Mit seinem Stück "Schnee von gestern, Schnee von morgen" hat Handke eine Erzählinstanz entworfen, die es zu entschlüsseln gilt. Handkes Ich-Erzähler tritt in Zwiesprache mit der Welt und eröffnet einen vielfältig temperierten Raum, der sich intrinsisch und chorisch lesen lässt, Ideen immer wieder ent- und verwirft.
"Das Besondere an der Beschäftigung mit Handke ist, dass er mit seinen Texten fordert, dass das Theater Verantwortung für diese trägt und etwas Eigenes findet. Damit lässt sich ein Schatz heben", sagt Jens Harzer, der mit den Jahren ein Kenner Handkes Werks geworden ist. "Schnee von gestern, Schnee von morgen" wirft seine Lesende zunächst auf sich selbst zurück.
Es sei die Art des Blicks gewesen, geschärft auf die Kleinigkeiten im Großen und die Übertragbarkeit auf das Leben, die ihn für Handkes Literatur begeistert habe, so Harzer. Mit 17 Jahren habe der "Versuch über die Müdigkeit" etwas in ihm gerührt, das Peter Handke bald zu einem seiner Lieblingsautoren machte, einige Jahre später im Schauspielstudium in München erweiterte er sein persönliches Repertoire um dessen Stücke. "Ich mochte das, was soll man mehr sagen", fasst Harzer trocken zusammen und spult dann gestikulierend einige Jahre vor zu den Salzburger Festspielen.
In Salzburg hatte er bereits in zahlreichen Inszenierungen gespielt, bevor es 2011 zu der legendären Uraufführung von "Immer noch Sturm" in der Regie von Dimiter Gottscheff kam. Thomas Oberender, damaliger Leiter der Salzburger Festspiele, habe ihm einen frühen Entwurf von Handkes Stück geschickt. "Es war vielen, die dieses Stück in der Hand hielten, klar, dass es von einer besonderen Dimension war, in Größe und poetischer Wirklichkeit. Alle dachten 'Mein Gott, was ist das für eine Welt!'", erinnert er sich an die frühen Projekttage.
Was in Jugendjahren gesät wurde, würde nun zu einer besonderen Verbindung erwachsen. Zum ersten Mal begegneten sich Handke und Harzer wenige Tage vor der Uraufführung. Der Autor hatte sich die Proben angeschaut und lobte das Team in der anschließenden Kritikrunde – doch das Ende, als Dialog angelegt, von Gottscheff als langer Monolog von Harzer als Handkes Alter Ego inszeniert, lehnte der Autor entschieden ab und drohte gar, der Uraufführung nicht beizuwohnen.
Gottscheff jedoch blieb bei seiner Regieentscheidung, was die Premiere entsprechend auflud und für Unsicherheit sorgte, ob Handke sich schließlich Seite an Seite mit dem Team zum Schlussapplaus auf die Bühne stellen würde. Doch nach Jens Harzers finaler Verbeugung trat auch Peter Handke auf die Bühne: „Da standen wir dann Hand in Hand. Und eigentlich ist das der Moment, in dem wir einander gefunden haben.“ Der Knoten war gelöst, die gemeinsame Geschichte fand hier einen weiteren Neuanfang. Der Schauspieler und der Autor pflegten von nun an eine gute Bekanntschaft: Wann immer Handke heute ein neues Stück schreibt, schickt er es an Harzer. "Für einen Moment an diesem Prozess beteiligt zu sein … das ist etwas Schönes."
Noch einmal spult Jens Harzer in seiner Erzählung vor und ankert im Heute. Nun wird er sich zusammen mit Marina Galic in die Hände Jossi Wielers, Regisseur der Uraufführung in Koproduktion mit dem Berliner Ensemble, begeben und sich als namen- und ruheloser Spazier-, Welten- und Grenzgeher auf die Suche machen.