Neuanfang am Berliner Ensemble

Los geht's!

Sehr verehrtes, liebes Publikum,

mit einem neu aufgestellten Ensemble, mit Regisseurinnen und Regisseuren, die hier noch nicht inszeniert haben, mit einem neuen Spielort, dem „Kleinen Haus“, sowie vor allem: Mit einem entschieden zeitgenössischen Programm beginnt eine neue Intendanz. Das Berliner Ensemble soll ein Theater sein, das sich den Themen unserer komplexen, konfliktgeladenen und zerrissenen Welt stellt und den gesellschaftlichen Herausforderungen an die – so gar nicht mehr gewisse – Zukunft.

Wir, das Ensemble, die Regieteams und die neue Theaterleitung, knüpfen damit an die wichtigsten Perioden in der 125-jährigen Geschichte des Hauses am Schiffbauerdamm an, in denen immer wieder die Stücke lebender Autorinnen und Autoren eine zentrale Rolle gespielt haben: Hier gab es schließlich nicht nur die Geburtsstunde von Bertolt Brechts Welthit "Die Dreigroschenoper", sondern auch die Uraufführungen von Gerhart Hauptmanns "Die Weber" oder Marieluise Fleisers "Pioniere in Ingolstadt". Brechts "Der kaukasische Kreidekreis" wurde erstmals in deutscher Sprache gespielt, Heiner Müller inszenierte eigene Stücke und Einar Schleef zeigte seine Sicht auf Rolf Hochhuths "Wessis in Weimar". Worum soll es denn im Theater gehen? Das ist die Frage, die auch uns vor allem bewegt. Das Theater wandelt sich, es wird politischer. Das geht auch gar nicht anders, denn die Gewissheiten und Sicherheiten, die zumindest Europa und unser Leben geprägt haben, sind abhandengekommen.

Am neuen Berliner Ensemble wollen wir die Autorinnen und Autoren als wichtige Partner eng in die Theaterarbeit einbinden. Im Autoren-Programm werden Ideen von der ersten Ideen-Skizze bis zum fertigen Stück begleitet von Regisseuren, Dramaturgen sowie dem Dramatiker und Schriftsteller Moritz Rinke, der das Autoren-Programm leiten wird. In England, wo kein Mangel an packenden Gegenwartsstücken herrscht, ist dies längst eine Selbstverständlichkeit. Gerade im Zeitalter der Serien im Fernsehen und der Textflächen und Postdramatik-Debatten in den Theatern.

„Ein guter Film muss eine Geschichte erzählen, die einen erstaunt und die man so noch nicht gesehen hat“, so schlicht sagt es Berlinale-Leiter Dieter Kosslick.

Auf der Suche nach konfliktträchtigen Geschichten und Figuren, die Schauspielerinnen und Schauspieler herausfordern und das Publikum bewegen, begegnen wir in dieser Saison zuerst starken Frauen: Mary Page Marlowe, die "Eine Frau" aus dem neuen Stück von Tracy Letts. Oder die namenlose Mutter aus dem Monolog "Girls & Boys", in dem Dennis Kelly erschütternd von widersprüchlichen Rollenerwartungen in einer von Männern dominierten Gesellschaft erzählt und den Katastrophen, zu denen sie führen können. Verhandelt Brecht im "Kreidekreis" keine geringere Frage als die, wem die Welt gehören soll, stellt Albert Camus mit "Caligula" das Verhältnis von Politik und Ethik zur Diskussion.

Das Thema Sucht beschäftigt uns gleich an mehreren Abenden. Duncan Macmillan erzählt zum Beispiel von den verschwimmenden Realitäten einer abhängigen jungen Frau in einer Welt, in der vor allem das Aufrechterhalten des schönen Scheins regiert ("Menschen, Orte und Dinge"). Und der norwegische Dramatiker Arne Lygre führt zur Eröffnung des Kleinen Hauses mit seinem Stück "Nichts von mir" in die Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen.

Dennoch, große Stoffe sind immer schon rar gewesen. Filme entstehen nach einer Roman- oder Dramenvorlage und umgekehrt. So wird Frank Castorf Victor Hugo für das Theater bearbeiten und mit "Les Misérables" erstmals das Drama von Armut und Revolte erzählen – der Beginn einer kontinuierlichen Zusammenarbeit mit dem prägenden Regisseur am Berliner Ensemble. Die holländische Regisseurin Ola Mafaalani, eine Entdeckung für das deutsche Theater, konfrontiert die "Kinder des Paradieses" aus Marcel Carnes Filmepos mit dem politisch aberwitzigen "Making-of" im besetzten Frankreich 1944/45. Bertolt Brecht, der das Theater am Schiffbauerdamm besonders geprägt und nach seiner Truppe "Berliner Ensemble" benannt hat, machte sich Stoffe ohne große Skrupel zu eigen. Seinem dramatischen Werk fühlen wir uns am Berliner Ensemble auch künftig besonders verpflichtet: "Der kaukasische Kreidekreis" macht den Anfang, als eines der Eröffnungsstücke in der Regie von Michael Thalheimer, der am Berliner Ensemble als Hausregisseur wieder eine echte Berliner Heimat findet. Auch Ex-Intendant und Theaterdichter Heiner Müller wird regelmäßig gespielt werden an diesem Theater – der junge Autor und Regisseur Alexander Eisenach setzt sich mit Müller in dem Stück "Die Entführung Europas oder Der seltsame Fall vom Verschwinden einer Zukunft" auseinander.

Und selbstverständlich soll das Berliner Ensemble, gelegen im Herzen der multikulturellen Großstadt Berlin, ein Theater mit internationalen Künstlern sein, mit Regisseurinnen aus Slowenien oder Holland, amerikanischen oder französischen neuen Stücken und dem Autor-Regisseur Dieudonne Nianguna aus dem Kongo. Vom Schauspiel Frankfurt bringen wir einige Aufführungen mit nach Berlin, die das Repertoire rasch ergänzen und erneuern: Michael Thalheimers Inszenierung der "Penthesilea" oder zum Beispiel Joël Pommerats hinreißendes 50-Figuren-Stück "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas".

Im Zentrum des Theaters stehen am Ende, allein im Licht auf der Bühne, die Schauspielerinnen und Schauspieler. Viele von ihnen kommen neu an dieses Haus, mit einigen gibt es ein Wiedersehen in Berlin, doch die meisten kommen zum ersten Mal ans Berliner Ensemble. Sie alle bilden das Ensemble auf einer der schönsten Bühnen der Welt. Sie bilden ein neues "Berliner Ensemble".

Drücken Sie uns die Daumen für den Neuanfang, bringen Sie Neugierde mit – wir freuen uns auf Sie.

Ich heiße Sie herzlich willkommen,
Ihr Oliver Reese