"Das Wissen darum, dass sie ein gutes Leben haben können und ihnen viele Möglichkeiten offen stehen, dringt nicht zu diesen Männern durch." Hier problematisiert Theresa Bücker die Wut des weißen Mannes.

 

Der Journalist Hajo Schumacher geht hier in einem Selbstversuch der Frage nach (PDF), wie "moderne Männer jenseits von Fiffi- und Macho-Stereotypen [sein wollen]" und beschreibt hier das Phänomen des Mansplaining: "Kaum ein Mann, der nicht Fachmann ist für Bob Dylan, Bierbrauen, Poker, Vogelhäuschen, das perfekte Steak, Bartpflege, das Internet, Marathon, Garten, Computerspiel, Angeln, Auto, Gin." (Spiegel+ Account nötig)

Die Krise der Entscheidungen

"Du wirst tun, was Du tun wirst."

 

"Verheirate dich, du wirst es bereuen; verheirate dich nicht, du wirst es auch bereuen. Heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen. Verlache die Thorheiten der Welt, du wirst es bereuen; beweine sie, beides wirst du bereuen. Traue einem Mädchen, du wirst es bereuen; traue ihm nicht, du wirst auch dies bereuen. Fange es an, wie du willst, es wird dich verdrießen. Hänge dich auf, du wirst es bereuen; hänge dich nicht auf, beides wird dich gereuen; Dieses, meine Herren, ist der Inbegriff aller Lebensweisheiten."

Sören Kierkegaard: "Entweder – Oder". Leipzig 1885.

 

Wenn Sie erfahren wollen, wie man mit einem 5-Stufen Prinzip schwierige Entscheidungen treffen und "AutorIn seines Lebens" werden kann, lesen Sie hier ein Interview mit der amerikanischen Philosophin Ruth Chang (Englisch).

 

"Kein Wunder […], wenn wir als Erwachsene bestimmte Kandidaten zurückweisen, und zwar nicht deshalb, weil sie die falschen wären, sondern weil sie ein bisschen zu sehr die richtigen sind, weil sie uns zu ausgeglichen erscheinen, zu reif, verständnisvoll oder verlässlich – vorausgesetzt, dass wir eine solche Richtigkeit tief in unserem Inneren als befremdlich oder unverdient empfinden. Was wir suchen, ist ein aufregenderer Partner, doch nicht etwa aus der Überzeugung heraus, dass sich das Zusammenleben mit ihm harmonischer gestalten würde, sondern weil wir unbewusst ahnen, dass die damit verbundenen Enttäuschungen uns angenehm vertraut sind."

Alain de Botton: "The School of Life. Partnerschaft". München 2018.

 

"Die Liebe und das mit ihr verbundene Hochgefühl verdanken sich keiner standhaften Bindung an eine Person, sondern dem, was in der Konsumforschung als 'Abwechslungsbedürfnis' (variety drive) bezeichnet wird: Sie ist eine Folge der Auswahl in einem Markt der Möglichkeiten und der emotionalen Erregung, sich auf eine neue Beziehung einzulassen. […] In einem Markt, der aufgrund der Kontrolle, die sie über die ökonomischen Ressourcen haben, im wesentlichen von den Männern beherrscht wird, gibt eine Frau, die großzügig Sex anbietet und ihr apriorisches Verlangen, sich zu binden signalisiert, zu viel her. Die Gefühlswelt der Frauen wird von Männern über ein emotionales Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage, Überfluss und Knappheit dominiert: Ein im Überfluss vorhandenes Gut erzeugt ein Übermaß an Auswahlmöglichkeiten, was das Problem mit sich bringt, zwischen diesen zu hierarchisieren, Präferenzen zu bilden und Wert beizumessen. Ein Übermaß macht es schwierig, Wert beizumessen."

Eva Illouz: "Warum Liebe weh tut. Eine soziologische Erklärung." Aus dem Englischen von Michael Adrian. © Suhrkamp Verlag Berlin 2011.

 

"Für Frauen ist die Scheidung meistens ein existenzielles Problem, für einen Mann ein finanzielles." Lesen Sie hier ein Gespräch mit der Scheidungsanwältin Helene Klaar über das Ende von Beziehungen und die schwierige Frage nach dem "wie".