Backstage

Was wir sehen wollen

Ein Gespräch mit den drei Schwestern und ihrer Regisseurin

Mateja Koležnik inszeniert Anton Tschechows "Drei Schwestern" Irina, Mascha und Olga inmitten einer militarisierten Wirklichkeit. Während die Erde bebt, werden Einzelschicksale verhandelt, das Militär ist stets präsent. Im Gespräch zwischen den Spielerinnen und der Regisseurin geht es um Inszenierungsansätze und die Positionen der Schwestern. Lesen Sie hier das Gespräch. 

Constanze Becker, Amely Joana Haag, Bettina Hoppe, Lili Epply und Mateja Koležnik | 24.04.26
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Die drei Schwestern träumen am liebsten von ihrer Kindheit, als ihr Vater, der General, noch lebte und Europa noch in Ordnung zu sein schien. Nun hoffen sie, dass ihr Bruder Andrej die väterliche Rolle ersetzt, dieser jedoch verspielt ihr ganzes Hab und Gut. Zwischen Realitätsferne, Sehnsucht nach einer verklärten Vergangenheit und illusionären Zukunftsfantasien verrinnt die Gegenwart. Olga, die Älteste, ist zutiefst erschöpft von ihrem Beruf als Lehrerin, Mascha, die mit ihrem ehemaligen Lehrer verheiratet ist, sehnt sich nach leidenschaftlicher Liebe und stürzt sich in eine Affäre mit einem Oberstleutnant, und Irina, die Jüngste, glaubt, dass nur Arbeit der Schlüssel zu einem besseren Leben ist, schläft aber lieber in den Tag hinein. Doch der ermüdende Lebensüberdruss des Mittelstands kann schnell von der gesellschaftlichen Wirklichkeit eingeholt werden: Die renommierte slowenische Regisseurin Mateja Koležnik versetzt Tschechows vorrevolutionäres Szenario mitten in die Militärkaserne, welche im Stück selbst bloß im Hintergrund eine Rolle spielt. Die drei Töchter des toten Generals leben in diesem Militärkomplex; um sie herum werden längst Kriegsstrategien erörtert, eine Privatsphäre haben sie kaum noch und Birkenwälder existieren nur noch auf Fotografien. Als sich ihre Parallelwelt trotz allen Verdrängungswillens nicht mehr aufrechterhalten lässt, wird Moskau zum Ziel der notwendigen Flucht, ein Sehnsuchtsort ist es nicht mehr.

 

Mateja Koležnik: Der Hauptgrund dafür, dass ich die Kaserne, die bei Tschechow hintergründig eine Rolle spielt, in den Vordergrund geholt habe, ist, dass die Kriegsvorbereitungen gegenwärtig direkt vor unserer Nase stattfinden und wir das nicht sehen wollen. Es geht mir also nicht spezifisch um Russland, sondern es geht mir um Europa, auch Moskau ist ja Teil davon. Ich glaube, dass die Menschen versuchen, normal zu leben, auch wenn sie fühlen, dass etwas Schlimmes passieren wird. Es war so in Russland, es war so in Israel, es war in dem Land so, in dem ich geboren bin, im ehemaligen Jugoslawien. Wir halten so lange wie möglich an unserem Alltag fest, nur um diesen Abgrund nicht zu sehen, der sich direkt vor unseren Augen auftut. Warum also tun die drei Schwestern nichts, warum reißen sie ihrem Bruder Andrej, der ihr ganzes Hab und Gut verschleudert, nicht "ordentlich den Arsch auf"? Sie sehen quasi zu, wie sie ihre Existenz verlieren. Ich glaube, dass sie einfach um keinen Preis wahrhaben wollen, dass sie fliehen müssten.

Bettina Hoppe: Ich denke, dass sie sich auch nicht gegen Andrej auflehnen, da Konventionen für sie konstituierend sind, zumindest für Olga gilt das. Das heißt, wenn sie sich an die Konvention nicht hält, wie zum Beispiel, ich schreie niemanden an, ich bin höflich, ich bin rücksichtsvoll, dann geht ihr der Boden unter den Füßen verloren. Und weil wir auch mal darüber sprachen, ob Olga eine empathische Person sei: Ich glaube, davon ist ganz viel Erziehung, was man gelernt hat von den Eltern, wie man sich verhält. Und insofern geht es in unserer Inszenierung nicht nur um ein Vorkriegsszenario, sondern es geht auch um das Thema Prägung – wie wir aufgewachsen sind. Wir brauchen in der Kindheit irgendwas, was konstituierend ist. Wo wir wissen, darauf kann ich immer zugreifen. Und ich glaube, das sind die Konventionen. Eine Konvention heißt in dieser Familie zum Beispiel, dass ich einen alten Menschen, der 30 Jahre bei mir arbeitet, nicht vor die Tür setze. Die Frage, ob Olga wahrhaftig Mitleid mit Anfissa hat, ist obsolet, denn Tatsache ist einfach: Das macht man nicht.

Constanze Becker: Sie sind halt auch mit Privilegien aufgewachsen, die Ihnen, glaube ich, den Blick auf die Realität manchmal verstellen, weil Sie davon ausgehen, dass diese Privilegien unantastbar sind. Also die scheinen unerschütterlich, gerade in einem militärisch strukturierten Umfeld – ihr Vater war General. Ich glaube, dass die Schwestern diese Hierarchien als gegeben ansehen. Die kommen nicht auf die Idee, dass sich da auch für sie an diesem Privileg irgendwas ändern könnte. Und deswegen denken sie darüber gar nicht nach.

Bettina Hoppe: Ja, sie wachsen in einer Familie auf, wo immer Geld da ist und dann redet man nicht über Geld. Das ist einfach da. Wenn du dir das aber selber erarbeitet hast, dann kannst du darüber reden, du kannst darum kämpfen, du hast einen direkten Bezug. Und so hat, glaube ich, diese Ohnmacht, dass das Geld durch Andrej flöten geht, auch damit zu tun, dass Geld für die Schwestern irgendwie immer da war ...

Constanze Becker: Ja, sie wissen nicht, was es bedeutet, es nicht mehr zu haben.

Lili Epply: Ich glaube, dass es gerade in Krisen-Zeiten, die jeder wahrscheinlich unterschiedlich spürt und zulassen kann, sehr menschlich ist, eher klein zu denken, also nicht revolutionär. Man zieht sich umso mehr ins Private zurück und beruft sich auf Gewohnheiten, die man kennt. Man sucht die Sicherheit im Detail.

Mateja Koležnik: Und ich glaube, dieses Problem hat jede zivilisierte Gesellschaft. Wenn wir diesen anfänglichen Schneeball, von dem wir symbolisch sprechen, eigentlich stoppen und aufhalten sollten, bevor er zur Lawine wird, ignorieren wir ihn lieber so lange es geht. Wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht.
LE Ja, dazu kommt, dass die drei Schwestern nie im Jetzt sind. Sie sind entweder mit der Vergangenheit oder mit einer imaginären Zukunft beschäftigt. Es ist irgendwie eine verschobene Zeitebene mit der vergeblichen Frage: "Was wäre gewesen, wenn …?"

Constanze Becker: Es ist doch unheimlich, wie verschiedene Realitäten direkt nebeneinander existieren können. Meine Familie hat ein kleines Grundstück in Oranienburg in der Nähe des ehemaligen Konzetrationslagers. Und ich finde jedes Mal, das Erschreckendste daran ist, wie nah die Wohnhäuser an diesem Komplex dran waren. Da haben Menschen gelebt, die haben sich bestimmt nicht im Alltag mit dem KZ beschäftigt, sondern mit ihren privaten Problemen und sind jeden Tag daran vorbeigegangen. Man arrangiert sich sehr schnell mit seiner Realität und findet darin seinen Platz …

Mateja Koležnik: Zudem wollen wir uns nicht mit Dingen auseinandersetzen, bei denen wir uns machtlos fühlen … darüber will man gar nicht nachdenken, denn was kann man schon tun? Man könnte sich umbringen. Also zieht man sich in die Gefühle zurück, beschäftigt sich mit seinem Körper. Deshalb sind die drei Schwestern so sehr auf das Thema der Liebe fixiert, auf ihre Sehnsucht nach der Liebe und den Tag, wo sie die Liebe verpasst haben.

Bettina Hoppe: Sie leiden zwar, aber es sind sehr anspruchsvolle Menschen. Es gibt den Anspruch auf Freiheit, den Anspruch auf Erfüllung. Wenn sie aus prekären Verhältnissen kommen würden, dann wären ihre Ansprüche vielleicht gesund zu sein und was zu essen zu haben. Aber hier: Wenn schon einen Beruf ergreifen, dann muss es einer sein, mit dem man sich identifiziert. Die Liebe muss die wahre sein und so weiter. Ich glaube, es ist auch eine Entwicklung von Olga zu sagen: "Früher habe ich an die große Liebe geglaubt, heute würde ich einfach heiraten, um meine Ruhe zu haben." Das kann sie sagen, weil sie die Älteste ist. Ich glaube nicht, dass sie immer so gedacht hat.

Lili Epply: Und vielleicht steckt in dieser Sehnsucht nach Arbeit von Irina auch die Idee, eben endlich was zu tun. Der Versuch, etwas beizutragen zu einer Gesellschaft.

Constanze Becker: Aber ist das nicht eigentlich auch eine völlig romantisierte Vorstellung von Arbeit? Also, dass man sagt: „Ich habe heute ein Brot gebacken“, dass man das so als kathartische Erfahrung für sich sieht? Ich glaube, das ist ja das Problem, dass man erstens sich nicht spürt, nur Müdigkeit, und zweitens weiß man auch nicht, wozu man arbeitet. Irina stellt sich diese große Befriedigung gern vor, im Sinne von "ich habe etwas geleistet", aber es fühlt sich halt ganz anders an, jeden Tag den gleichen Job zu machen …

Mateja Koležnik: Ich stimme Constanze zu, sie haben keine Ahnung, wie privilegiert sie sind.

Lili Epply: Aber vielleicht "spüren"  die Figuren klüger, als wir denken. Sie sind ja auch Kinder ihrer Zeit. Vielleicht sollten wir das nicht aus heutiger Perspektive bewerten. Vielleicht spüren sie durchaus ein inneres Aufbäumen und denken: Arbeit ist die Antwort. Vielleicht ist eben Moskau der vergangene Sehnsuchtsort, weil man spürt, man muss hier raus. Vielleicht ist der Körper auch weiter als der Geist oder Kopf …

Mateja Koležnik: Ich habe gleich zu Beginn beschlossen, dass wir keine Farce machen, keine Groteske, denn diese Figuren Tschechows – das sind heute in vielerlei Hinsicht immer noch wir. Die Frage ist: Womit sind wir in Europa unzufrieden, worum geht es im Großen und Ganzen, was wollen wir eigentlich? Wir sind sehr verwöhnt, egozentrisch und privilegiert und wissen nicht einmal, wie privilegiert wir sind. Wie man es also dreht und wendet, es geht um Klassenunterschiede. Was zu Tschechows Zeiten der Adel war, ist heute die Mittelschicht in Europa. Wir zeigen also ganz normale Menschen. Ich glaube nicht, dass wir lächerlich wirken, wenn wir mit unseren Ansprüchen und unseren Leiden durchs Leben gehen und das hat Tschechow unglaublich genau beschrieben. Mit so wunderbar verschiedenen Menschen. Wir haben also genug Material für echtes Leiden. Der Kontext ist es, der uns lächerlich erscheinen lässt, nicht wir selbst.