Der Abend beginnt mit der Frage, wie es Rosa geht. Dieser antwortet mit einer Verschiebung: Entscheidend sei nicht, was jemand habe, sondern wohin er unterwegs sei. Die Moderne habe von einer Erzählung gelebt, die über Generationen trug: Wir haben nicht viel, wir arbeiten hart, aber die Kinder werden es einmal besser haben – an Bildung, Gesundheit, Sicherheit und Freiheit. Heute verfügten die meisten Menschen über mehr als je zuvor und blickten dennoch mit Sorge in die Zukunft. Aus dieser Beobachtung leitet Rosa zwei Formen der Krise ab: Die eine liegt vor, wenn bekannte Ziele vorübergehend unerreichbar werden; die andere, wenn eine Gesellschaft nicht mehr weiß, wohin sie will. Die zweite hält er für die gegenwärtige.
Von dort aus entwickelt er seine These. Das Projekt der Moderne – Freiheit, Emanzipation, Gerechtigkeit, ein Leben ohne Existenzangst – habe sich von dem Prozess gelöst, der es einst ermöglichte: Wachstum, Beschleunigung und Innovation blieben zwingend, lösten das Versprechen aber nicht mehr ein. Zugleich habe der Anspruch, immer mehr Welt in Reichweite zu bringen, an Anziehungskraft verloren. An die Stelle der einzelnen, lange ersparten Schallplatte sei ein Katalog von Millionen Titeln getreten; eine vollständig erschlossene Welt bezeichnet Rosa als tote Welt. Der Versuch, die Welt unter Kontrolle zu bringen, habe zudem neue Unverfügbarkeiten hervorgebracht: die Klimakrise als Folge der beherrschten Natur, Finanzmärkte, die niemand mehr überblicke, die Rückkehr des Krieges. Dem Allmachtsversprechen der Moderne stehe eine Erfahrung der Ohnmacht gegenüber – bis hinein in die Demokratie, deren Grundsatz, alle Macht gehe vom Volke aus, für viele nicht mit ihrem Alltag zusammenfalle. Aus dieser Kluft erklärt Rosa eine Wut, deren soziale Energie von links nach rechts gewandert sei. Er spricht von einer dreifachen Energiekrise: einer der Ressourcen, einer der Psyche und einer der Politik, in der eine Gesellschaft mit nie dagewesenen Möglichkeiten den Eindruck habe, grundlegende Aufgaben nicht mehr bewältigen zu können.
Friedman widerspricht an mehreren Stellen. Krieg, Diktatur und Folter habe es durchgehend gegeben; dass der Westen sich auf das Gegenteil verlassen habe, sei weniger Hoffnung als Fehleinschätzung gewesen. Rosas pazifistische Haltung und dessen Forderung, zuerst müsse die Gewalt enden, befragt er am Beispiel der Ukraine: Wer von außen über ein Einfrieren der Front spreche, entscheide über Menschen, deren Alternative die Unterwerfung wäre. Beide stimmen darin überein, dass eine Lösung nur mit den Betroffenen zu finden ist. Der Haltung, der Einzelne könne nichts ausrichten, hält Friedman die Geschichte seiner Eltern entgegen, die von Oskar Schindler gerettet wurden. Rosa setzt dagegen, Ohnmacht sei kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse, die als versteinert erlebt würden.
Dieser Dissens prägt auch den Blick auf die politische Gegenwart. Friedman besteht darauf, Wählerinnen und Wähler der AfD wie alle anderen für die Folgen ihrer Stimme verantwortlich zu machen. Rosa will zunächst verstehen, was sie antreibt: In Ostdeutschland begegne ihm selten der Wunsch nach einem anderen System, aber verbreitet die Überzeugung, so könne es nicht weitergehen. Er verweist auf eine Untersuchung, nach der das Gemeinwesen vielen nur noch als Behörde begegne, und auf die Fähigkeit rechter Parteien, Zugehörigkeit zu stiften, die auf Ausschluss beruhe. Ein ostdeutsches Phänomen sehen beide darin nicht. Ein Einwurf aus dem Publikum lenkt das Gespräch auf die Berliner Linke und auf junge Wählerinnen und Wähler an beiden Rändern. Friedman verbindet dies mit der Frage nach einer Öffentlichkeit, in der Meinung mehr gelte als Argument; Rosa ergänzt, dass politische Streitfragen zunehmend als wissenschaftliche behandelt würden – mit der Folge, dass sich Dissens gegen die Wissenschaft selbst richte.
Gegen Ende verschiebt Rosa die Perspektive auf das, was gelingt: auf Unterrichtsstunden, die trotz struktureller Probleme funktionieren, auf ein Gespräch, das durch Widerspruch in Bewegung bleibt. Resonanz, sein Begriff dafür, beruhe nicht auf Harmonie, sondern auf der Bereitschaft, sich von Gegenrede erreichen zu lassen. Friedmans letzte Frage gilt der Endlichkeit – ob Krisen auch deshalb unbewältigt bleiben, weil Menschen ihre Begrenztheit nicht annehmen. Rosa antwortet mit zwei Begriffen, die eine Demokratie seiner Auffassung nach benötigt: Demut vor dem, was sich nicht kontrollieren lässt, und Anrufbarkeit – die Offenheit für das, was anders denkt, anders aussieht, anders glaubt.