Liebe Maria, vor nun fünf Jahren hast du angefangen, an dem Filmprojekt "Helene Weigel – Revolutionärin im Rampenlicht" zu arbeiten, die Idee liegt sogar schon zehn Jahre zurück. Wie hat sich das Projekt über die Jahre entwickelt?
Als ich angefangen habe, mich mit Helene Weigel zu beschäftigen – inspiriert durch Katharina Thalbach - habe ich nicht geahnt, was für ein Riesenkosmos mich da erwartet und wie vielschichtig ihre Geschichte ist. Das habe ich komplett unterschätzt. Ich habe mich dann wesentlich länger in das Projekt hineingegeben und an dem Film gearbeitet, als ich mir hätte vorstellen können. Das hatte auch damit zu tun, dass wir eine intensive Recherche betrieben haben. Wir haben unter anderem eng mit der Akademie der Künste, dem Bertolt-Brecht- und dem Helene-Weigel-Archiv zusammengearbeitet haben, wurden dort ganz großartig von den kompetenten und leidenschaftlichen Kolleg:innen unterstützt. Wir haben uns durch das irre Konvolut an Helene Weigels Korrespondenzen gegraben, aber auch sehr akribisch durch das Bildmaterial und haben einiges gefunden, was zum Teil noch gar nicht bekannt oder digitalisiert war: In der AdK gab es eine ganze Kiste unentwickelter Filmrollen des Berliner Ensembles, exklusives Material von Weigels Gastspielreisen überall in der Welt oder mit Sophia Loren und Vittorio de Sica, der Riesenfan und häufig im BE war. Wir haben diesen spannenden Prozess der Recherche, den wir, zusammen mit meiner Kollegin Lilly Rinklebe, dann auch international ausgeweitet haben, fast als etwas Detektivisches empfunden.
Und irgendwann habe ich gemerkt, ich muss mich auch noch einmal viel genauer mit Brechts Werk beschäftigen – immer auf der Suche danach, wo er über Helene Weigel geschrieben, sich mit ihr beschäftigt und auseinandergesetzt hat. Und dann habe ich mir die Brecht-Gesamtausgabe besorgt (die übrigens noch immer richtig hoch gehandelt wird), obwohl ich ursprünglich vorhatte, ihn möglichst außenvor zu lassen. Ich habe dann festgestellt, dass das nicht möglich ist, schon wegen deren künstlerischer Symbiose nicht, aber auch, weil ihre Geschichten in jeder Hinsicht eng mit einander verwoben sind.
Dasselbe gilt für die Frauen um Brecht. Sie nicht mit zu erzählen ginge nicht, weil das dazu gehörte und gerade im Exil – sehr miteinander verquickt war- ihre Enkeltochter Sarah Brecht nennt es im Film "it was part of the fabric". Ich fand es spannend, hier mal die Perspektive zu verschieben: Denn ich glaube, dass man das auch vor dem politischen Hintergrund jener Zeit, der Bedrohungslage, in der sie sich auf der Flucht befanden, als solidarischen Akt von ihr verstehen kann, Grete Steffin und auch Ruth Berlau in dieser Art Fluchtgemeinschaft zu akzeptieren.
Dasselbe gilt für die Frauen um Brecht. Sie nicht mit zu erzählen ginge nicht, weil das dazu gehörte und gerade im Exil sehr miteinander verquickt war. Ihre Enkeltochter Sarah Brecht nennt es im Film „it was part of the fabric“. Ich fand es spannend, hier mal die Perspektive zu verschieben: Denn ich glaube, dass man das auch vor dem politischen Hintergrund jener Zeit, der Bedrohungslage, in der sie sich auf der Flucht befanden, als solidarischen Akt von ihr verstehen kann, Grete Steffin und auch Ruth Berlau in dieser Art Fluchtgemeinschaft zu akzeptieren.
Mir war es sehr wichtig, einen anderen Blick darauf zu werfen und das nicht als Geschichte einer eifersüchtigen, bemitleidenswerten Frau zu erzählen, sondern als Geschichte starker Frauen, die aus politischen Gründen auf der Flucht einen Umgang mit dieser außergewöhnlichen Situation gefunden haben – oder es zumindest versucht haben. Das hat mich gefordert und immer mehr in seinen Bann gezogen oder es zumindest versucht haben. Das hat mich gefordert und immer mehr in seinen Bann gezogen.
Und woher kam dein Interesse an Helene Weigel?
Mich hat fasziniert, wie eine Künstlerin es schafft, nach 15 Jahren Flucht und Exil, nach so vielen Verlusten und dem Miterleben von zwei Weltkriegen, nicht zu verzweifeln – sondern mit Ende 40 in den Trümmern Berlins noch einmal komplett von vorn anzufangen und ein Weltklassetheater wie das Berliner Ensemble aufzubauen.
Ich denke, Helene Weigel ist eine außergewöhnliche Frau, eine Frau der Extreme. Man gucke sich nur dieses Gesicht an: Dieses schöne, klare, gleichzeitig wahnsinnig moderne und androgyne Wesen, das rotzig, herausfordernd und fragend in die Kamera guckt. Ich finde, dass sie auch heute noch viel für eine junge Generation mitbringt: Sie ist schon als junge Frau mit einer klaren Selbstbestimmtheit ihren Weg gegangen und das in einer Zeit, in der das noch viel schwieriger war als es heute. Sie zog ihren Weg durch, ist Mitte der 20er Jahre, nach ersten Erfolgen in Frankfurt am Main in Berlin schon ein Name, eine aufsteigende Größe, und trifft dann diesen Brecht, der auch gerade berühmt wird.
Die beiden wussten scheinbar auch eine Weile lang gar nicht so richtig, was das zwischen ihnen ist, sie wird aber schnell schwanger. Ab dem Zeitpunkt waren sie irgendwie zusammen, aber es war auch eine offene Beziehung, die sie lebten. Das war ein antibürgerliches Modell: Sie wohnen auch nicht zusammen und in den ersten Jahren zieht sie ihr erstes Kind, Sohn Stefan, quasi allein groß. Brecht muss sich um das Kind, wenn sie auswärts Gastspiele hat. Parallel ist sie als Antifaschistin politisch aktiv, riskiert mit ihren Auftritten eine Menge, wird immer wieder verhaftet. Brecht beschreibt das sehr anschaulich.
Helene Weigel ist also auch für uns heute eine spannende Frau, ich kann es nur immer wieder unterstreichen. Sie hatte eine Kraft, blieb politisch gerade und war Ende der 20er bis Anfang der 30er Jahre, als die Nazis immer stärker wurden, sehr mutig. Das waren natürlich schwierige Zeiten, da arbeiten wir im Film mit Texten, die so aktuell erscheinen, dass ich manchmal den Atem anhalten musste, weil sie so gut auf die heutige Situation passen. Beispielsweise das „Gedicht an den Schwankenden“, mit dem wir den Film eröffnen, das passt wie die Faust aufs Auge und ich betrachte es als Klammer des Films: Wir betrachten Helene Weigel nicht nur als Schauspielerin oder Intendantin, sondern auch als politisch aktive Frau, ob als Kommunistin, Antifaschistin, Pazifistin: Sie wollte etwas zum Besseren bewegen. Die sogenannte "Dritte Sache" schwingt immer mit.
Politisch spannend ist auch, dass Helene Weigel, trotz dessen, dass sie zu DDR-Zeiten Intendantin des Berliner Ensembles war, niemals in die Partei eingetreten ist.
Genau, interessant ist ja die Tatsache, dass sie 1928 in die KPD eingetreten ist, also zu einem Zeitpunkt, an dem es wirklich gefährlich war und wofür man einige Jahre später verfolgt worden ist. Das ist neben der Tatsache, dass sie Jüdin war, der Grund, warum sie nach dem Reichstagsbrand zusammen mit Brecht sofort fliehen musste. Aber als sie aus dem Exil zurückgekehrt ist und Intendantin wurde, da ist sie nicht in die SED eingetreten, obwohl das als Intendantin für die Karriere wichtig war, das erzählt in unserem Film beispielsweise Manfred Karge. Das BE wurde in Ostberlin dadurch zu einer Insel für Kulturleute, die politische Probleme hatten. Das haben die DDR-Bonzen natürlich nicht gern gesehen. „Die Macht der Helli“ nennt Manfred Karge das. Sie half Heiner Müller genauso wie Thomas Brasch, nachdem er nach seiner Flugblattaktion beim Prager Frühling aus der Haft entlassen wurde. Sie war eine politische Instanz und hielt den Rücken gerade. Nicht umsonst schrieb Thomas Brasch in der brechtschen Tradition ein Gedicht über sie, dessen letzter Satz "Sie lehrt uns den wahren Sinn des Wortes 'Aufrecht gehen'".
Du hast dich natürlich nicht nur mit dem Archivmaterial beschäftigt, sondern auch mit Weggefährt:innen wie Katharina Thalbach oder ihrer Enkelin gesprochen. Welches Bild wurde hier von Weigel gezeichnet und hat es sich mit deinem gedeckt?
Ein vorgefertigtes Bild hatte ich noch gar nicht, insofern war es für mich spannend, all die unterschiedlichen Seiten dieser Frau zu "sammeln". Katharina Thalbach erzählt im Film, dass sie früh als Meisterschülerin unter die Fittiche Weigels genommen wurde, aber auch durch eine harte und strenge Schule gegangen ist. Gleichzeitig sagt sie, die Weigel sei zugleich Matriarchin und Patriarchin gewesen und dass sie daraus gelernt habe, dass eine Frau als Boss selbstverständlich war: Nicht als Ausnahme, sondern tatsächlich als Selbstverständlichkeit. Es hat mich sehr interessiert, dies in dieser Radikalität von ihr zu hören; der Feminismus sei heute nicht mehr, wie sie ihn kennengelernt hat. Eine Frau wie Helene Weigel hat da ihr Selbstverständnis und Frauenbild geprägt hat und sie meint, dass wir heute sogar einen Rückschritt gemacht haben könnten.
Mir war es wichtig, ein möglichst authentisches und umfassendes Bild von Helene Weigel zu bekommen. Das hat sich Stück für entwickelt, wie ein Puzzle.
Dennoch wird das Berliner Ensemble auch heute noch immer wieder als das "Brecht-Theater" bezeichnet, was natürlich nur bedingt stimmt.
Die Erklärung ist, glaube ich, einfach. Wer schrieb denn immer Geschichten auf und wer erzählte sie? Die von Männern erzählte Geschichte fokussiert sich häufig auf das männliche Genie. Bis vor wenigen Jahren hörte man auch immer wieder, dass Brecht der Intendant des BEs gewesen sei und sie es später von ihm übernommen hätte. Sie hat das BE mitgegründet. Und von Anbeginn des BE war sie die alleinige Leiterin des Hauses.
Das passiert Frauen immer wieder: Dass sie in ihrer Zeit angesehen und stark sind, gar auf Augenhöhe mit den männlichen Künstlerkollegen, und dann später aus der Geschichte verschwinden, weil sich niemand um die die Perspektive der Frauen gekümmert hat.
Im Falle von Brecht und dem BE ist es ganz klar die Weigel, die sich gekümmert hat und dem Theater zu der nachhaltigen Relevanz verholfen hat, die es heute noch hat. Dafür setzte sie sich mit all ihrer Energie ein. Sogar wenige Tage vor ihrem Tod hat sie noch Briefe an verschiedene Leute, unter anderem DDR-Politiker geschrieben, in denen sie sich als Letztes wünscht, das sie Sorge tragen für das Berliner Ensemble. Nach dem Motto: Ihr habt mir das Leben echt schwer gemacht, das seid ihr mir und dem Haus schuldig, dass ihr euch um mein Vermächtnis kümmert. Und das BE gibt es bis heute, es ist ein erfolgreiches Haus mit Strahlkraft. Diesen Bogen finde ich sehr berührend. Es geht darum, die Perspektive zu ändern und den Blick zu halten. Dann bekommt man eine neue Geschichte erzählt. Man muss das nur wollen.
Gab es im Laufe deines Projekts etwas, das dich besonders erstaunt hat? Etwas, womit du nicht gerechnet hättest?
Ich habe Helene Weigel ja nicht mehr kennengelernt. Und es ist natürlich eine irre Herausforderung, einen Film über jemanden zu machen, den Du selbst nicht mehr befragen kannst.
Umso erstaunlicher ist es dann, wie nah ich ihr durch unter anderem durch die Lektüre ihrer Briefe kommen durfte. Und ich habe eine sehr vielfältige Helene Weigel entdecken dürfen, witzig, sehnsüchtig, streng, großzügig, klug, emotional, manchmal ungerecht, manchmal verzweifelt, niemals aufgebend.
Ich hoffe und denke, dass es uns gelungen ist - einerseits durch diese Briefe und Tonbandaufnahmen und andererseits auch durch die sensible Bildgestaltung von Martin Langner und die besondere Montage von Marek Weinhold - sie doch irgendwie persönlich zu treffen und ihr im Film wirklich nah zu kommen, sie zu spüren. Eine Art der Selbsterzählung. Das wurde uns zumindest bereits gespiegelt – auch, dass Menschen so berührt waren, dass ihnen bei der Voraufführung Tränen kamen.
Dabei hat Helene Weigel sehr darauf geachtet, nach Außen nichts Schwaches durchdringen zu lassen und genau gewusst, wie sie sich als Frau an der Spitze eines weltberühmten Theaters vor der Außenwelt zu schützen hatte. Gerade deswegen waren die Briefe an Freund:innen wie Therese Giese so wichtig: Sie haben gezeigt, dass es neben der krassen Powerfrau auch eine andere Helene Weigel gibt, die eben auch zweifelnd und liebesbedürftig ist oder auch mal wie ein Hippie nackig in Buckow herumrennt - als Ausgleich zu den Härten des Theateralltags. Diese Seite erzählen zu können, ohne dabei zu voyeuristisch zu sein, das war uns wichtig. Auch die Ambivalenzen spürbar zu machen, denn die gehören immer dazu.
Wir freuen uns sehr, dass der Film jetzt ins Kino kommt. Und sind super gespannt darauf, ihn nun endlich auch in Berlin zu zeigen: Die Preview im BE ist dabei natürlich etwas Besonderes.