Die Jury des Friedrich-Luft-Preises wählte in der Spielzeit 2025/26 zwei Produktionen des Berliner Ensembles unter die zehn besten Inszenierungen der Saison: Barrie Koskys Inszenierung von "K." nach Kafkas "Prozess" sowie Mateja Koležniks Inszenierung von Anton Tschechows "Drei Schwestern".
Der Preis, benannt nach dem Berliner Theaterkritiker Friedrich Luft, wird seit 1992 verliehen, seit 2021 gemeinsam von Deutschlandfunk Kultur und der Berliner Morgenpost. Er zeichnet die beste Berliner oder Potsdamer Theateraufführung der zurückliegenden Spielzeit aus und ist mit 7.500 Euro dotiert.
"Tragikomisch und wahnsinnig mitreißend"
Jurybegründung für "K." in der Regie von Barrie Kosky: "Nebulös ist die Anklage, und in weißer Unterwäsche schlotternd kann der vermeintliche Delinquent nur mutmaßen: 'Jemand musste mich verleumdet haben.'
Musiktheater-Experte Barrie Kosky nimmt Kafkas Roman 'Der Prozess' zum Ausgangspunkt seiner rasant-betörenden jiddischen Revue im Vaudeville-Stil am Berliner Ensemble, die den Menschen Kafka von einer ungewöhnlichen Seite beleuchtet: Berührungspunkte zum Judentum hatte Kafka, der in einer assimilierten Familie aufwuchs, vor allem über das ostjiddische Theater. Kosky nun rückt diesen Aspekt ins Zentrum seiner musikalischen Collage.
Mit einer umwerfenden Kathrin Wehlisch in der Hauptrolle, die taumelnd, charmant und verletzlich den Verlorenen gibt, der nach Antworten sucht, zwischen einem verjazzten Bach, tanzenden Chassidim und allerlei Verführungen und Verwirrungen. Das ist tragikomisch und wahnsinnig mitreißend."
"So zeitgemäß hat man dieses Stück kaum je gesehen"
Jurybegründung für "Drei Schwestern" in der Regie von Mateja Koležnik: "Raus aus dem Landhaus, rein in die Kaserne: In Mateja Koležniks Version von Tschechows 'Drei Schwestern' müssen Olga, Mascha und Irina ihr russisches Landleben gegen die graue Tristesse eines fensterlosen, bunkerartigen Militärstützpunkts tauschen. Die Ortsverlegung funktioniert hervorragend: Diese geschlossene Gesellschaft kreist um die eigenen Befindlichkeiten und die Schwestern tanzen als Expertinnen der Verdrängung das Krachen und Rumpeln da draußen einfach weg.
Aber gerade vor dem Hintergrund permanent existenter diffuser Bedrohung, die den Abend von der ersten bis zur letzten Minute bedrohlich grundiert, tritt die Notwendigkeit zu handeln und eben nicht wegzuschauen umso klarer und schärfer hervor.
Damit dockt der Abend, der zudem mit einem fantastischen Ensemble aufwarten kann, bemerkenswert deutlich an unsere krisengeschüttelte Gegenwart an. So zeitgemäß hat man dieses Stück kaum je gesehen."
Zur Preisjury gehören in diesem Jahr Susanne Burkhardt und Hans Dieter Heimendahl vom Deutschlandfunk Kultur, Felix Müller von der Berliner Morgenpost, die Theaterkritikerinnen Elena Philipp (nachtkritik.de) und Katrin Pauly, die Schauspielerinnen Claudia Wiedemer und Martina Gedeck sowie Ernst Elitz, Gründungsintendant vom Deutschlandradio.