Eine deutsch-deutsche Geschichte

Interview zur ZDF-Doku "AIDS – In Zeiten der Liebe"

Die ZDF-Dokumenation "AIDS In Zeiten der Liebe" erinnert an die wahre Geschichte eines schwulen Künstlerpaares in der DDR Dirk Nawrocki war Schauspieler u.a. am Berliner Ensemble, Heiko Zolchow Maler und Bühnenbildner –  und wirft zugleich einen Blick auf die AIDS-Krise im geteilten Deutschland. Hier finden Sie ein Interview mit dem Regisseur Johannes Nichelmann.

18.05.26
Bertolt-Brecht-Platz 1
10117 Berlin
Kontakt & Anfahrt

Theaterkasse

+49 30 284 08 155
theaterkasse@berliner-ensemble.de

Der reguläre Vorverkauf für alle Vorstellungen vom 8. Juni bis 12. Juli läuft! Unsere Theaterkasse hat montags bis samstags von 10.00 Uhr bis 18.30 Uhr für Sie geöffnet.

Die dreiteilige "aspekte"-Dokuserie "AIDS In Zeiten der Liebe" erzählt eine berührende Geschichte über Liebe, Krankheit und Kunst im geteilten Deutschland – und darüber, wie AIDS Menschen trennte und am Ende zwei verfeindete Staatssysteme zusammenarbeiten ließ. Zudem entdeckt die Dokumentation zwei vergessene Künstler wieder: den Bühnenbildner und Maler Heiko Zolchow sowie den Schauspieler Dirk Nawrocki, deren Leben der Filmemacher und Autor Johannes Nichelmann mit Interviews und vielschichtigem Archivmaterial über die AIDS-Krise erstmals als deutsch-deutsche Geschichte aufbereitet. 

Mit Hilfe sensibel gedrehter Reenactments zeichnet er die Biografien dieser beiden vergessenen Künstler nach. Zu Wort kommen unter anderen Sabine Zolchow, die ehemalige Ehefrau von Heiko Zolchow, Regisseur Frank Castorf, der Szenenbildner Karl-Hermann Reith, der Schauspieler Bernd Stegemann, Regisseur und Autor Jean-Claude Kuner sowie der Historiker Henning Tümmers. 

Im Interview beschreibt Johannes Nichelmann, wie er auf die gemeinsame Geschichte von Heiko Zolchow und Dirk Nawrocki aufmerksam wurde und wie aus den Erinnerungen der beteiligten Personen dieser Film entstanden ist. 

Wie haben Sie die Geschichte gefunden, die in "Aids – In Zeiten der Liebe" erzählt wird? Es geht ja um zwei vergessene Biografien, zu denen man im Netz zum Beispiel gar nicht viel findet …

Zum Glück sind diese Biografien nicht einfach verschwunden. Sie sind noch da, in den Erinnerungen der vielen Menschen, deren Leben Heiko und Dirk berührt haben. Auch nach all den Jahren erzählen sie mit einer erstaunlichen Klarheit von diesem Paar, von der Tragik ihrer Geschichte, aber eben auch von der Kraft, die darin liegt. Einer von ihnen hat mir vor einiger Zeit davon berichtet.
Ausgangspunkt unseres Gesprächs war die AIDS-Krise der 1980er Jahre – und die Frage, warum die einzelnen Schicksale der so vielen jungen Männer, die damals gestorben sind, im kollektiven Gedächtnis Deutschlands kaum einen festen Platz haben. Mein Eindruck ist, dass vieles von dem, was diese Zeit geprägt hat – die Ängste, die Debatten, die gesellschaftliche Kälte – heute in Vergessenheit geraten ist. Außer bei denen, die es selbst erlebt haben.

 

Es handelt sich um eine sehr persönliche Geschichte über Liebe und Tod, die erst durch ihren historischen Kontext – das geteilte Deutschland und das aufkommende HI-Virus – eine zusätzliche politische Dimension erhält. War es unter diesen Umständen schwierig, die Protagonisten der Doku, also Wegbegleiterinnen und -begleiter von Heiko und Dirk, für eine Mitwirkung zu gewinnen?

Ich bin sehr dankbar dafür, dass sich alle bereit erklärt haben, ihre Geschichte vor der Kamera zu erzählen. Mir ist bewusst, wie viel Überwindung das für einige bedeutet hat, sich so sichtbar zu machen, so angreifbar vielleicht auch. Gerade in Zeiten sozialer Medien, in denen selbst die intimsten Erzählungen nicht vor verletzenden Kommentaren geschützt sind. Und trotzdem war da bei allen dieser Wunsch, dass diese Geschichte erzählt werden muss. Dieses gemeinsame Verständnis hat das Projekt getragen. Wir haben vor und nach den Dreharbeiten viel miteinander gesprochen – auch, um der Komplexität und der Intimität dieser Erfahrungen gerecht zu werden.

 

Ein wichtiger Spielfilm, der ausgerechnet am 9. November 1989 in Ost-Berlin uraufgeführt wird, findet in der Dokuserie explizit Erwähnung: "Coming-out" von Heiner Carow. Warum? Dort wird AIDS ja gar nicht thematisiert, oder?

Das stimmt. Im Kern ist es eine mitreißende Liebesgeschichte zwischen zwei Männern in Ost-Berlin – und zugleich ein filmhistorischer Moment: Zum ersten Mal wurde Homosexualität in einem Spielfilm der DDR überhaupt thematisiert. Die Behörden gingen damals davon aus, dass etwa 750.000 homosexuelle Menschen in der DDR lebten.
Gegen Ende der 1980er Jahre wurden Filme gezielt gefördert und zugelassen, die auf eine stärkere gesellschaftliche Integration abzielten – und die DDR zugleich als einen Ort sozialer Geborgenheit inszenieren sollten. Der Alltag sah jedoch oft anders aus: Diskriminierung gehörte für viele nicht-heterosexuelle Menschen weiterhin zur Realität.
Auch deshalb vermied man es, AIDS öffentlich direkt in Zusammenhang mit homosexuellen Männern zu bringen, nicht zuletzt aus Sorge, bestehende Vorurteile weiter zu verstärken. Hinzu kam, dass sich in der DDR tatsächlich in der Mehrzahl heterosexuelle Menschen mit dem HI-Virus infiziert hatten, was die Situation zusätzlich komplexer machte. Auch das zeigen wir ja in der Serie, wie unterschiedlich in Ost und West mit HIV und AIDS umgegangen wurde.

 

Ihre Generation ist mit der Möglichkeit von HIV-Tests und dem Wissen um inzwischen vorhandene Medikamente aufgewachsen. Wie war es, jetzt in eine Zeit einzutauchen, in der absolute Unkenntnis über das Virus herrschte?

Ich bin 1989 in Ost-Berlin geboren, meine Kindheit und Jugend fallen also in die 1990er und 2000erJahre. In eine Zeit, als es medizinisch längst Fortschritte gab: Seit Mitte der 1990er Jahre existieren wirksame Therapien, heute ist HIV gut behandelbar und bedeutet längst kein Todesurteil mehr. Wenn die Viruslast niedrig ist, können Betroffene weder andere anstecken noch erkranken sie an AIDS.
Und trotzdem bin ich mit einem anderen Bild aufgewachsen. Mit den Erzählungen von Tod und Verfall, mit dieser tiefsitzenden Angst vor Ansteckung. Viele aus meiner Generation kennen das noch: diese Momente der Unsicherheit, in denen sich plötzlich eine enorme Angst aufbaut, eine regelrechte Achterbahn der Gefühle. Ich habe das oft erlebt, bei mir selbst und bei anderen. Es waren reale Ängste, bis hin zu Todesängsten, auch wenn die medizinische Realität längst eine andere war.
Ich glaube, dass es lange an einer breiten, verständlichen Aufklärung über die tatsächlichen Entwicklungen gefehlt hat. Dass das Wissen über Behandlungsmöglichkeiten und Lebensrealitäten bis heute bei vielen Menschen nicht wirklich angekommen ist – und das Stigma dadurch bestehen blieb. Vielleicht konnte ich mich auch deshalb so gut in die Erzählungen aus einer Zeit einfühlen, in der AIDS für viele tatsächlich ein unumstößliches Todesurteil war.
Heute gibt es mit der sogenannten "PrEP" (Prä-Expositions-Prophylaxe) sogar Medikamente, die eine Ansteckung verhindern können. Das ist ein enormer Fortschritt und zugleich ein Hinweis darauf, wie sehr sich der Blick auf diese Krankheit eigentlich längst verändert haben müsste.