"Der American Dream war nie Realität."

EIN GESPRÄCH ÜBER DEN „AMERICAN DREAM“, DAS POLITISCHE UND DAS PRIVATE MIT DEM IDEENHISTORIKER ANTON JÄGER.

Die Erzählung vom großen amerikanischen Traum hält sich auch heute noch hartnäckig. Dramaturg Johannes Nölting befragt den Ideenhistoriker Anton Jäger, was es mit dem "American Dream", der politischen und der privaten Dimension auf sich hat. Lesen Sie hier das ganze Gespräch. 

Johannes Nölting | 16.09.24
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Arthur Miller hatte mit Tod eines Handlungsreisenden 1949 seinen Durchbruch als Dramatiker. Es geht darin um den Abstieg einer Familie, die sich zwar bemüht, in der sich verändernden Arbeitswelt zurechtzukommen, deren Träume und Vorhaben aber immer an der Realität scheitern. Schon vor 75 Jahren demaskierte Miller damit, was wir noch heute den "American Dream" nennen: Jede:r kann es zu Reichtum und Erfolg bringen, wenn er oder sie sich nur genug anstrengt. Welche Rolle spielt diese Erzählung heute noch?

1949 beginnt der „Kalte Krieg“ und die USA treten mit einem Freiheitsversprechen durch den kapitalistischen
Markt und soziale Mobilität ihre neue Führungsrolle in der Welt an. Es ist bezeichnend, dass Arthur Miller dieses Versprechen im gleichen Jahr als Behauptung entlarvte – natürlich auch, weil dieser Mythos vom Tellerwäscher zum Millionär innerhalb der USA schon eine gewisse Geschichte hatte. Diese Vorherrschaft der USA, die nach 1989 nochmal zugenommen hatte, scheint jetzt eher zu schwinden und das säht jetzt auch nochmal den Zweifel an der Realität dieses Versprechens. Aber es zeigt auch, wie sich die USA in einem ideologischen Sinne zur Welt verhalten. Waren es mindestens bis in die 1980er noch die Ideen von Freiheit und Wohlstand, die den Führungsanspruch begründen sollten, sehen wir heute vielmehr militärische Machtbehauptungen, um sich durchzusetzen. Die moralische Maske wurde gewissermaßen aufgegeben. Wenngleich es wichtig ist festzuhalten: Der "American Dream" war nie Realität.

Hinter dem "American Dream" steht ja auch ein Versprechen von Autonomie: Man könne es allein schaffen, aus eigener Kraft. Egal wie skeptisch man dem ökonomischen Aspekt gegenübersteht: In Bezug auf die Emanzipation – sowohl rechtlich als auch kulturell – hat sich ja durchaus einiges seit den 1940ern getan …

Absolut! Und darin zeigt sich auch eine vielsagende Dialektik, die wesentlich ist für die Moderne: Wie wiegen wir individuelle Autonomie und Emanzipation gegen kollektive Belange und Zugehörigkeit auf? Schon im 19. Jahrhundert hat man darüber gesprochen, dass die Moderne die Menschen von starren sozialen Strukturen emanzipierte, sie dann aber auch in den Atomismus oder die Einsamkeit stürzt. Das Besondere an den letzten 30 Jahren ist jedoch, dass dieser Prozess ein viel weitreichenderes Ausmaß erreicht hat. Einsamkeit ist heute ein riesiges Problem, gilt als "Volkskrankheit" und hat sich mit COVID noch einmal verschärft. Gleichzeitig gab es für Menschen mit bestimmten Identitäten nie so viele Möglichkeiten wie heute, ihren Platz zu finden oder ihre Identität auszuleben. Man muss also feststellen, dass diese Emanzipation ihren Preis zu haben scheint. Um es wieder um den ökonomischen Gedanken zu erweitern: Wenn der Markt expandiert, finden die Menschen neue Möglichkeiten, Freiheit zu erleben. Aber gleichzeitig bedeutet die Öffnung dieser Freiheit scheinbar auch eine Aushöhlung der Gemeinschaft.

Diese Atomisierung ist auch Folge dessen, was Sie in Ihrem Buch "Hyperpolitik" (Suhrkamp, 2023) als "großen Rückzug" bezeichnen. Es lässt sich demnach beobachten, dass Menschen sich immer weniger in Vereinen, Parteien und Institutionen organisieren. 

Spezifisch amerikanisch seit den 1940er- und 50er-Jahren ist die Erfahrung der Suburbanisierung. Mit dieser Suburbanisierung entstand eine komplett vom Auto abhängige, isolierte Stadt- oder Vorstadtlandschaft, in der es außer im Einkaufszentrum keine Cafés, keine Kneipen und überhaupt nur sehr wenige Orte gibt, an denen Menschen tatsächlich außerhalb der Kernfamilie aufeinandertreffen. Der "große Rückzug" der letzten 40 Jahren wiederum, hat genau in diesen Prozessen seine Vorläufer und ist darüber hinaus aber auch in hohem Maße ein Prozess der aktiven Zerschlagung von vornehmlich linken Parteien und Gewerkschaften, weil bei konservativen und marktliberalen Kräften in den 1970er- und 80er-Jahren die Vorstellung vorherrschte, dass Gewerkschaften und Arbeitnehmerrechte für die Wirtschaftskrise verantwortlich gewesen seien. Man stellte den so genannten freien Markt über die Rechte der Arbeitnehmer:innen und musste dafür die Gewerkschaften loswerden. Das ist die aktive Seite der Geschichte. Die passive besteht darin, dass die Menschen infolgedessen, wenn sie in ihrem Leben mit einem Problem konfrontiert werden, nur selten kollektiv handeln, sondern eher individuelle Lösungen suchen. Wie auch die Lomans im Stück – auch sie bleiben mit ihren Problemen unter sich. Wir denken also nicht so sehr an politische Lösungen für unsere Probleme, sondern eher an individuelle: Wie kann ich mich ändern, um den vorherrschenden Ideen gerecht zu werden? Was kann ich tun, um mehr Geld zu verdienen? Wie Geld anlegen oder mehr sparen? Wir halten es für eher unwahrscheinlich, dass wir unsere persönlichen Probleme durch kollektives Handeln lösen können. Kurzum: Es herrscht ein tiefes Misstrauen in die Wirksamkeit kollektiven Handelns.

 

Laut des Soziologen Robert Putnam macht die Erosion des sozialen Zusammenhaltes die Politik des Hasses und des Ressentiments erst möglich. Was meinte er damit?

Ich denke, der Zusammenhang ist ganz logisch: Wenn man nur individuelle Antworten auf kollektive Probleme hat, ist man schnell mit der Tatsache konfrontiert, dass jede:r Einzelne eine individuelle Antwort sucht. Und das bedeutet, dass alle miteinander konkurrieren. Jede:r versucht also, ein Stück vom Kuchen abzubekommen, der einfach nicht groß genug für alle ist. De facto wird es also Menschen geben, die nicht gewinnen, deren individuelle Antwort nicht zur Lösung ihres Problems führt. Das führt besonders deshalb zu Unmut, weil wir auch durch den "American Dream" davon ausgehen, dass wir alle – rechtlich und kulturell – die gleiche Chance darauf hätten. Die Reaktionen sind dann meist nicht
produktive Frustration, sondern Neid und Eifersucht.

Welche Rolle spielt dabei der Begriff "Klasse"? In Ihrem Buch beschreiben Sie vor allem das sogenannte "Kleinbürgertum". Auch die Lomans könnte man da zuordnen. Worum geht es da genau?

Das amerikanische Kleinbürgertum, das Miller beschreibt, ist bis heute eine Art Idealtypus – "der gewöhnliche Mann und die gewöhnliche Frau". In der politischen Kommunikation sind sie das Modell für die Gesamtheit der Gesellschaft. Sowohl Superreiche als auch ganz Arme identifizieren sich mit der sogenannten "Mittelschicht". Das gilt heute für die meisten westlichen Gesellschaften und hat auch etwas mit der Repräsentation von demokratischem Handeln zu tun. In den letzten 40 Jahren ist diese Art "gequetschte Mitte" nochmal wichtiger geworden. Der durchschnittliche Trump-Wähler ist z.B. ein mittlerer Manager bei McDonald’s. Jemand, der also weder extrem arm noch sehr reich ist. Er gehört nicht zu den oberen 1 %, aber hat Führungsautorität und auch Angestellte, die ihm unterstellt sind. Das produziert eine schizophrene Klassenerfahrung: Man sieht sich nicht als Teil der herrschenden Klasse, aber identifiziert sich auch nicht mit der Unterschicht. Das war historisch gesehen auch im Faschismus in den 1920er- und 1930er-Jahren ein wichtiges Segment. Und ich denke, es ist vor allem die Krise dieser Mittelschicht, die für die amerikanische und europäische Politik in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat.


Aber worin besteht die Krise dieser "Mittelschicht"?

Das hat mit vielen produktions- und arbeitsmarktpolitischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zu tun, z.B. mit der industriellen Automatisierung und Technologisierung sowie auch dem staatlichen Neoliberalismus. Auch die Globalisierung ist ein zentrales Thema, denn sie führte vor allem am unteren Ende der Gesellschaft, dem sogenannten Niedriglohnsektor, zum Niedergang. Die "Mittelschicht", die sich aufgrund der großen Veränderungen ohnehin unter Druck sieht, reagiert darauf nicht unbedingt mit Solidarität, sondern vielmehr mit der Angst, selbst abzusteigen. Es geht also auch hier wieder eher um den individuellen Versuch, sich selbst vor dem Abstieg zu bewahren als um einen möglichen politischen Zusammenschluss.

 

Was können wir dagegen tun? … alle wieder mehr in Vereine eintreten?

Das wäre ein Anfang. Aber ganz so einfach ist es nicht, fürchte ich. Das einzige Rezept oder die einzige Empfehlung, die ich geben kann, ist, sich auch jenseits von Wahl-, Medien- und Protestzyklen zu engagieren. Und das bedeutet, dass man in der Lage sein muss, langfristig darüber nachzudenken, was
man politisch will. Das erfordert allerdings viel Geduld – eine Eigenschaft, die in unserer Gesellschaft gerade eher nicht so geschätzt wird.