Mit dem Herzen fängt es an, es schlägt und hält inne, schlägt und schlägt nicht, es stimmt ein ins große, heimliche Trommeln, das dunkel — nicht hör-, aber vorstellbar — über den Erdkreis bebt und seinen Ursprung in den gut gedämmten Innenräumen der lebendigen Kreaturen hat. Das Herz schlägt im Takt, es tanzt mit sich selbst und mit den unzählbar vielen, in deren Mitte es seine Reise begonnen hat und beenden wird.
Mit dem ersten Herzschlag kommt ein neuer Takt in die Welt, der das Blut zum Kreisen, die Bleistifthand zum Vorwärtswandern und -stolpern und den Kreuz- und Quer-Gehenden zum Tanzen — vorzüglich zum Ausweichtanzen — bringen wird.
Der Tänzer verfällt von jeher in einen Zweiertakt. Von jeher ist es ein Pas-de-deux, den er tanzt, denn da ist einer, der tanzt immer mit, gibt der Drehung ihren Schwung, macht einen Knoten in den zerschlissenen Rockzipfel seines Kumpans oder Doppelgängers oder stellt ihm ein Bein. Von jeher ist der Dichter mit sich im Zwiegespräch, fällt sich ins Wort, stupst sich an, fragt zweifelnd nach: Soll es wirklich so heißen? Ist nicht vielmehr das Gegenteil der Fall? Oder beides? Ja, beides ist der Fall.
Oder nicht? Das Zweifeln, auch das An-sich-selbst-und-an-der-Welt-Verzweifeln, hat kein Ende. Der Zweiertakt ist eine Pendelbewegung, die alle Gewissheiten und alle Selbstgewissheit meidet. Hört diesen Tanzrhythmus, ihr Politiker, ihr Weltversteherinnen, ihr Entrüstete aller Sorten und Richtungen, die ihr keinen verschrumpelten Apfel und kein Judasohr (ein Pilz) emporstreckt, sondern immer nur eure Faust! Ihr seid geladen, euch einmal in eurem Leben in einen Ballsaal zu begeben, der die Ausmaße einer Steppe, eines Karsts, eines Stillen Ortes, eines helldüsteren Kopfes hat. Heute habt ihr Gelegenheit, einen solchen Pendeltanz mitzutanzen, statt immer nur mit beiden Füßen eure Gewissheiten ins Parkett zu stampfen.
Aber natürlich stellt sich niemand ein.
Oder doch?
Die Große Kälte naht — oder auch nicht.
Ich gehe hier in Feindesland — oder auch nicht.
Es wird schon. Oder auch nicht?
Das Schöne von Natur unsteigerbar (schöner, am schönsten). Oder doch?
Es wird schon.
Oder auch nicht.
Oder doch?
"Nur nichts wissen", könnte eines der elften Gebote sein. Wissen (insbesondere Bescheidwissen) ist Sache der oben zum Mittanzen Geladenen (und nie Aufgetauchten?). Der Dichtung Sache ist das Zögern, das Fragen, die Ungewissheit, das ewige Pendel: Ist nicht das Umgekehrte wahr? Der Dichtung Sache ist das Unbehagliche, die Verunsicherung, die Störung des Gleichgewichts.
Nur so wird Fremdes, Unvertrautes sichtbar. Denn da ist eine Welt hinter oder über oder unter (nur nicht vor) der uns allgemein bekannten oder vermeintlich bekannten. Die elften Gebote bestehen im Schatten der überlieferten, wie Bedeutungen sich neben oder hinter den eigentlichen Bedeutungen verbergen. "Gib dem Wort eine andere Bedeutung", jenseits der geläufigen, im Wörterbuch aufgeführten Mehrdeutigkeiten. Höre die vertrauten Laute anders, wie zum ersten Mal. "Und nie wieder ein erstes Mal."
Oder doch?
Nur nichts wissen, allenfalls kleine Weisheiten, "die können wenigstens nichts schaden". Was für kleine Weisheiten denn? Sagen wir, die Entdeckung der Urgeraden: "die Gerade, die eine Fliege beim Wegflug aus meiner sich öffnenden Hand hinaus ins Freie zieht."
Nicht wissen, nicht können. "Ich tue nur, was ich nicht kann." Wer schreiben kann, wer weiß, wie's geht, sollte besser gar nicht erst damit anfangen. Wer's glaubt, erlernen zu können, auch. Er hätte besser daran getan, an den Unwissenheitskursen oder Cours d'Ignorance teilzunehmen, die der Dichter Georges Perros Anfang der 70er Jahre an der Universität Brest anbot. Unheilbar bleiben statt geheilt sein, verlernen statt lernen, bleibt die Dichterdevise — Stop! Pendelbewegung! Weder Methode noch Devise. Weder Gott noch Meister? Doch, sowohl Gott als auch Meister. Oder etwa nicht?
Finde neben dem Universitäts-, dem Zeitungs- und mehr oder weniger gesunden Menschenverstandswissen ein anderes Wissen, finde neben den gängigen Zeit- und Raumeinheiten andere, zum Beispiel "die Dauer der Nachbilder bei geschlossenen Augen".
Und vor allem: Verschone uns mit deinen Idealen! "Kein Ideal mehr, nirgends." Oder wäre da noch eines zu retten? Prompt schlägt das Pendel wieder aus. Ja, doch, das Hin-und-Her, das eine, große Rhythmus-Ideal, das bleibt bestehen. Aber ein Gesellschaftsideal? Doch, es bleibt die Gastwirtschaft, die Gastfreundschaft. Es bleiben kleine, unscheinbare Nebenideale; das Große, das Grandiose, Hochtrabende ist nicht zu retten.
Oder? Leuchtet da nicht doch ein neues Ideal auf, ein großes sogar? Ein Pendel oder Pas de Deux für sich, auch hier in Gestalt eines Widerspruchs: "schön verschwinden!" Weitergehen, "im Rhythmus des Zusammenbrechens weitergehen", bis es mit dir "schön aus" ist, bis "die Wette des geglückten Lebens" glücklich verloren ist.
Oder ist da vielleicht gar kein Widerspruch?
Dann wäre auch kein Widerspruch im "Menschenfreund als Amokläufer"?
"Ist das die für mich vorgeschlagene Endrolle"?
"Wie konnte ich bloß zum Alleingeher werden." Das Dürsten nach Mitwanderern und -wacklern, die Sehnsucht nach dem Einer-von-Vielen-Sein sind so alt wie das Nichts-wie-weg in die Wälder, wo einem die binnen kurzer Zeit verhassten Vielen noch auf ihren Mountainbikes hinterher preschen; so alt wie das Nichts-wie-weg in die Wüste, durch die sie einem mit ihren Motocross-Motorrädern nachknattern. Nichts wie weg an den Stillen Ort. Menschenfreund aus der Ferne, ansonsten eher Amokläufer oder vielmehr Amokschreiber; statt mit einer Kalaschnikow, mit einem nicht sonderlich spitzen Bleistift ausgerüstet. "Selbst die Papageien weigern sich", menschliche Worte nachzukrächzen. Sterbe aus, Menschheit! Lass dich umarmen.
So geht es immer hin und her. Und warum dieses Hin-und-Her, warum diese Flucht in die Einsamkeit, wenn nicht, damit die Sehnsucht nach den anderen, nach dem Zusammen, lebendig bleibe? "Ah, sehnsuchtsvolle Hungerleider ihr nach dem Unerreichbaren!" Die Zufriedenen, die Gesättigten, die Geheilten sind es, die zu beklagen sind. Den Unheilbaren, den Sehnsuchtsvollen, den Hungrigen gehört das Himmelreich.
Und wie wird es nun weitergehen, wie wird es mit uns weitergehen? Mit mir? Befrage die Sterne. Die Sterne? Meinst du etwa die dummen Sprüche und Ratschläge des täglichen Horoskops aus dem "Parisien"? Genau die meine ich. Der Dichter ist auch ein Übersetzer; in diesem Fall von in der Zeitung abgedruckten Himmelsbotschaften.
Vertrauen Sie sich Ihrem Schopflüpfengel an, könnte eine dieser Botschaften lauten. Er wird Sie sanft jenseits der Grenzen, im Namenlosen absetzen. Nichts an ihrem Platz liegengelassen? "Ein letzter Blick kann nicht schaden."
Schnee von gestern, Schnee von morgen — da ist sie wieder, die Schaukelbewegung, hin, her, hin, her. Und da ist es wieder, das Zweifältige, der Pas de Deux: Indem er von der Bildfläche verschwindet, verdoppelt sich der Erzähler; indem er "nicht mehr hier" lebt, ist er erst recht gegenwärtig. Fortan wird von ihm erzählt, und der Zauber der Erzählung macht ihn sichtbar. Aus der Tiefe des Waldes wird ihm, "dem Am-Rand-Steher", zugewinkt — und wird nicht in jenem Augenblick auch uns zugewinkt? Ist es das vielleicht, was wir Lesen nennen?
Im Augenblick der äußersten Gefahr, heißt es, zieht das ganze Leben noch einmal in kurzen Bildfolgen an uns vorüber. In "Schnee von gestern, Schnee von morgen" ziehen die "Nachbilder" eines ganzen Werkes an uns vorüber: Seht, hier ist es noch einmal, frisch erträumt, in seiner ganzen, zu seiner Essenz kondensierten Fülle, schelmisch, ernst und heiter.
Im Angesicht der Gefahr schlägt sich eine Brücke zur Kindheit: hier sind sie wieder, "des Herzens früheste Schätze", so lange unerreichbar. Und auch die Mutter erwacht aus ihrer langen "Mutternacht".
Überhaupt, die Kinder.
Gib dem Bild der nimmermüde nicht auf ein Nichts, nicht auf die Leere, aber auf nichts Benennbares zeigenden Kinder eine andere Bedeutung. Hatte es denn eine?
Anne Weber, 1964 in Offenbach geboren, lebt seit 1983 als freie Autorin und Übersetzerin in Paris. Sie hat sowohl aus dem Deutschen ins Französische übersetzt (u. a. Sibylle Lewitscharoff, Wilhelm Genazino) als auch umgekehrt (Pierre Michon, Marguerite Duras). Ihre eigenen Bücher schreibt sie sowohl in deutscher als auch in französischer Sprache. Ihre Werke wurden u. a. mit dem Heimito von Doderer-Literaturpreis, dem 3sat-Preis, dem Kranichsteiner Literaturpreis, dem Johann-Heinrich-Voß-Preis und dem Solothurner Literaturpreis 2024 ausgezeichnet. 2024 erhielt sie außerdem den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis. Für ihr Buch "Annette, ein Heldinnenepos" wurde Anne Weber mit dem Deutschen Buchpreis 2020 ausgezeichnet.