"Theater". Ein Wort, das so unfassbar oft durch die Weiten meines Kopfes schwebt, schwirrt, summt. Manchmal ist es federleicht, manchmal hämmert es von innen gegen meine Schädeldecke, als wolle es unbedingt hinaus, als wolle es gehört, gesehen, gelebt werden.
Das Berliner Ensemble hat mir vor zehn Monaten seine Pforten geöffnet und nun durfte ich eine Spielzeit lang durch seine Gänge streifen, vorausgesetzt, ich konnte sie finden, ohne mich vorher zu verlaufen.
Als ich im September des letzten Jahres hier ankam, hatte ich ein bisschen Angst davor, dass auch die Büroflure so aussehen wie alles im Großen Haus. Ich hatte Angst davor, dass alles glitzert: roter Samt, Gold, prunkvoller Schnickschnack.
Aber stattdessen habe ich glücklicherweise stinknormale Flure vorgefunden. Viele Flure. Anfangs sahen sie alle gleich aus. Es gibt Treppenhäuser, Büros, Toiletten, Küchenzeilen mit Licht aus alten Neonröhren. Ob es wirklich Neonröhren sind? So genau habe ich mir die Lampen bis heute noch nie angeschaut. Und doch trägt hier alles dazu bei, dass dieses samtige Theater mit seinem prunkvollen Schnickschnack lebt und liebt.
Hinter der glanzvollen Fassade ist dieses Haus vor allem ein Arbeitsplatz. Nach der Schule bin ich kopfüber ins Unbekannte gesprungen und hatte Angst, nicht sanft auf den Füßen zu landen, sondern mit dem Kopf voran auf dem Boden. Ich hatte Angst, nicht mithalten zu können. Bis zum letzten Sommer kannte ich schließlich nur das Schulsystem. Ich wusste zwar mehr über Theater als viele andere in meinem Alter und trotzdem kam ich mir vor, als wüsste ich viel zu wenig. Ich wusste nicht, wer oder was mich hier erwarten würde. Ich wusste nicht, wie die Kulturszene eigentlich funktioniert und wie viele unterschiedliche Menschen jeden Tag dazu beitragen, dass sie weiterlebt. Ich durfte lernen, dass Theater nicht nur das ist, was auf einer Bühne passiert. Theater beginnt irgendwo zwischen diesen Fluren. In den Büros, in den Proberäumen, unter, neben, über und schließlich auf der Bühne.
Theater ist nicht nur dieses große, ehrfürchtige Haus, das man von außen betrachtet. Theater ist nicht nur ein Konstrukt. Theater kann eigentlich alles sein. Theater geht durch so viele Köpfe, rast durch die Augen von jeder einzelnen Person hier am Haus. Theater beginnt mit einer Idee, die eine Kettenreaktion auslöst, die Idee wird geteilt, verbreitet, diskutiert, in alle Richtungen gedreht, auch kopfüber angesehen. Später zieht sie weiter durch jede Fassade dieses Hauses und haftet schließlich an den Sohlen der Menschen, die wochenlang ihre Zeit, ihre Kraft und ihre Kreativität in eine Produktion gesteckt haben. Und dann stehen ein paar von ihnen durch diese Idee auf der Bühne. Und im besten Fall hinterlässt sie dann ein Flackern in den Augen der Zuschauenden.
Ich habe mich anfangs manchmal verlaufen, mit der Zeit wurde das weniger. Aber falsche Wege zu gehen hat mir geholfen zu verstehen, dass es gar nicht darum geht, immer sofort anzukommen. Dass Theater kein Ort ist, an dem alles sofort gefunden wird, sondern einer, den man sich erschließen muss und der, zumindest manchmal, von diesen Umwegen profitiert.
Ich saß von meinen zehn Monaten ungefähr drei Monate lang auf Proben und durfte zuschauen und mitdenken, derweil neue Stücke entstanden sind. Ich konnte beobachten, wie sich Szenen verändert haben, welche Ideen verworfen wurden, welche geblieben sind und wie manchmal ein einziges Wort so lange diskutiert wurde, bis plötzlich das richtige gefunden war. Ich stand selbst zwischendurch im Traumhaus von “Das Archiv der Träume”, sei es, um eine Lichteinstellung auszuprobieren oder um auf dem Teppichboden gemeinsam eine Szene zu diskutieren.
Ich durfte erleben, wie Funken durch Proberäume gesprungen sind. Kreative Funken, die von einer Person zur nächsten übergingen. Spielerische Funken, die aus einer Improvisation entstanden und am Ende ihren Platz im Stück fanden. Aber auch wütende, erschöpfte Funken in stressigen Probenphasen, wenn kurz vor der Premiere plötzlich noch einmal alles infrage gestellt wurde. Ich habe Produktionen erlebt, die wenige Tage vor der Premiere von innen nach außen gekrempelt wurden und vielleicht gerade deshalb angefangen haben zu leuchten. Produktionen, die am Ende stehenden Applaus, trampelnde Füße und jubelnde Wertschätzung bekommen haben.
Ich durfte hier zwischen Neonlicht und Notizzetteln, zwischen Proben und Pausengesprächen unfassbar viel lernen: über mich, über kleine und große Veranstaltungsorte, über die Kulturszene, Politik, Menschen und Worte. Mit der Zeit haben sich diese Erfahrungen verbunden und ein Bild entstehen lassen, das ich vorher nicht so deutlich sehen konnte.
Als ich jünger war, erschien mir die gesamte Kulturszene wie ein unerreichbarer, mysteriöser und zugleich wie ein magischer Ort. Ich fragte mich, was wohl hinter all den Türen passiert und wer die Menschen sind, die dort arbeiten. Heute weiß ich es. Ich weiß, dass Kultur nicht nur aus Magie besteht. Sie besteht aus Arbeit, aus Menschen, aus Zeit, aus Leidenschaft und leider auch aus Unsicherheit. Ich habe erlebt, wie Geld gekürzt wird. Wie Projekte um ihre Zukunft bangen. Wie kleine Theater, Lesebühnen und freie Initiativen jeden Monat aufs Neue darum kämpfen müssen, weitermachen zu können. Ich habe Menschen kennengelernt, die Veranstaltungen organisieren, obwohl sie kaum oder gar nichts daran verdienen. Menschen, die Kultur tragen, weil sie überzeugt sind, dass sie wichtig ist. Das alles konnte ich vorher nicht so deutlich sehen.