"Meine Art Wissen darf nicht gewußt werden", lautet eine Notiz aus Peter Handkes Salzburger Journal "Am Felsfenster morgens" (1998). Sie könnte als zweites Motto über seinem neuen Theaterstück "Schnee von gestern, Schnee von morgen" stehen. Es ist Handkes 24. Bühnentext und wieder eine neue Interpretation seines nicht-brechtisch epischen Theaters, die einen Bogen um sein gesamtes Werk schlägt, bis weit zurück zu den formalistischen Stücken und Erzählungen seiner Schreibanfänge.
Alle Figuren-, Regie- oder Formhinweise zum Stück gibt der Untertitel: "Das Lautwerden eines Kreuz-und-Quer-Gehenden zeit seines jeweiligen Innehaltens". C‘est tout. Der Kreuz-und-Quer-Geher wird nicht weiter bestimmt, sondern bleibt als Figur schemenhaft offen, mehr noch als Handke-Figuren generell; seine Unbestimmtheit erinnert an die namenlosen Sprecher der frühen "Sprechstücke" oder des letzten Bühnentextes "Zwiegespräch" (2022).
Das Gehen, Innehalten und Lautwerden – ein leises inneres oder von anderen zu hörendes lautes, vielleicht sogar lautstarkes Sprechen mit sich selbst – beschreibt die Handlung des Stücks. Das Lautwerden beginnt wie aus heiterem Himmel und endet ebenso plötzlich wieder, gefolgt von einem in-sich-versunken-stillem gedanklichen oder physischen Kreuz-und-Quergehen, das wiederum durch das Innehalten gestoppt wird und so fort. Erst gegen Ende des Stücks kommt es in dieser gleichförmigen, dreischritt-rhythmisierten Struktur aus Gehen, Innehalten und Lautwerden zu einer Zäsur und geradezu "dramatischen Wendung" in eine Außenperspektive: Plötzlich berichtet ein Ich als Erzähler und als Chronist über den Geher; auch die Zeit wechselt von der Gegenwart des Sprechers in die Mitvergangenheit.
Wo diese Figur geht, lässt Handke ebenfalls offen: Vielleicht ist es eine Steppe (das Motto zum Stück stammt aus Tschechows Erzählung "Die Steppe") oder eine Küche, von der es gleich zu Beginn heißt, man solle dort seine Geschichte erzählen; vielleicht ist es auch ein Waldrand "vor der Baumschattenwand", wo der Erzähler den Geher am Ende gesehen hat. Auf jeden Fall aber ist das "Spielfeld" die Kunst selbst, die nach außen gekehrte, sozusagen lautgewordene, innere Bühne, ein Ort der Spiegelungen und Echos, ein Grenzbereich zwischen Wirklichkeit und Phantasie, Tradition und Neuschöpfung, Vergangenheit und Zukunft oder Drama und Epos, in dem sich die Figur ganz "gemeinnützig" als "Grenzlandbegeher" bewegt.
Zwischen Gehen und Lautwerden markiert das jeweilige Innehalten weitere Kipppunkte. Die Aufmerksamkeit ist Voraussetzung für die Vergegenwärtigung der Außenwelt und der Innenwelt – des die meiste Zeit nur halbbewussten Gedankenstroms, der in diesem Moment wahrgenommen werden kann. "Einen Zeitsprung lang wurde der Wortschatz, der mich Tag und Nacht durchquerte, gegenständlich. Was auch immer ich erlebte, erschien in diesem 'Augenblick der Sprache' von jeder Privatheit befreit und allgemein", erklärt Handke im Vorwort seines ersten Journals "Das Gewicht der Welt" (1977) die simultane Mitschrift des Bewusstseins im konsequenten Notieren; es umfasst heute über 30.000 engbeschriebene Notizbuchseiten. Das Lautwerden im Stück spiegelt diesen Wahrnehmungsvorgang. Die Themen wechseln dabei rasch, scheinbar assoziativ und ohne erkennbaren Zusammenhang, werden zu kleinen "unwillkürlichen Selbstgesprächen" (und wer kennt diese Art Gedankenflucht nicht aus eigener Erfahrung).
Wie der Titel des Stücks verrät, handelt es sich um "Schnee von gestern, Schnee von morgen". Der ins Bewusstsein gerückte, vielleicht im Zuge des Sprechens zusätzlich aufgewirbelte "alte" Schnee setzt sich aus Zitaten, Sprichwörtern und Redewendungen zusammen – durch Sprache geformte Erfahrungen aus eigenen und fremden Werken der Literatur, Philosophie, Religion oder Musik; high and low wild durcheinander. Manches ist gekennzeichnet durch Anführungszeichen, anderes nicht; ein System lässt sich nicht erkennen. Das meiste, nicht alles, ist spielerisch, humorvoll-schurkisch abgewandelt, umgeformt ins Gegenteil, verschnitten mit Anderem, in neue Kontexte gestellt oder ergänzt wie der Stücktitel selbst, der eine Redewendung ironisch weiterführt: Das Innehalten fördert einen langen buntgemusterten Zitatteppich zutage, "alle Weisen von Muster in einem".
Manches davon lässt sich durch Lektüre- und Musikkenntnisse oder mit Google identifizieren, aufgrund der Metamorphosen aber bei weitem nicht alles. Die ohne inhaltlichen Zusammenhang rasch aufeinanderfolgenden Zitat- und Selbstgesprächsflocken lassen sich, als würde man in ein Schneetreiben schauen, nicht fassen. Alles ist in Bewegung, im Wandel, Verschwinden – schon ist der nächste und nächste Eindruck da: Ein episches Gefühl von Jetzt und Zeitlosigkeit entsteht.
Als sei Handkes Kosmos zuerst implodiert und danach explodiert, sodass nun alles zerflockt im leeren Raum schwebt und sich darin erst langsam wieder formiert. In ihrer neuen Aneinanderreihung wirken die Textflocken absurd, surreal und rätselhaft wie fernöstliche Koans oder dodonische Orakelsprüche, die sich der unmittelbaren Deutung versperren. Bedeutungslinien sind in diesen Schneewirbeln auf den ersten Blick keine zu entdecken, sie lassen aber durch wiederholt aufblitzende Wörter aus Handkes Poetik ein paar Schwerpunkte, besser: Leichtpunkte, erahnen – wie etwa: Amok, Drama, Erzählen, Folge, Friede, Gehen, Kind, Lärm, Liebe, Nachbild, Natur, Rabe, Rhythmus, Spiel, Stille, Tanz, Wahrspiel, Wissen oder Zufall.
Was soll aber dieser alte Schnee, den Handkes Geher hier anhäuft? "Das Spontane des Menschen ist seine Kultur", schreibt Roland Barthes in seinem Text über den Maler Cy Twombly. Kultur sind die von Kindheit an unbewusst aufgenommenen oder bewusst erlernten Formen von Erfahrung, die Bewusstsein und Wahrnehmung jedes Menschen ausmachen. Wie der Kreuz-und-Quergeher sagt: "Wie irre ich doch […] durch das Weltgeschehen, und wie irrt ihrerseits die Weltgeschichte, und nicht bloß die sogenannte aktuelle, durch mich, und was ist zuerst?" Im Prozess der Kunst, ihrer Weltaneignung, des Wahrnehmens und Denkens oder Nachbildens werden sprachliche oder sinnliche Erfahrungen mit den eigenen Formen- und Wissensrepertoires analytisch zerlegt und wieder zusammengesetzt, wobei etwas Neues entsteht, erklärt Barthes in Die strukturalistische Tätigkeit. Rezeption ist immer schöpferische Tätigkeit. Man nimmt neue Formen auf und schreibt sich selbst in Formen anderer hinein. Handkes Notizbücher, die zahlreiche Lektürezitate, Form- und Werkreflexionen enthalten, machen diesen Vorgang anschaulich. Die Schnee-Zitate sind das Echo eines Lesers und seiner Weltaneignung. Der Flockentanz ergibt, wenn man so will, eine Lebens- und Bildungsgeschichte.
"Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache", zitiert nun Peter Sloterdijk Heidegger, und meint weiter: "Sprache, die vom Sein verlassen ist, gerät zum Geschwätz". Handke nennt diese automatisiert verwendeten, das Bewusstsein wie Ohrwürmer durchkreuzenden Formeln, Metaphern oder Redewendungen "Gerede". Sein Parzival im Stück "Das Spiel vom Fragen" (1989) wird davon gequält, wie davor schon Kaspar im gleichnamigen Theaterstück von 1968. Dieses "Gerede" ist wie "Lärm", der die Selbst- und Weltbetrachtung verhindert, eine Gewalt, die nur durch Widerstand, "Amok", beendet werden kann – der "Amokläufer als Erwecker der Menschheit", wie es im Schnee von gestern heißt. So ein Amokläufer wehrt sich gegen sprachlich zementierte, nicht mehr an Erfahrung gekoppelte Weltbilder, nicht etwa durch Mord, sondern durch Widerspruch, durch Kritik, die sich schon in einer Frage, einem Gegenbild, einer kleinen Verfremdung äußern kann. Amok bedeutet, dem passiven Wiederholungzwang durch aktive Beobachtung der eigenen "Reflexe und Reflexionen" entgegenzutreten, um, wie Handke im Felsfenster notierte, "aus den Formeln zu den Formen" zu gelangen.
Auch das Innehalten ist schon eine "Art erlösendes Widersprechen; Widersprechen dem ewigen Gerede, auch dem eigenen, inneren", lautet dort eine weitere Notiz. Im Schnee von gestern folgt auf das Innehalten das Lautwerden des Kreuz-und-Quergehers, nicht als Monolog, sondern in Form kleiner Dialoge mit und vor allem gegen sich. So eine "zweiseelige" Figur kennt man aus Handkes "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" (2015), wo das Ich als episches und dramatisches spricht. Im Spiel vom Fragen sind es Mauerschauer (alias Raimund) und Spielverderber (alias Tschechow), welche die konstruktivistisch-poetische und realistisch-kritische Weltsicht verkörpern; sie sind in ihrer Widersprüchlichkeit aneinandergebunden, jeder hat etwas vom anderen. Oder der Mann und die Frau in "Die schönen Tage von Aranjuez" (2012). Die Struktur der Selbstdialogflocken folgt einem dialektischen Schema von These, Antithese, Synthese, wobei die Synthese kein neues Drittes ist, das die Vorgängerbehauptungen in sich auflöst, sondern der Gegensatz bleibt, ganz im Sinne der Moderne, im Dritten bestehen: alles bleibt offen.
Der Lärm-Amok macht sich im Stück nicht nur im Selbstwiderspruch bemerkbar, sondern in jedem kurios abgewandelten Zitat oder den ironisch-paradoxen Selbstprophezeiungen, -verortungen und -appellen wie den "Horoskopen" und ähnlichen Formeln. Diese Sprach- und Formenkritik bestimmt nicht nur Handkes frühe Werke, wo sie augenfällig ist, sondern sein gesamtes Schreiben. Nicht die Welt bringt die Sprache hervor, sondern die Sprache die Welt. Ist das so, kann Sprache die Welt auch verändern. Es geht darum, die kollektive, unbewusste Verwendung und Rezeption von Formen zu unterbrechen und neue Blickweisen zu öffnen.
Der Kreuz-und-Quergeher ist ein Nachfahr von Kaspar und Parzival, die vom Gerede gequält werden; im Unterschied zu ihnen hat er aber einen Weg gefunden, damit umzugehen: "Der Lärm, der Krach, das Krach-und-Lärm-Chaos, welches mich in der vorigen Epoche als das bestialischste anfiel, ist inzwischen, so sag ich's jedenfalls jetzt, dabei, sich mir in ein Erlebnis umzuwandeln, einem Klangerlebnis sondergleichen, einem nicht allein für mich möglicherweise wieder zukunftsweisenden." Möglich macht das die Kunst: Gegen das "geredeüberwucherte Gehirn" helfe nur das "Bilderdenken", lautet ein Eintrag im Journal "Gestern unterwegs" (2005). Bilder sind Erfahrungen, die sich zu etwas Neuem öffnen. "Geh rückwärts, und wandle!", wie der Geher an sich appelliert, heißt nicht: zurückgehen zum Erlebnis oder zur Tradition, aus der die Zitate stammen, sondern beides im Blick habend vorwärts zu gehen, sodass die Erfahrung in der Wiederholung bewahrt und zugleich erneuert wird. Den Weg nach vorne gilt es allerdings erst zu entdecken, die dafür nötigen "Spielregeln" erst zu finden. Das unterscheidet die Kunst übrigens von der Religion, die zur Bewahrung identische Wiederholung sucht. Indem der früher Lärmgequälte aktiv wird und selber Lärmer, verwandelt er den Lärm in "Steppenmusik", "so rhythmisch wie melodisch einzig" – eine Musik, die den "Schnee von gestern" durch kunstvolle Variation zu "Schnee von morgen" verwandelt; er verschwindet und ist doch noch da. Jede Schneeflocke ist ein Bild, das sich mit Bedeutungen anreichern kann. Unter der Lupe betrachtet zeigen sich ihre dichten und kunstvollen Kristallstrukturen – jede Flocke ist eine Welt, entfaltet Handkes Poetik, enthält sein Geheimnis. Man wird sie noch lange befragen und immer neue Erkenntnisse aus ihnen lesen können, ohne das Rätsel ihrer Entstehung ganz zu lösen.
Erst die dramatische Wendung zum Epischen rettet. Jetzt findet der Verstand nach dem Flockentreiben Halt. Die Zitatcollage der Erzählung hat Handlung, ein Telos. Literatur basiert auf bestehenden Formen. Sind diese aber rückwärts nach vorne erschrieben, sind sie zugleich unweigerlich neu und folgen neuen Gesetzen. Erst diese dramatische Zäsur ermöglicht ein Beenden des Schneefalls und das schön-traurige Verschwinden des namenslosen Gehers. Auch das ist aber wieder Zitat, Handke hat so ein Verschwinden schon einmal in seinem Steppenmärchen "Die Abwesenheit" (1987) dargestellt.
Katharina Pektor, 1973 in Wien geboren, studierte Literaturwissenschaft und Geschichte in Wien und Salzburg. Sie ist Kuratorin mehrerer Ausstellungen zu Peter Handke, Herausgeberin von Katalogen, Aufsatzbänden und der Briefwechsel von Peter Handke mit Siegfried Unseld, René Char und Manfred Osten. Sie konzipierte und realisierte mehrjährige Forschungsprojekte wie das virtuelle Archiv "Handkeonline" (www.handkeonline.onb.ac.at). Derzeit leitet sie die digitale Edition "Peter Handke: Notizbücher", die am Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek und am Deutschen Literaturarchiv Marbach erarbeitet wird (www.edition.onb.ac.at/handke-notizbuecher).
Barthes, Roland: Die strukturalistische Tätigkeit. Aus dem Französischen von Eva Modenhauer. In: Kursbuch 5 (1966), S. 190–196, S. 193; Cy Twombly. Berlin: Merve 1983, S. 8. Handke, Peter: Kaspar. Frankfurt: Suhrkamp 1968; Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms. Frankfurt: Suhrkamp 1972, S. 24; Das Gewicht der Welt. Salzburg/Wien: Residenz 1977, S. 6; Das Ende des Flanierens. Frankfurt: Suhrkamp 1980; Die Abwesenheit. Ein Märchen. Frankfurt: Suhrkamp 1987, S. 184ff., 206ff.; Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land. Frankfurt: Suhrkamp 1989, S. 52 u. 89; Am Felsfenster morgens (und andere Ortszeiten 1982–1987). Salzburg/Wien: Residenz 1998, S. 306, 25 u. 131; Gestern unterwegs. Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990. Salzburg/Wien: Jung und Jung 2005, S. 433; Die schönen Tage von Aranjuez. Ein Sommerdialog. Berlin: Suhrkamp 2012; Die Unschuldigen, ich oder die Unbekannte am Rand der Landstraße. Ein Schauspiel in vier Jahreszeiten. Berlin: Suhrkamp 2015; Vor der Baumschattenwand nachts (Zeichen und Anflüge von der Peripherie 2007–2015). Salzburg/Wien: Jung und Jung 2016; Zwiegespräch. Berlin: Suhrkamp 2022; Schnee von gestern, Schnee von morgen. Berlin: Suhrkamp 2025, S. 11, 13, 14, 66, 17, 38, 45, 25, 61, 66, 33, 45 u. 63. Sloterdijk, Peter: Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik. Frankfurt: Suhrkamp 2009, S. 38.