Antigone

Von Sophokles
In der Übertragung von Friedrich Hölderlin
Bertolt-Brecht-Platz 1
10117 Berlin
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Der reguläre Vorverkauf für Vorstellungen vom 8. April bis 3. Mai startet am 3. März! Unsere Theaterkasse hat montags bis samstags von 10.00 Uhr bis 18.30 Uhr für Sie geöffnet.

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  • Der Vorverkauf startet bereits am 3. März!

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"Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheuerer als der Mensch."

 

Eine Stadt im Ausnahmezustand. Eteokles und Polyneikes, die Söhne des Ödipus, sollten sich nach dessen Sturz die Herrschaft über Theben teilen. Doch als Eteokles die Macht behalten wollte, zog Polyneikes gegen ihn in den Krieg – ein Bruderkrieg, in welchem sie sich gegenseitig töteten. Nun liegt die Stadt in Trümmern und der neue Herrscher Kreon muss das Chaos ordnen. Um der Unterscheidung nachhaltig Geltung zu verschaffen, die dem politischen Gemeinwesen zu Grunde liegt – der Unterscheidung zwischen denen, die es bewahren, und denen, die es zerstören wollen – erlässt er ein Bestattungsverbot gegen denjenigen Bruder, der die Stadt angriff. Eine Unterscheidung, die Antigone nichts zählt, weil ihr die beiden Brüder gleichviel zählen. Sie begräbt Polyneikes gegen Kreons Gesetz, den eigenen Tod in Kauf nehmend. Sowohl Kreon als auch Antigone berufen sich auf das Recht und seine Legitimierung durch eine höhere Autorität: die Götter. Doch wer oder was bestimmt, was Recht ist, wenn das Recht selbst, das Konflikte und Widersprüche lösen soll, sich widerspricht?

Sophokles' antike Tragödie ist nicht nur eine Tragödie des Rechts, sondern auch die einer Familie und des Menschen schlechthin. Sie handelt von Verantwortung und Ohnmacht, von Selbstgerechtigkeit und der Frage, warum wir nicht ohne einander, aber offensichtlich auch oft nicht miteinander leben können. Regisseur Johan Simons ist dem Berliner Publikum bereits durch seine regelmäßigen Einladungen zum Theatertreffen bekannt. Nun arbeitet er erstmals am Berliner Ensemble und inszeniert "Antigone" entsprechend der sophokleischen Inszenierungspraxis mit nur drei Schauspieler:innen.

Eine Ode an Kinder in gewalttätigen Verhältnissen

Lesen Sie das ganze Gespräch mit Regisseur Johan Simons im Digitalen Magazin.


Sie haben sich schon sehr oft mit griechischen Tragödien beschäftigt. Was ist für Sie das Besondere an "Antigone"?

SIMONS Die Menschen, die das Stück bevölkern, tragen eine ungeheuer gewaltige Vergangenheit mit sich herum. Antigone und Ismene erlebten, wie Ödipus, ihr Vater, sich als ihr Bruder entpuppte, wie er sich die Augen ausstach, wie sich ihre Mutter erhängte. Dann haben diese Kinder – so stelle ich es mir vor – ihren blinden Vater jahrelang begleitet. Die Söhne mussten sich von ihm verfluchen lassen, stürzten die Stadt Theben in einen Bruderkrieg und brachten sich dabei gegenseitig um. Übrig bleiben Antigone und Ismene. Ein schreckliches Los! Ich kann das Stück nicht lesen, ohne diese Vergangenheit zu sehen. Die Vergangenheit von Kindern, die ihre eigenen Traumata, die ihrer Eltern und Großeltern mit sich herumschleppen und versuchen, sie endlich aufzulösen. Diesen von Hölderlin so fantastisch übersetzten Vers, den Antigone sagt, "Zum Hasse nicht, zur Liebe bin ich", lese ich vor diesem Hintergrund als eine viel zu große Aufgabe, die sich Antigone hat aufbürden lassen: die Aufgabe, diese Familie wieder heil zu machen, im Reich der Toten. Mehr noch: die ganze Welt zu heilen, indem sie für die Menschlichkeit stirbt und es auch laut herausschreit. Eine Aufgabe, die in Form einer übersteigerten Eigenverantwortlichkeit als vermeintliche Selbstverwirklichung in die Selbstaufopferung führt – bis hin in den Tod. Das ist maßlos. Großartig. Und darin auch zerstörerisch.
Für mich ist dieses Stück eine Art Ode an Kinder, die in gewalttätigen Kontexten aufwachsen. Mich interessiert, was das mit ihnen macht. Da wird es für mich auch sehr persönlich, weil ich selbst in gewalttätige Umstände hineingeboren wurde und darin aufgewachsen bin.


Wie verstehen Sie Kreon und sein Handeln?

Die Vorgeschichte von Kreon ist die von einem, der in der zweiten Reihe steht und sich nach dem Abgang des Herrschers auf einmal mit der Aufgabe konfrontiert sieht, die Rolle an der Spitze der Regierung zu übernehmen. Ich sehe ihn eher als ängstlichen Menschen, der sich bemüht, in eine Rolle zu finden, die zu groß für ihn ist, und dabei Fehler macht. Auch er gehört zu den wenigen aus dieser Familie, die übrig geblieben sind, auch er sieht sich als Einzelner in einer Art Pflicht, es besser zu machen. Seine Angst macht ihn hart und blind für andere Umstände, andere Sichtweisen und Ratschläge. Der falsche Anspruch, es alleine regeln zu müssen, macht ihn nicht nur ängstlich, sondern auch misstrauisch anderen gegenüber. Am Ende sieht er in jedem einen Feind, und aus Angst, sich lächerlich zu machen oder in seiner Autorität nicht respektiert zu werden, trifft er lauter falsche Entscheidungen. Das Fantastische und gleichzeitig Schreckliche an dieser Figur ist, dass er das viel zu spät sehen kann. Das Sehen oder eben Nicht-Sehen-Können ist auch seit Ödipus ein großes Thema.


Warum ist es jetzt eine gute Zeit, um "Antigone" zu spielen?

Das Stück zeigt, wie abhängig wir sind – voneinander, von der Natur, von Dingen, die nicht beherrschbar sind. Und es zeigt, wie schlecht wir diese Abhängigkeit zugeben können. Wenn wir das besser könnten, müssten wir unseren Blick weiten für das, was uns fremd erscheint, müssten das Denken beweglich halten und das Einfühlungsvermögen für ein besseres Zusammenspiel mit anderen schulen. Damit sieht es aber momentan eher düster aus, finde ich.


Auch bei Sophokles wurden alle Figuren von drei Schauspielern gespielt. Das waren damals nur Männer, gespielt wurde mit Masken. Bei uns sind es auch drei – Constanze Becker widmet sich in der Hauptsache den Texten von Kreon, Jens Harzer denen von Antigone und weiteren, Kathleen Morgeneyer sucht mit Texten von Ismene und weiteren die Position dazwischen – aber hinter unserer Erzählweise steht noch etwas anderes.

Natürlich ist es heutzutage immer noch nicht so, dass wir völlig frei sind bei der Wahl, welche Rolle wir im Leben und in der Gesellschaft spielen wollen und wie wir das tun wollen und so hören die Konflikte, die die griechische Tragödie in Bezug auf menschliche Verantwortung zwischen Macht und Ohnmacht verhandelt, natürlich nicht auf. Theater ist für mich ein Denkraum, ein Raum, in dem mit Gedanken und Rollen gespielt wird, gemeinsam, im Zusammenspiel mit Anderen, mit Worten, mit Fantasie, mit Dingen, mit Vergangenheit und Gegenwart und so weiter. Darin liegt im Theater eine große Freiheit. Während es im Leben nach wie vor nicht ganz so einfach ist. Und das hat mit unserer Vergangenheit zu tun. Mit der Geschichte. Mittlerweile hat es, glaube ich, auch was mit Algorithmen zu tun. Ich glaube, diese beeinflussen uns und das selbstständige Denken immens.

Auf der Ebene der Geschichte begegnen wir einsamen und vereinzelten Figuren, die es nicht schaffen, einen gemeinsamen Weg zu finden. Auf der Ebene des Spiels aber erleben wir ein brillantes Zusammenspiel. Eine kleine Utopie vielleicht. Naiv, möglicherweise. Aber deswegen nicht weniger bedeutsam. Und deswegen fangen diese Drei bei uns so an, als wären sie Kinder, die sich inmitten von Bruchstücken der Geschichte etwas zum Spielen suchen. Die zusammenkommen und anfangen, Antigone zu spielen, sich auszuprobieren. Götterkinder, in dem Sinne, dass die Menschen immer einen Anteil am Göttlichen, am Schicksalhaften, am Unberechenbaren, am Ungeheuren haben, um den Preis, dass sie selbst zu Opfern ebendieser Kräfte werden. Und wenn es schon keine Erlösung aus diesem Konflikt gibt, dann vielleicht eine Art Trost. Ich zumindest finde es sehr trostreich, wenn Menschen einen Genuss haben – am Zusammenspiel, an diesen fantastischen Texten, an der Schönheit.

Das Gespräch führte Sibylle Baschung

Digitales Magazin

Pressestimmen

"Das kriegt man so nirgendwo sonst zu sehen. An keinem Theater des Landes. In keinem anderen Medium der Welt. Diese Hingabe. Diese Präzision. Dieses Risiko. Das ist die höchste Kunst, die schwerste Gewichtsklasse: Sophokles' 'Antigone' in Hölderlins Fassung."Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Alle drei sprechen den zweieinhalbtausend Jahre alten, von Friedrich Hölderlin vor gut 200 Jahren übertragenen und kaum retuschierten Text so klug und aus dem Moment heraus, dass kein Wort alt oder ungelenk klingt. Überhaupt erleben wir eine Feier der Sprache, des Sprechens und Zuhörens."Die Zeit

"Es ist, als ob sich mit dieser 'Antigone' ein großes Fenster zur menschlichen Geschichte öffnet. Als ob mit dem Versuch, zum Kern der antiken Tragödie vorzustoßen, zugleich der Weg für ein Theater der Zukunft gewiesen würde."Die Welt

"Ein Sprachkunstwerk mit Starbesetzung."Süddeutsche Zeitung

"Jens Harzer, Constanze Becker und Kathleen Morgeneyer spielen am Berliner Ensemble das Drama von Sophokles mit hoher Intensität."Tagesspiegel

"Ein fremd leuchtendes Spiel, ein Kampf, in jedem Fall ein theatralischer Solitär."Berliner Zeitung

"Im Grunde ist es ein lyrischer Abend. Becker, Morgeneyer und Harzer sind Sprecher allererster Güte, vielfach beschlagen in klassischen Stoffen. Wie klar und an jedem Punkt erhellend sie durch die Architektur der Hölderlin'schen Verse führen, sucht seinesgleichen."Nachtkritik.de

"Neben dem neuen BE-Star Harzer stehen die beiden Schauspielgrößen Constanze Becker und Kathleen Morgeneyer auf der Bühne. Welch Trio!"Berliner Morgenpost

"Der Abend im Berliner Ensemble greift die Vielschichtigkeit und Ambivalenz Antigones auf, indem er ihr radikales Handeln weder verherrlicht noch kritisch dekonstruiert."taz

"Diese 'Antigone' ist auch eine nie so gesehene Virtuositätsperformance dreier Schauspieler:innen."Theater der Zeit

"Größer geht Theater nicht!"B.Z.

"Ein Abend, der ungeheuren Mut beweist. Ein Abend, der sich selbst überfordert. Ein Abend, den man gesehen haben muss."Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Es ist die geradezu körperhaft in den Raum gestellte Sprache, die Klarheit und Konzentration, mit der die Spieler Hölderlins rhythmisierte Sätze durchdringen, ohne ins Pathosdröhnen, oder, noch schlimmer, in die billige Ironisierung auszuweichen. Es ist diese Sprachbehandlung, die den Reiz dieser Inszenierung ausmacht."Süddeutsche Zeitung