In "Marzahn Mon Amour" erzählen Sie von Menschen, die in unserer Gesellschaft oft übersehen werden. Was war für Sie der Anstoß, diese Geschichten aufzuschreiben?
Meine Kunden selbst waren der Anstoß. Ich habe ihre Füße gepflegt und war beeindruckt von den Lebensgeschichten, die ich zu hören bekam, Geschichten voller Wut, Witz und Weisheit. Ich habe gemerkt: hier kann ich was lernen. Nach drei Jahren im Job habe ich angefangen, das aufzuschreiben.
Marzahn war zu DDR-Zeiten das Prestigeprojekt für moderne Stadtentwicklung. Heute hat der Stadtteil einen medial eher negativen Ruf. Wie hat sich durch Ihre Arbeit in Marzahn Ihr eigenes Bild des Stadtteils verändert?
Nähert man sich einem Ort behutsam und nimmt sich Zeit, ihn zu betrachten, wird das Bild vielgestaltig. Es fächert auf. So ist es mir mit Marzahn ergangen. Der miese Ruf hält sich allerdings hartnäckig. Vermutlich zeigen sich in dieser Abwehr die eigenen Abstiegsängste. Mit gutem Grund, denn das, wofür Marzahn nach wie vor verachtet wird, ist längst in der Mitte angekommen. Jedes Mal, wenn ich am Hauptbahnhof bin, denke ich, dagegen ist Marzahn die reinste Idylle.
Nun wird "Marzahn Mon Amour" mit Christiane Paul als Lesung seinen Weg auf eine Theaterbühne finden, nachdem es schon als ARD-Serie ein Erfolg war. Warum ist das Theater der richtige Ort für Ihre Geschichten?
Ich freue mich sehr darüber, dass Christiane Paul aus meinem Buch lesen wird. Sie ist eine tolle Schauspielerin und ich bin ziemlich sicher, dass sie ganz hervorragend berlinern kann. Wo, wenn nicht am Berliner Ensemble?
Wie ist Ihr Eindruck: Hat sich seit 2015 viel verändert? Würden Sie heute andere Geschichten aufschreiben wollen?
Ich glaube, ich schreibe im Kern immer wieder ähnliche Geschichten. Es geht darum, trotz widriger Umstände durchzukommen. Die Frage nach den Überlebenstechniken altert nicht.