Sie haben sich schon sehr oft mit griechischen Tragödien beschäftigt. Was fasziniert Sie so daran?
Als ich angefangen habe Regie zu führen, dachte ich, dass ich mit Bauernstücken anfangen muss, weil ich selbst ein Bauernsohn bin und mich die Natur immer interessiert hat, das Unbeherrschbare, das Gewaltige, die Schönheit. Das Nächste waren dann griechische Tragödien, weil sie für mich am dichtesten an der Welt der Natur und der Götter sind. Sie sprechen über das Ganze, über das All. Ich fühle mich immer zu Hause in diesen Stücken, weil ich auch aus dem Glauben komme und dann, als ich etwas 13 Jahre alt war, zu zweifeln begonnen habe: Was machen wir hier? Und warum greift Gott nicht ein in diese Welt, die so schmerzhaft ist? Von diesem Konflikt erzählen die griechischen Tragödien meisterhaft und ich verstehe durch sie die Welt besser als durch alle anderen Stücke, die danach gefolgt sind. Sie sehen das Gute und das Böse als eine unauflösliche Einheit. Wir Menschen versuchen, die Welt rational zu verstehen, zu erklären, zu berechnen und glauben, sie dadurch kontrollieren zu können, aber wenn mein Sohn morgen tödlich verunglückt, entgleitet mir mein ganzes Leben. Davon, wie die Dinge entgleiten und außer Kontrolle geraten können, wissen diese Tragödien am besten zu erzählen.
Was ist für Sie das Besondere an dieser Tragödie, an "Antigone"?
Diese Menschen, die das Stück bevölkern, tragen eine ungeheuer gewaltige Vergangenheit mit sich herum. Antigone und Ismene erlebten, wie sich Ödipus, ihr Vater, als ihr Bruder entpuppte, wie er sich die Augen ausstach, wie sich ihre Mutter erhängte. Dann haben diese Kinder – so stelle ich es mir vor – ihren blinden Vater jahrelang begleitet. Die Söhne mussten sich von ihm verfluchen lassen, stürzten die Stadt Theben in einen Bruderkrieg und brachten sich dabei gegenseitig um. Übrig bleiben Antigone und Ismene. Ein schreckliches Los! Ich kann das Stück nicht lesen, ohne diese Vergangenheit zu sehen. Die Vergangenheit von Kindern, die ihre eigenen Traumata, die ihrer Eltern und Großeltern mit sich herumschleppen und versuchen, sie endlich aufzulösen. Diesen von Hölderlin so fantastisch übersetzten Vers, den Antigone sagt, "Zum Hasse nicht, zur Liebe bin ich", lese ich vor diesem Hintergrund beinahe als Fluch, als eine viel zu große Aufgabe, die sich Antigone hat aufbürden lassen: die Aufgabe, diese Familie wieder heil zu machen, im Reich der Toten. Mehr noch: die ganze Welt zu heilen, indem sie für die Menschlichkeit stirbt und es auch laut herausschreit. Eine Aufgabe, die in Form einer übersteigerten Eigenverantwortlichkeit als vermeintliche Selbstverwirklichung in die Selbstaufopferung führt – bis hin in den Tod. Das ist maßlos. Großartig. Und darin auch zerstörerisch. Deswegen ist für mich dieses Stück eine Art Ode an Kinder, die in gewalttätigen Kontexten aufwachsen. Mich interessiert, was das mit ihnen macht. Da wird es für mich auch sehr persönlich, weil ich selbst in gewalttätige Umstände hineingeboren wurde und darin aufgewachsen bin.
Wie verstehen Sie Kreon und sein Handeln?
Die Vorgeschichte von Kreon ist die von einem, der in der zweiten Reihe steht und sich nach dem Abgang des Herrschers auf einmal mit der Aufgabe konfrontiert sieht, die Rolle an der Spitze der Regierung zu übernehmen. Ich sehe ihn eher als ängstlichen Menschen, der sich bemüht, in eine Rolle zu finden, die viel zu groß für ihn ist, und dabei Fehler macht. Auch er gehört zu den wenigen aus dieser Familie, die übrig geblieben sind, auch er sieht sich als Einzelner in einer Art Pflicht, es besser zu machen. Seine Angst macht ihn hart und blind für andere Umstände, andere Sichtweisen und Ratschläge. Der falsche Anspruch, es alleine regeln zu müssen, macht ihn nicht nur ängstlich, sondern auch misstrauisch anderen gegenüber. Am Ende sieht er in jedem einen Feind, und aus Angst, sich lächerlich zu machen oder in seiner Autorität nicht respektiert zu werden, trifft er lauter falsche Entscheidungen. Das Fantastische und gleichzeitig Schreckliche an dieser Figur ist, dass er das viel zu spät sehen kann. Das Sehen oder eben Nicht-Sehen-Können ist auch seit Ödipus ein großes Thema.
Warum ist es jetzt eine gute Zeit, um Antigone zu spielen?
Das Stück zeigt, wie abhängig wir sind – voneinander, von der Natur, von Dingen, die nicht beherrschbar sind. Und es zeigt, wie schlecht wir diese Abhängigkeit zugeben können. Wenn wir das besser könnten, müssten wir unseren Blick weiten für das, was uns fremd erscheint, müssten das Denken beweglich halten und das Einfühlungsvermögen für ein besseres Zusammenspiel mit anderen schulen. Damit sieht es aber momentan eher düster aus, finde ich.
Auch bei Sophokles wurden alle Figuren von drei Schauspielern gespielt. Das waren damals nur Männer, gespielt wurde mit Masken. Bei uns sind es auch drei – Constanze Becker widmet sich in der Hauptsache den Texten von Kreon, Jens Harzer denen von Antigone und weiteren, Kathleen Morgeneyer sucht mit Texten von Ismene und weiteren die Position dazwischen – aber hinter unserer Erzählweise steht noch etwas anderes.
Natürlich ist es heutzutage immer noch nicht so, dass wir völlig frei sind bei der Wahl, welche Rolle wir im Leben und in der Gesellschaft spielen wollen und wie wir das tun wollen und so hören die Konflikte, die die griechische Tragödie in Bezug auf menschliche Verantwortung zwischen Macht und Ohnmacht verhandelt, natürlich nicht auf. Theater ist für mich ein Denkraum, ein Raum, in dem mit Gedanken und Rollen gespielt wird, gemeinsam, im Zusammenspiel mit Anderen, mit Worten, mit Fantasie, mit Dingen, mit Vergangenheit und Gegenwart und so weiter. Darin liegt im Theater eine große Freiheit. Während es im Leben nach wie vor nicht ganz so einfach ist. Und das hat mit unserer Vergangenheit zu tun. Mit der Geschichte. Mittlerweile hat es, glaube ich, auch was mit Algorithmen zu tun. Ich glaube, diese beeinflussen uns und das selbstständige Denken immens. Wir werden gelebt durch Algorithmen und Daten – und wer hat die Macht über diese Daten? Für mich sind diese Tech-Giganten Verbrecher an der Menschlichkeit. Aber das ist ein weites Feld … Jedenfalls suche ich im Theater nach einer Form, die eine große Freiheit ermöglicht, um mit dem Denken zu spielen und es an das Publikum weiterzugeben. Auch deswegen liebe ich die griechischen Tragödien. Sie schaffen Probleme und Fragen, auf die es keine Lösungen oder Antworten gibt, zumindest keine einfachen.
Auf der Ebene der Geschichte begegnen wir einsamen und vereinzelten Figuren, die es nicht schaffen, einen gemeinsamen Weg zu finden. Auf der Ebene des Spiels aber erleben wir ein brillantes Zusammenspiel. Eine kleine Utopie vielleicht. Naiv, möglicherweise. Aber deswegen nicht weniger bedeutsam. Und deswegen fangen diese Drei bei uns so an, als wären sie Kinder, die sich inmitten von Bruchstücken der Geschichte etwas zum Spielen suchen. Die zusammenkommen und anfangen, Antigone zu spielen, sich auszuprobieren. Götterkinder, in dem Sinne, dass die Menschen immer einen Anteil am Göttlichen, am Schicksalhaften, am Unberechenbaren, am Ungeheuren haben, um den Preis, dass sie selbst zu Opfern ebendieser Kräfte werden. Und wenn es schon keine Erlösung aus diesem Konflikt gibt, dann vielleicht eine Art Trost. Ich zumindest finde es sehr trostreich, wenn Menschen einen Genuss haben – am Zusammenspiel, an diesen fantastischen Texten, an der Schönheit.