Backstage

Herzlichen Glückwunsch, Michel Friedman!

Michel Friedmans 70. Geburtstag wurde rauschend mit einer Riege an Überraschungsgäst:innen, Reden von Wegbegleiter:innen und Künstler:innen gefeiert. Entstanden ist ein vielfältiger Abend, deren Atmosphäre Sie hier nachspüren können. Lesen Sie zudem die Rede von Mely Kiyak. 

Mely Kiyak (Text), Markus C. Hurek (Fotos) | 26.02.26
Bertolt-Brecht-Platz 1
10117 Berlin
Kontakt & Anfahrt

Theaterkasse

+49 30 284 08 155
theaterkasse@berliner-ensemble.de

Der reguläre Vorverkauf für Vorstellungen vom 8. April bis 3. Mai startet am 3. März! Unsere Theaterkasse hat montags bis samstags von 10.00 Uhr bis 18.30 Uhr für Sie geöffnet.

Mit einem außergewöhnlichen Programm wurde Michel Friedmans 70. Geburtstag gefeiert. Zahlreiche Künstler:innen steuerten Beiträge in Musik, Wort und Spiel bei, Laudatien langjähriger Begleiter:innen berührten das Publikum und die eine oder andere Überraschung rührten den Jubilar. 

 

Mit musikalischen Beiträgen von:
Sebastian Krumbiegel,  Anna Prohaska + Sarah Tysman, Katharine Mehrling, Jo Gehlmann (Gitarre), Jarkko Riihimäki (Klavier), BE-Tanzorchester mit Bettina Hoppe und Tilo Nest, Isidoro Abramowicz und Kinderchor, Valery Tscheplanowa, Franziska Junge 


Mit Lesungen und Texten von:
Katharina Thalbach, Lars Eidinger, Christiane Paul, Katharina Bach, Mely Kiyak


Die Laudatien und Grußworte wurden von Oliver Reese, Mely Kiyak, Paul Ziemiak, Joschka Fischer und Luc Jochimsen gehalten. 

 

Zudem erreichten Michel Friedman Videogrüße von Sibylle Berg, Igor Levit, Iris Berben, Carolin Emcke und Charlotte Knobloch

Lieber Michel,

vor einigen Jahren fuhren Du und ich gemeinsam im Zug nach Berlin, wo mein Vater am Gleis auf uns wartete. Als wir ausstiegen, hast du meinen Vater – den du vorher nicht persönlich kanntest - ganz fest in deine Arme geschlossen und umarmt. Und als wir beide uns voneinander verabschiedet haben, hast du auch mich umarmt. 
Wenn wir uns treffen, dann umarmst du mich zur Begrüßung. Und wenn du mir eine SMS sendest, dann schreibst du, "Sei umarmt liebe Freundin".

Wenn ich an dich denke, Michel, dann denke ich als Allererstes an deine liebenswürdigen Gesten. An deine Wärme. Ich denke an deine Zuneigung für diese Welt.

Ich möchte heute also über deine Liebe reden, die ich nicht als Schwäche oder Makel betrachte, wie uns in diesen Zeiten immer versucht wird weiszumachen, dass nämlich die Liebe füreinander etwas für naive Idioten und Trottel sei.

Ich vermute, du respektierst, dass das Leben gut und die Menschen sehr schön sein können, weil Dunkelheit und politische Katastrophen keine Naturereignisse sind, sondern Entscheidungen, die jemand getroffen hat. Dem Leben gewogen bleiben, ist vielleicht eine der anspruchsvollsten Aufgaben an den menschlichen Geist; du bist Philosoph, du weißt das selber. Ich glaube nicht, dass du zufällig liebst. Kalokagathia, nennen die Griechen das und trennen nicht zwischen dem Guten und Schönen, nur wer liebt, bleibt gut, und wer das Gute will, liebt.

Wenn du sprichst, dann zeugt alles von einer tiefen Auseinandersetzung damit, wer du bist. Du lässt dich nicht erschüttern davon, was Andere denken, wer du seist und wo dein Platz ist. War das immer leicht? Wahrscheinlich nicht. War es beschämend? Vielleicht nicht für dich. Aber weißt du was, für mich war es das. Denn auch das hast du mich, oder vielmehr viele von uns gelehrt. Wenn man versucht mich zu beschädigen, geht es dich etwas an. Wenn man versucht dich zu beschädigen, geht es mich an.

Du wirst dich vielleicht nicht mehr daran erinnern, aber ich tue es. Als unser Kollege Deniz Yücel in der Türkei inhaftiert wurde und wir, eine Handvoll Autoren, zügig einen Solidaritätsabend für ihn organisierten und ich dich anrief, sagtest du nicht nur sofort, "Ich komme!", sondern auch, "wohin kann ich euch Geld senden?, Ihr werdet Geld brauchen". Und ein anderes Mal, als wir mit der Bühnenshow "Hate Poetry" in deiner Stadt Frankfurt gastierten (damals lasen wir Hassbriefe vor, die wir von Lesern bekamen), da bist du zu uns in die Garderobe gekommen, hast uns – na klar! umarmt - und gesagt, ich erwarte euch gleich im Restaurant und fuhrst vor. Wir hatten dich schon während der Show in der ersten Reihe sitzen gesehen und in der Pause, waren wir völlig aufgelöst, "War das der Friedman?", "Das war doch der Friedman". Als wir im Restaurant ankamen, hattest du eine lange Tafel decken lassen, der Tisch bog sich vor Speisen und du plaudertest mit uns, als kannten wir uns schon seit Jahren. Taten wir auch, aber wir dich aus dem Fernsehen und du uns aber erst seit eben. Ich könnte viele solcher Anekdoten aneinanderreihen, aber ich nehme an, der ganze Saal ist voll von Menschen, die diese Erfahrung mit dir machten.

Weißt du was ich so ungewöhnlich finde? Ich finde bemerkenswert, dass du dir diese Weltenliebe bewahren konntest, trotz einem Leben in den Medien, in der Politik und zeitweise ausgestattet mit viel Macht. Die meisten Leute kommen aus so etwas beschädigt, zermürbt, besserwisserisch oder schlicht stinkstiefelig heraus. Du nicht. Ich weiß warum.

Es gibt zwei Gruppen in der Öffentlichkeit: Diejenigen, die aus einem Mangel antreten, die das Amt und die Gesellschaft dringender benötigen als umgekehrt. Die deshalb auf die Bildfläche treten, um zu gelten, um Defizite auszugleichen, und die immer eine Portion Verachtung für irgendeine gesellschaftliche Gruppe im Gepäck empfinden. Die keine Idee von einem guten Zusammenleben haben, ja vielleicht nicht einmal die Sehnsucht danach, sondern nur die Hoffnung, dass das Leben ihnen etwas gibt.

Und es gibt die Anderen, solche wie dich. Jemand, der trotz seiner biographischen Verluste, trotz dem Leid und trotz der entsetzlichen Lücken, mit gefüllten Taschen antritt. Das ist für mich eine wichtige Unterscheidung. Ganz egal, ob jemand einen Vorsitz in einem Verein, Direktor einer Institution, oder Schriftsteller ist. Hat dieser Mensch etwas zu geben? Kann er etwas erzählen? Kann er aus sich heraus eine Ethik formulieren, ohne seine Herkunft zu verleugnen, ohne andere zu denunzieren. Kann er in einen Streit der Argumente gehen, innerhalb seiner eigenen Partei, seines Landes, seines Zentralrates, seiner Klasse? Nicht des Widerspruches und der Spaltung, sondern um der Verbindung wegen.

Ich habe aus deinem Mund noch niemals eine einzige Beleidigung irgendwem gegenüber vernommen. Du hast so eine Würde und einen Stolz, und ich liebe es einfach, mich an deinen Scharfsinn zu erinnern, wie du – da war ich noch ganz jung, hatte noch nicht einmal Abitur – mir und meiner ganzen Generation beibrachtest, wie man politische Interviews führt. So etwas kannte man in Deutschland gar nicht, dass jemand mit der Kraft seines Verstandes, seiner Geistesgegenwärtigkeit und seiner Belesenheit, formvollendet höflich bis zum Schluss, sein Talkshow- Gegenüber regelrecht filetiert hat, indem er einfach Widersprüche ertrüffelte und sich anständig vorbereitet hatte. Und weißt du, was mich sehr störte? Dass es immer hieß, der Friedman rückt seinen Gästen auf die Pelle, der fasst die an! Das Draußen-Deutschland, das ich kannte, war ein Deutschland, wo die Väter meiner Schulkameraden ihren Söhnen mit Handschlag zum Geburtstag gratulierten. In meinem Drinnen-Deutschland gibt man sich die Hand, wenn man Geschäfte abschließt, aber doch nie und nimmer seinem Kind. Wir sprachen zu Hause oft darüber. Du hast die Politiker in deinen Talkformaten nicht als Zeichen des Disrespektes angefasst, nicht als Angriff, sondern als Geste, die sagen wollte: Wir sprechen nur, entspann dich.

Ich wurde vom Berliner Ensemble flehentlich darum gebeten, nicht über die Vergangenheit zu sprechen, sondern über Gegenwart und Zukunft. Aber irgendwie kann ich das nicht. Und ich will das auch nicht. Ich kann hier nämlich nicht stehen und nicht über den 2. November 1992 sprechen.

Es war ein kaltes und fieses Wetter in Rostock-Lichtenhagen. Ich sah es im Fernsehen. Einige Wochen zuvor, im August, haben "Randalierer" wie es damals so schön niedlich hieß, ein Wohnhaus mit ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeitern in Brand gesteckt. Angesichts von 3000 applaudierenden Bürgern, die sich auf der Wiese vor dem Wohnhaus trafen, und einer Polizei, die sich zurückzog, fällt es schwer, die Menge nach Rechtsextremen, Rechtsradikalen und besorgten Bürgern auseinander zu sortieren, es war Volksfeststimmung, eine Bratwurstbude namens "Happi Happi bei Api" wurde aufgestellt und drei volle Tage bei nahezu ununterbrochener Liveberichterstattung zugeschaut, wie Menschen gefangen in den Flammen und in Angst ausharrten, und Tausende von Deutschen sich ihrer öffentlichen Begeisterung nicht schämten. Niemand aus der Politik fühlte sich nach diesem Anschlag verantwortlich, niemand trat zurück, niemand musste sich rechtfertigen. Stattdessen bist du, zusammen mit Ignatz Bubis, am 2. November 1992 eine Lichtung hinauf gegangen, begleitet von Kamerateams, die euch lächerliche Fragen stellten. Warum seid ihr hier, was geht es euch an, was fühlt ihr? Ignatz Bubis konnte fast nicht sprechen und weinte. Du liefst neben ihm. Ich weiß, dass du es warst, der damals zu ihm gesagt hast, wir müssen da hin. Wir müssen die Opfer besuchen. Weil ihr dahin gegangen seid, fiel auf, wer alles nicht dahin ging. Ihr habt damals nicht viel gesprochen, aber dieser Gang auf der Lichtung, das ist ein ikonisches Bild, es sprach Bände, Epen, es erzählte einfach alles. Wir sehen euren Kummer, lag in deinem Schweigen und in Ignatz‘ Tränen, wir sehen euren Kummer, denn wir kennen ihn nur allzu gut. Ja, es waren zwei Juden, die kamen, um zu kondolieren. Darauf wurde damals immer herumgeritten: Zwei Juden. Aber weißt du was, es missfällt mir außerordentlich, das so auszudrücken. Denn ihr wart nicht als Juden dort, ihr wart dort als Trauernde, als zwei traurige Männer - ihr kamt als Menschen. Ich und Millionen Andere in diesem Land werden dir diese Schritte auf der Lichtung niemals vergessen, weißt du, wir hatten damals so eine Angst, aber ihr wart da und habt getröstet - danke für deinen Beistand.

Lieber Michel, ich will hier nicht als dein lebender Wikipedia Eintrag sprechen, und ich kann mir denken, dass es nicht leicht ist, da unten zu sitzen und sich anzuhören, wer man angeblich sei, was man denkt und fühlt. Ich meine, wir sind hier in einem Theater. Ich spiele, dass ich dich in- und auswendig kenne, was ja gar nicht stimmt, und du spielst freundlicherweise mit, zumindest bist du noch nicht hochgekommen, um mich zu verscheuchen, aber ich habe Augen und einen Verstand, die Sache ist ganz einfach: Ich verehre dich aus tiefstem Herzen, ich lese deine Interviews, die nie langweilig sind, ich höre deine Reden, sie sind hinreißend, ich stehe gerne in deiner Nähe, du riechst immer so gut, (nenn uns später bitte dein Parfüm!), seit einigen Jahren schreibst du erfolgreiche Bücher, es macht mich wirklich fast verrückt. Eine einzige Auflage eines deiner Bücher ist höher als die Gesamtauflage aller meiner Bücher in allen Jahrzehnten, ich meine, lass uns doch wenigstens einen Zipfel übrig, in dem du nicht glänzt, damit wir Viertelbegabten auch existieren können.

Du lehrst, du lernst, du liest, du ringst, du sprichst, vor allem aber, du gibst uns nicht auf. Es ist einfach nur schön, dass es dich gibt - Herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag! 
 

 

Mely Kiyak

Mely Kiyak ist Autorin und vielfach ausgezeichnet. Unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preis, dem Kurt-Tucholsky-Preis und zuletzt mit dem Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste. Zuletzt erschienen im Carl Hanser Verlag "Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an" (2024); "Werden sie uns mit FlixBus deportieren?" (2022); "Frausein" (2020) und "Thomas Mann. Deutsche Hörer!" (2025) im S. Fischer Verlag. "Dieser Garten" (2024) und "Gute Momente" (2025) erschienen im mikrotext Verlag.