Yasmina Rezas Roman "Glücklich die Glücklichen" entwirft ein Panorama von Menschen mit unterschiedlichen Berufen, Lebenslagen und Beziehungsstatus. Sie alle verbindet miteinander: Keiner von ihnen ist so richtig glücklich. Ist das eine zutreffende Einschätzung des Zustandes unserer gegenwärtigen Gesellschaft? Sind wir alle unglücklich?
Ich glaube, das allgemeine Gefühl, das die Menschen heute haben, ist eine Art verwirrter, diffuser, unbenannter Zustand der Unzufriedenheit und der Enttäuschung. Freud hat bereits etwas Ähnliches in Das Unbehagen in der Kultur diskutiert: Je größer der Wohlstand und je mehr sich die Menschen nach innen wenden, um ihre Bedürfnisse zu stillen, desto schwerer lassen sich diese fassen. Die Tatsache, dass wir in einer von Medien durchdrungenen Welt leben, in der das Leben der Reichen und Berühmten öffentlich zur Schau gestellt wird, in der so viele Menschen schön sind und in der Erfolg und Glamour zum Greifen nah scheinen, erzeugt eine allgemeine Atmosphäre der Unzufriedenheit.
Woher kommt diese Unzufriedenheit? War die Gesellschaft früher glücklicher?
Früher spielte die eigene emotionale Veranlagung dafür, ob man nun Adlige:r oder Bäuerin bzw. Bauer war, keine besonders entscheidende Rolle. Man heiratete innerhalb des eigenen Standes und der gesellschaftliche Rahmen gab vor, was zu tun war. In der Moderne hat sich dieses Gerüst langsam aufgelöst. Heute müssen sich Individuen durch Situationen navigieren, für die es kein Drehbuch und keine klaren Regeln gibt. Nun hängt alles von der eigenen emotionalen Konstitution ab – man muss aus sich selbst heraus Orientierung finden. Manche Menschen werden in psychisches Wohlbefinden "hineingeboren" – sie hatten z.B. zwei aufmerksame, verlässliche Eltern, die gut zueinander waren – und das formt das, was ich als "emotionales Kapital" bezeichnen würde, das wiederum das persönliches Schicksal prägt – also wer z.B. deine Liebesobjekte sein werden, wie ungeliebt du dich fühlen wirst et cetera. Wir sprechen endlos über materielle Ungleichheit, aber über die emotionale sprechen wir kaum. Manche Menschen verfügen beim Eintritt ins Erwachsenenalter über ein großes psychisches Kapital, andere weisen ein Defizit auf, das sich selbst mit noch so viel Therapie nicht ohne Weiteres ausgleichen lässt. So werden die emotionalen Ressourcen in der Moderne entscheidender denn je, gerade weil die soziale Mobilität höher ist und weil Lebenswege fluider gestaltet werden. In einer Gesellschaft, in der alles – die eigene Karriere, die eigenen Partnerschaften, das eigene Selbstverständnis – von der Fähigkeit abhängt, sich in offenen, nicht vorgegebenen Situationen zurechtzufinden, steht bei einer beschädigten oder gut ausgebildeten Psyche enorm viel auf dem Spiel. Das ist soziologisch gesehen neu.
Reza stellt ihrem Roman eine Zeile von Jorge Luis Borges voran: "Glücklich sind die Glücklichen." Das liest sich beinahe wie ein Fluch. Ist die Liebe zu einem Ersatz für die Religion und das Glück zu einem Ersatz für Sinngeworden?
Wir haben der romantischen Liebe in einer säkularen Gesellschaft die gesamte Last der Sinngebung aufgebürdet. Paarbeziehungen sind geradezu obsessiv wichtig geworden – weitaus wichtiger, als sie es jemals zuvor waren. In der Vergangenheit spielten sie vor allem eine ökonomische Rolle, heute suchen Menschen in ihnen vor allem Halt, Akzeptanz und Anerkennung. Sie erfüllen also eine andere sozialpsychologische Funktion. Wenn Religion, Gemeinschaft und stabile soziale Rollen diese Aufgaben nicht mehr übernehmen können, muss das Paar sie allein bewältigen. Das ist eine außerordentliche Belastung. Kein Wunder, dass Menschen so am Boden zerstört sind, wenn Beziehungen scheitern – mit ihnen bricht schließlich die gesamte Architektur des Selbst zusammen. Und die Glücksindustrie – also Therapie, Selbsthilfe, positive Psychologie – sagt den Menschen, dass ihr Leiden ein individuelles Problem mit einer individuellen Lösung sei: Arbeite an dir selbst! Optimiere dich! Auch wenn die Ursachen des Leidens oft sozial, strukturell oder systemisch sind, rät die Glücksindustrie dir, nach innen zu schauen. Das ist jedoch ein Trugschluss: Die Tatsache, dass du etwas an deinem Leiden ändern kannst, bedeutet nicht, dass die Ursachen auch in dir selbst liegen. Leider ist das aber äußerst praktisch für eine Gesellschaft, die es vorzieht, dass man keine strukturellen Fragen stellt.
Sie haben in Ihrer Arbeit dafür den Begriff "emotionaler Kapitalismus" geprägt. Was meinen Sie damit?
Kapitalismus folgt einer bestimmten Logik: Man soll so viel Profit wie möglich erzielen und so viele Dinge wie möglich zur Ware machen. Nehmen wir zum Beispiel Kinderbetreuung: Bevor es Babysitter:innen gab, fragte man, wenn man jemanden brauchte, der auf die Kinder aufpasste, die Nachbar:innen, die Schwester oder einen Freund. Das war eine nicht-kommodifizierte Art von Beziehung. Man bat um Hilfe, revanchierte sich im Gegenzug, und zwischen den Beteiligten entstand etwas, das über eine bloße Transaktion hinausging. Babysitter:innen verändern alles: Man bezahlt sie für zwei Stunden. Man schuldet ihnen nichts außer Geld. Die Verpflichtung, die Gegenseitigkeit, die menschliche Verbundenheit – all das verschwindet. Die Kommodifizierung hebt das Geflecht emotionaler Verpflichtungen zwischen Menschen auf. Je wohlhabender eine Gesellschaft wird, desto mehr ersetzt sie enge Beziehungen durch bezahlte Dienstleistungen und desto isolierter werden die Menschen. Paradoxerweise erzeugt Wohlstand also Einsamkeit. Gleichzeitig schöpft Kapitalismus jedoch unaufhörlich aus einem Reservoir an Emotionen, um uns noch stärker an Waren zu binden. Emotionen werden so zur Grundlage der Konsumkultur.
Da wünscht man sich fast zurück in die Vergangenheit ...
Das wäre ein Missverständnis. Die Vergangenheit war keineswegs besser! Das Dorfleben konnte zutiefst bedrückend sein. Man war anderen bekannt, ja – aber man wurde auch beobachtet, kontrolliert, konnte nicht weggehen, wurde beschämt und verspottet. Vor allem Frauen zahlten einen enormen Preis für ihre Einbettung in enge dörfliche Netzwerke. Was ich beschreibe, ist keine Nostalgie. Es ist eine Diagnose: Die Freiheit, die wir gewonnen haben, und der Verlust persönlicher Beziehungen gehen tendenziell Hand in Hand. Das zu verstehen, bedeutet nicht, dass man diese Entwicklung rückgängig machen möchte.
Inwieweit hilft uns das weiter, wenn wir diesen Zusammenhang verstehen?
Als Spinozistin glaube ich, dass es einem hilft, besser mit dem, was einen belastet, umzugehen, wenn man versteht, woran man leidet. Wenn Sie verstehen, dass Ihre Einsamkeit nicht ausschließlich persönliches Versagen ist, sondern auch eine Folgeerscheinung einer durchökonomisierten Gesellschaft, die Strukturen beseitigt hat, die Menschen einst zusammenhielten, dann ist das keine Lösung. Aber es ermöglicht ein anderes Verhältnis zur eigenen Erfahrung. Der Mensch ist nicht länger einfach ein beschädigtes Individuum. Er muss sich in Bedingungen zurechtfinden, die tatsächlich schwierig sind. Ich glaube, dass dieser Perspektivwechsel wichtig ist.
Gibt es einen Ausweg?
Ich bin keine politische Beraterin. Aber was ich beobachte, ist, dass menschliche Beziehungen zunehmend unpersönlicher werden – in einer Welt, die immer weniger auf dieBesonderheiten jedes einzelnen Menschen eingeht. Denken Sie an Menschen, die zwar ständig die Bar, das Restaurant, ihre Umgebung, ihre Sexualpartner:innen, ihren Job oder ihre Kleidung wechseln – dabei aber immer wieder dieselbe Erfahrung machen. Es ist der Versuch, der pedantischen Wiederholung des Immergleichen den Anschein von Abwechslung zu geben. Dabei geht etwas verloren, denn persönliche und intime Beziehungen funktionieren zutiefst anders: Sie sind einzigartig, sie machen uns verletzlicher und wenn wir uns das klar machen, haben wir vielleicht eine Grundlage, um dem homogenisierenden Sog der Kommodifizierung zu widerstehen.