Die Akademie der Künste stellt mit ihrem Archiv Sammlungsgut in den Abteilungen Bildende Kunst, Baukunst, Musik, Literatur, Darstellende Kunst und Film- und Medienkunst der Öffentlichkeit zur Verfügung. Zu dem Bereich der Darstellenden Kunst gehört auch die "Sammlung Inszenierungsdokumentation": Seit der Spielzeit 1967/68 wird sie jährlich um etwa zehn neue Inszenierungsdokumentationen ergänzt – diese Spielzeit ist "Antigone" am Berliner Ensemble eine davon. Ab dem 24. November proben nun Constanze Becker, Kathleen Morgeneyer und Jens Harzer in der Regie von Johan Simons und der Dramaturgie von Sibylle Baschung auf der Probebühne des BE sowie im Großen Haus. Ich durfte die Proben bis zur Premiere für die AdK begleiten und habe mir einige Gedanken zu dieser dokumentarischen Aufgabe gemacht.
Unter "Protokoll" stelle ich mir persönlich ja erstmal eine Variante aus dem Chemieunterricht vor.
Es führen den Versuch durch: JS und SB. Benötigte Geräte und Chemikalien: Ein Tunnel (weiß), Gegenstände der Kulturgeschichte (weiß) sowie CB, JH und KM. Außerdem benötigt: JS, TW, KP, SH mit TS, JK, AG und LM, JQ, KW. Versuchsaufbau (evtl. mit Skizze), Versuchsdurchführung, Beobachtung, Auswertung. So weit, so sinnvoll, aber es handelt sich ja immer noch um eine Theaterprobe. Nur, was heißt das? Ist es mit meinem Chemie-Protokoll getan – vielleicht sogar ein ganz guter Anhaltspunkt, ein so flüchtiges Medium überhaupt irgendwie festzuhalten? Oder greife ich genau damit an dem gewissen Etwas vorbei, das man sich eben konserviert wünscht?
Mir wurden zum Einstieg drei Grundformen der Probendokumentation erklärt, die mir einen Überblick verschaffen sollten, da es der AdK hauptsächlich um das Einfangen des Regiestils geht:
A) Man protokolliert vor allem für den praktischen Gebrauch des Regieteams, d.h. es werden szenische Details und Ideen notiert, beispielsweise als Gedächtnisstütze für den Regisseur. Hierbei kann es jedoch passieren, dass die Arbeit am Ende durch den Überfluss an Details und probenspezifischen Abkürzungen eher schwerlich für Externe auswertbar wird.
B) Der eigenen Arbeit liegt keine schriftliche Ausarbeitung des Konzepts zugrunde, also liegt der Fokus auf der individuellen Beobachtung, mit Hilfe derer die Entwicklung der einzelnen Figuren und Szenenabläufe beschrieben werden kann: Wie äußern sich Spieler:innen und Regisseur zu einzelnen Vorgängen, wie werden Veränderungen begründet?
C) Der Probenarbeit liegt anscheinend kein offensichtliches Konzept zugrunde, stattdessen verfestigen sich die Ideen und Absichten der Regie im Laufe des szenischen Prozesses. So werden erst im Nachhinein und nach Betrachten der fertigen Inszenierung die wichtigsten Abläufe aus den Notizen der Dokumentarin herausgearbeitet.
Ich würde sagen, dass ich mich eher an Zweitem orientiert habe. Ich bin mit dem Vorsatz in die Proben gestartet, einfach alles zu notieren, was ich selbst interessant finde. Nach den ersten Proben, in denen ich fleißig mitschrieb und – nach meiner selbst auferlegten, meine eigene Neugierde völlig unterschätzenden Regel – dabei fast alles notierte, war klar, dass es hier weitaus mehr zu beachten gilt. So mögen meine Notizen fast wie eine vollständige Mitschrift wirken, doch trotzdem schwingt meine eigene Gewichtung hier nicht nur mit, sondern sortiert aus. Darf ich so etwas? Ich habe durch mein vergangenes FSJ schon Erfahrungen und Beobachtungen mit einigen Beteiligten sowie am Haus selbst gesammelt, bin also nicht unvoreingenommen – trotzdem ist meine Perspektive geprägt von Unwissenheit.
Was mich in eine seltsame Zwischenposition bringt – und das auch noch gleich auf zwei Ebenen:
Mein Protokoll wird sich am Ende weder als Beobachtungen einer vollständig Unbeteiligten noch als Mitschrift einer Antigone-Kennerin lesen. Verwässere ich damit diesen durch Genauigkeit geprägten Probenprozess, in dessen Fassung jeder Satz eine Daseinsberechtigung und jede noch so kleine Bewegung eine Begründung hat? Steht mir Beobachtung zu oder ist es mir vielleicht sogar unmöglich, diese ohne Beurteilung vorzunehmen?Weil: Beurteilen im Sinne von Bewerten – das kommt mir, der ewig begeisterten Hospitantin, doch eher anmaßend vor.
Denn hier liegt ja noch eine Schwierigkeit, dieses Mal ganz technisch: Gleichzeitig beobachten/ zuhören und aufschreiben. Notiert man eine Diskussion, in der sich auf drei verschiedene Übersetzungen und eine uns vorliegende Fassung bezogen, auf konkrete Anekdoten der Antike verwiesen wird, dann bleibt einem nicht viel Raum, um etwas jenseits der eigenen Intuition zu vertrauen und einfach der Staccato-Dauer-Tipp-Rhythmus im Hintergrund der Proben zu sein.
Auf der Ebene der Prozessbeteiligung verwischen die Linien noch stärker: Kann man mich als Beteiligte bezeichnen? Also, lässt mich die bloße Beobachtung schon ein Teil von etwas werden? Oder, dass eben diese bemerkt und mindestens von den Spielenden als zusätzliche Instanz wahrgenommen wird? Es zeichnet Johan Simons zwar als Regisseur aus, dass er sich fragend zu allen Seiten umdreht und nach der Meinung aller anderen fragt, einen richtigen Einfluss habe ich dadurch nun aber natürlich nicht. Außerdem habe ich mich auch, der Gewohnheit folgend, einfach am Probentisch auf die Seite der Assistent:innen und Hospitant:innen gesetzt. Johan Simons bespricht sich vor allem mit den ihm am nächsten sitzenden Personen und auch die Gespräche finden zwischen dem Regieteam und den Spieler:innen statt. Was hätte also eine andere Platzwahl alles an meinen Notizen verändert?
Auch schwingt an dieser Stelle eine wichtige Entscheidung mit: Was darf ich aufschreiben, was nicht? In Antigone geht es eben auch um den Tod, um das Sterben für etwas Größeres und über Generationen weitergereichtes Familientrauma. Es ist bemerkenswert, mit welch hoher Konzentration und ausgeprägtem Fokus geprobt wird, ebenso (und vermutlich daraus folgend) auch, welche persönlichen Erfahrungen geteilt wurden. Ohne mich vorher nochmal bei der betreffenden Person zu erkundigen, werde ich nichts schriftlich festhalten, das zu persönlich ist – für mich scheint es eher interessant, dass es geteilt wurde. Was nicht nur einen Hinweis zur Johan Simons Art und Weise, eine Probensituation zu kreieren ist, sondern womöglich auch das Stück in seiner Detailverliebtheit bereichert hat.
Die Probendokumentation besteht nicht nur aus meinem tagebuchartigen Probenprotokoll, auch Materialien und -listen sind für solch eine Sammlung von Bedeutung. Im Archiv der AdK wird diese Mappe dann schließlich für Interessierte zugänglich aufbewahrt werden, vor allem Theaterwissenschaft Studierende könnten davon in den nächsten Jahren Gebrauch machen. Ob sie davon profitieren werden? Vermutlich – das, was sie dann in den Händen halten, wird wohl wirklich eher eine Impression als ein Konservenglas sein.