Hunger

Ubu hat Hunger. Er will mehr, er will alles, er ist einfach nicht satt zu kriegen. Was er in den Mund bekommt, gibt es; wenn er es schluckt, nicht mehr – ganz einfach. 

 

Das Grundbedürfnis des Hungers drückt das Verlangen aus, einen Mangel zu beseitigen: essen, um nicht mehr hungrig zu sein. Im Hunger nach einer anderen Welt findet sich nach Ernst Bloch ein revolutionäres Interesse, ein Verändern-Wollen des Bestehenden, eine Auflehnung gegen die Verhältnisse. (Vgl. Bloch: „Das Prinzip Hoffnung“) Die Hungrigen verlassen sich auf ihr Gefühl und ihren Trieb. Verhältnisse und die Kultur, die nur auf Beschränkungen hinauslaufen, sind ihnen Feind. Im Hunger manifestiert sich so ein Grundmotiv des Ringens der menschlichen Triebhaftigkeit mit der kultivierten Welt und ist Ausdruck eines tiefen Unbehagens gegenüber der Kultur – wie Sigmund Freud das nennt. (vgl. Freud: „Das Unbehagen in der Kultur“) Das Domestizierte steht der Lust und Befriedigung im Weg: Das bedeutet Krieg!
 

In diesem Sinne ist die Sehnsucht nach einer anderen, satten Welt keineswegs nur progressiv, sondern kann ganz im Wortsinne des lateinischen revolutio, auch ein Zurück-Drehen bedeuten. Zurück in eine Zeit, in der man noch nicht teilen musste, in eine Zeit vor dem Anspruch der vielen. Der einzelne Mensch leidet also darunter, sich und seinen Hunger den Bedürfnissen der anderen und der Gemeinschaft unterordnen zu müssen. Eine Selbstzentriertheit natürlich, die in einer Gesellschaft, die den Wettbewerb zwischen Menschen, den Reichtum einzelner weniger und unbedingte Individualität hervorhebt, besonders befördert wird: Besitzstandwahrung zählt mehr als Solidarität. Hunger wird so zu Gier, zum Bestreben, nicht mehr nur nach Beseitigung eines körperlichen Mangels zu beseitigen, sondern um mehr, immer mehr, alles zu haben (oder zu behalten). Der Mangel, das sind die Anderen.
 

Ubu Rex ist die groteske Geschichte eines hungrigen Kleinbürgers, der nicht in der Lage ist, sich etwas oder jemanden anderes vorzustellen als sich selbst: Er denkt nur an sich. In seinem Hunger und seiner Selbstbezogenheit versucht er, alles zu fressen und alles zu sein, wobei ihm jedes Mittel Recht ist: machtbesessen, habgierig, mordlüstern, skrupellos, vulgär und feige verkörpert er den Spießer genauso wie den Bürgerschreck, den Tyrannen wie den Anarchisten, den Feigling wie den Massenmörder. Die triebhafte Natur des Menschen wird zum Maß aller Dinge und das nicht nur bei Ubu selbst, sondern auch beim Volk und Hofstaat, die ihm enthusiastisch hinterherlaufen, immer auf das Stillen des eigenen Hungers bedacht.
 

„Was kann das bedeuten? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Ich hab Hunger.“ 

Pa Ubu

Die Groteske war immer ein Gegenentwurf zur Hochkultur und vereint in einer Ästhetik des Hässlichen eine traumatische, laute und zwiespältige Welt, die sich der bürgerlichen Behauptung des Guten, Wahren und Schönen entgegenstellt. Sie entlarvt letztere als Fassade, als diskursive Behauptung der Mächtigen, die ihre Moral dort zur Natur des Menschen erheben, wo sie nur Mittel zum eigenen Machterhalt ist. (Vgl. Nietzsche: „Genealogie der Moral“) Sie setzt den Menschen gleichzeitig auf den Thron und in den Dreck – aber immerhin den eigenen. Diese Gegensätze finden sich auch im grotesken Körper Ubus. Er vereint „den verfallenden, schon deformierten Körper mit dem noch nicht entwickelten, gerade gezeugten, neuen Leben. Hier wird das Leben in seiner ambivalenten, innerlich widersprüchlichen Prozesshaftigkeit gezeigt, nichts ist fertig, die Unabgeschlossenheit selbst steht vor uns.“ (Bachtin: „Rabelais und seine Zeit. Volkskultur als Gegenkultur“)

Die Groteske vereint so Karneval und Psychoanalyse – einerseits eine bunte Umkehrung der Machtverhältnisse, ein „alles ist erlaubt“, das andererseits tief in die Abgründe des menschlichen Verlangens blicken lässt und das zeigt, was zu Tage kommt, wenn die Zwänge und Konventionen der Kultur hinterlaufen werden. Seine modernste, abgründigste und populärste Form fand sie dabei im Grand Guignol: 

https://www.dctp.tv/filme/news-stories-05-10-2003
 

Die Geschichte des König Ubu jedoch treibt all dies auf die Spitze – ins Narzisstische. Keineswegs werden hier Machtverhältnisse und Unterdrückung durch herrschende Konventionen in Freiheit aufgelöst, vielmehr nutzt er die Triebhaftigkeit und Feindschaft zur bestehenden Kultur zu seiner eigenen Machtergreifung. Der anarchische Impetus des Hungers, der sich im Umstürzlerischen auslebt, wird hier in der Zerstörung aller Liberalität zur Befriedigung der eigenen Machtgier. Ubus Hunger bezieht sich nicht auf die Utopie einer (Menschen)gerechteren Welt, sondern ausschließlich auf den eigenen Vorteil. Er schafft eine Welt, die in der Selbstüberhöhung eine Notwendigkeit der Selbstverteidigung sieht, schließlich haben es „[d]ie Menschen [...] mit der Beherrschung der Natur so weit gebracht, dass sie es […] leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gutes Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks und ihrer Angststimmung.“ (Freud) Ubu überfrisst sich an einer angstzerfressenen Welt, die ihn gewähren lässt, weil sie auf den Schutz vor dem Hunger der anderen hoffen.
 

Im Vergleich zum Skandal von Alfred Jarrys Stück König Ubu, das 1896 uraufgeführt wurde und bei der Premiere schon nach wenigen Sätzen zu empörten Tumulten des Publikums führte, muss die Empörung über den fressenden und narzisstischen Ubu heute eher – wie das Lachen – im Halse stecken bleiben, spiegelt sie unsere politische Realität doch mehr als eine Anti-Welt, die Jarry noch entwarf. Das Karnevaleske wird zum Karnivoren – die Welt Ubus frisst sich selbst.