Dieser Fels ist sein Fels

Im Rahmen von "WORX" bearbeitete Jules Head "Das Schloss oder Wir müssen uns K. als einen glücklichen Menschen vorstellen" von Georgia Bruce. Im Gespräch mit den Spieler:innen Lukas von Horbatschewsky und Emma Zeisberger geht Dramaturgin Kathinka Schröder den Fragen der Inszenierung sowie persönlichen Bezügen nach. 

Kathinka Schröder, Lukas von Horbatschewsky und Emma Zeisberger | 16.03.26
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Viele Menschen kennen das Gefühl, eine persönliche "Sisyphos-Aufgabe" zu haben. Für unsere Hauptfigur K. ist diese Aufgabe jedoch existenziell – es geht um nichts Geringeres als die Anerkennung seiner Identität. Inwiefern könnt ihr euch als trans¹ Personen mit dieser Form des permanenten Ringens identifizieren?


Lukas von Horbatschewsky: Ich glaube, ich kann mich insofern damit identifizieren, als dass es innerhalb dieses großen Prozesses der Transition² – der ja nie so richtig abgeschlossen ist – Phasen gab, in denen sich das wie Arbeit angefühlt hat. Man denkt ja gerne: Irgendwann bin ich fertig. Aber man
ist nie richtig fertig. Es gibt so viele Dinge von außen – Bestätigungen, Genehmigungen, Gutachten –, die man braucht, um der Identität näher zu kommen, die man ja eigentlich schon hat. Und gleichzeitig gab es Momente, in denen es sich nicht mehr wie Arbeit angefühlt hat, sondern einfach wie Sein. Also sehr positiv.


Also keine dauerhafte Sisyphos-Arbeit?


Lukas von Horbatschewsky: Es ist immer die Frage, für wen man diese Arbeit macht. Body oder Social Dysphoria³ kommt ja vor allem durch die Gesellschaft, in der man sozialisiert wird. Diese "Aufgabe" trans zu sein, die man sich ja nicht aussucht (und gleichzeitig immer wieder aussuchen würde, weil das nun mal die eigene Identität ist), hat eigentlich keinen immanenten Leidensdruck. Ich finde es schwierig, wenn trans Personen dargestellt werden, als seien sie nie angekommen oder immer unglücklich in ihrem Körper. Das stimmt für mich einfach nicht.
Emma Zeisberger: Ich denke auch, eigentlich können doch alle
Menschen relaten, wenn es darum geht, Gender zu performen. Auch Cis-Leute stehen unter extremem Druck – Fitnessstudio, perfekter Body, sehr genaue Erwartungen davon, wie Männlichkeit und Weiblichkeit auszusehen haben. Deshalb ist es schwer herauszufinden: Was will ich wirklich – und was will die Gesellschaft von mir? Wenn ich mich heute z.B. sehr butch fühle, also eine Art weibliche Männlichkeit performe, werde ich viel eher misgendert, als wenn ich eine vermeintliche Hyperfeminität performe.
Lukas von Horbatschewsky: Es gibt eben eine Erwartungshaltung von außen, die man irgendwann selbst übernimmt. Ich habe meine Transition am Anfang nicht als Befreiung von Geschlechternormen erlebt, sondern ich habe mich eigentlich von einer Box in die nächste geschoben. Ich wollte als Mann wahrgenommen werden – also habe ich versucht, bestimmten Normen zu entsprechen. Erst später kam die Phase, in der ich gemerkt habe: Ich muss das gar nicht alles erfüllen. Man darf als Mann einen Rock tragen. Auch als trans Mann. Das wieder zu dekonstruieren, hat Zeit und Energie gebraucht.

Emma, du spielst neben der vom Dorf ausgestoßenen trans Frau Amalia auch die Figur der Wirtin, eine TERF wie sie im Buche steht. Wie war es für dich, dir diese Rolle anzueignen?


Emma Zeisberger: Es ist extrem spannend, diese beiden Gegensätze zu spielen. Es gab Momente auf der Probe, in denen es mir schwer fiel, diese Sätze zu sagen, gerade dir gegenüber, Lukas. Und gleichzeitig ist es wichtig, diese Punkte klar zu benennen. Dadurch, dass wir das selbst machen, hat es auch etwas empowerndes. Dass wir uns diese überzeichnete J.K. Rowling-artige TERF-Figur nehmen und zeigen, wie lächerlich dieses Denken ist. Es war auch wichtig, mit einer Regieperson zu arbeiten, die selber trans ist. Jules hat immer gesagt, niemand kann uns sagen, wie wir das zu machen haben. Wir konnten immer selbst entscheiden, wie tief wir da reingehen.


K. hat am Anfang große Schwierigkeiten, Amalias Annäherungsversuche zuzulassen und legt viel Wert darauf, sich von ihr abzugrenzen – warum?


Lukas von Horbatschewsky: Vor allem, wenn man neu mit dem Thema Queerness konfrontiert ist, kann sich das manchmal wie eine Bedrohung anfühlen. Gerade, wenn man selbst noch darum kämpft, als "normal" wahrgenommen zu werden. Ich denke, K. glaubt, um ein "normaler" Mann zu sein, darf er andere queere oder trans Personen nicht zu nah an sich heranlassen. Die Angst, erkannt zu werden und dadurch in seiner Männlichkeit weniger ernst genommen zu werden, spielt da eine große Rolle. Diese Angst treibt K. erst von Amalia weg und später wieder zu ihr hin, weil sie die Einzige ist, die ihn versteht.

 

Amalia sagt gegen Ende zu K., sie bewundere ihn für seine Hoffnung. Sie selbst sei glücklich, aber ohne Hoffnung. Inwiefern unterscheiden die beiden sich in ihrer Haltung?


Emma Zeisberger: Amalia glaubt nicht mehr daran, dass sich die Gesellschaft zu ihren Lebzeiten noch verändern wird. Die Vorstellung, dazuzugehören, Teil der Dorfgemeinschaft zu sein, ist einfach zu weit weg. Aber sie hat ihren Frieden damit gefunden, darin liegt ihre Stärke. Es ist total widerständig, an dem Ort, an dem sie lebt, zu sagen: Ich bin die Frau, die ich bin und mir geht es gut. Der Unterschied zwischen Amalia und K. liegt vielleicht darin, dass es ihr reicht zu wissen, dass sie sich niemandem mehr beweisen muss und sie ihre Familie um sich hat, die sie unterstützt. K. hingegen setzt noch Hoffnung auf die Möglichkeit, ganz in dieser Gesellschaft anzukommen.
Lukas von Horbatschewsky: Ob man wie K. gegen das ganze System ankämpft oder wie Amalia einfach versucht, die Person zu sein, die man ist, ist vermutlich eine Frage von Kapazitäten – oder unterschiedlichen Arten, diese Kämpfe zu führen. Man kann aber auch nicht erwarten, dass marginalisierte Menschen immer kämpfen. Manchmal ist es schon schwer genug, Erreichtes zu erhalten.

Camus schreibt: "Der Kampf gegen den Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen." Wie versteht ihr diese Aussage?


Lukas von Horbatschewsky: In einem System, das die eigene Existenz infrage stellt, ist glücklich zu sein ein Akt des Widerstands. Gerade auch die kleinen Momente, wo man sich im Spiegel anguckt und sich sagt: Ja, ich bin gerade voll happy damit! Die Erwartungshaltung kann natürlich nicht sein, dass es uns immer gut gehen muss oder so. Ich kenne auch queere Menschen, die im Moment einfach wütend sind und kann das gut verstehen.


Camus’ Sisyphos braucht keinen Gipfel, um erfüllt zu sein. Braucht K. am Ende noch die Genehmigung?
 

Lukas von Horbatschewsky: Vielleicht formal. Aber er macht sie nicht mehr zur Bedingung seiner Existenz. Unabhängig davon, was ihm von außen möglich gemacht wird oder nicht, ändert das nichts an seiner Identität. Gleichzeitig lebt er aber weiterhin in einem System. Nehmen wir an, die Genehmigung steht – wie in der Realität – für Gutachten, psychologische Atteste etc., dann braucht es diese Dinge trotzdem, um dem Körper oder dem Namen näherzukommen, den man haben möchte. Es geht nicht darum zu sagen: Ich brauche das alles nicht mehr. Sondern: Ich arbeite weiterhin dafür – aber ich bin nicht weniger ich, nur weil ich es noch nicht habe. Das ist eine Realisation, die K. hat und die ich auch hatte: Ich bin nicht das Problem. Das System ist nicht darauf ausgelegt, mich zu unterstützen.
Emma Zeisberger: Man kann die Genehmigung auf einer metaphorischen Ebene auch als gesellschaftliche Akzeptanz verstehen. Man kann, wie Amalia zum Beispiel, innerlich Frieden finden und sagen: Ich weiß, wer ich bin, ich kenne meinen Wert und das reicht. Aber wenn die Gesellschaft, in der du lebst, dich nicht sieht oder anerkennt, kann das sehr einsam sein. Ich wünsche mir, dass dieser innere Frieden, diese Freiheit irgendwann nicht mehr nur ein innerer Zustand sein muss. Dass die Gesellschaft erkennt, dass Gender sehr individuell und vielseitig ist und das ein Loslösen von starren Rollenbildern letztendlich eine Befreiung für alle Menschen ist.

 

Für Camus ist nicht das Wälzen des Steins, sondern das bewusste Wiederaufnehmen der Anstrengung entscheidend. Verändert sich K.’s Bewusstsein im Laufe des Abends? Wird die Wiederholung irgendwann zu einer Form von Widerstand?


Lukas von Horbatschewsky: Ich weiß nicht, ob er darin unbedingt Widerstand findet – vielleicht eher eine Art Leichtigkeit. Vielleicht schließt das einander auch gar nicht aus. Wenn ich jetzt auf mein 15- oder 16-jähriges Ich zurückblicke, denke ich: Wie hat er das eigentlich alles geschafft? Diese ganzen Schritte, das Outing, diesen Papierkram. Und dann merkt man: Ich habe es aber geschafft. Dieses Bewusstsein, schon so viel bewältigt zu haben, gibt Kraft. Es zeigt: Ich kann noch so viel mehr schaffen. Ich glaube, K. versteht irgendwann: Er ist dem nicht einfach ausgeliefert. Dieser Fels ist sein Fels. Es ist sein Weg. Und darin liegt ganz viel Kraft – und auch Freude.

Fußnoten

¹ Wenn die geschlechtliche Identität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht
nicht übereinstimmt.
² Der Weg vom bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht hin zum eigenen Geschlecht.
³ Formen der Geschlechtsdysphorie, die einen Leidensdruck auslösen, wenn bspw.
körperliche Merkmale nicht mit der eigenen Geschlechtsidentität übereinstimmen oder soziale Interaktionen wie die Nutzung der falschen Pronomen oder des falschen Namens.
Wenn die geschlechtliche Identität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.
Abkürzung für englische Bezeichnung „transexclusionary radical feminist“, Feminist:innen, die explizit trans Personen ausschließen und anfeinden.