Backstage

Von der Bühne auf die Leinwand

Im Mai 2024 drehte Regisseur İlker Çatak für seinen Film "Gelbe Briefe" zwei Tage lang im Berliner Ensemble. Nun tritt der Film bei der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb um den Goldenen Bären an. Wir haben mit dem Regisseur über seine Verbindung zum Theater gesprochen. 

İlker Çatak und Inke Johannsen | 11.02.26
Bertolt-Brecht-Platz 1
10117 Berlin
Kontakt & Anfahrt

Theaterkasse

+49 30 284 08 155
theaterkasse@berliner-ensemble.de

Der reguläre Vorverkauf für alle Vorstellungen im März bis einschließlich 7. April läuft! Unsere Theaterkasse hat montags bis samstags von 10.00 Uhr bis 18.30 Uhr für Sie geöffnet.

Lieber İlker Çatak, Ihr Film "Gelbe Briefe" wird bei der diesjährigen Berlinale gezeigt und ins Rennen um den Goldenen Bären gehen. Was wünschen Sie sich für das Premierenpublikum?

Ich wünsche mir in erster Linie ein Publikum, das sich vom Film verführen und bewegen lässt. Der Film ist sehr reich an Themen, bietet viele Möglichkeiten zur anschließenden Reflexion – und hoffentlich auch zur Diskussion.


Obwohl die Handlung in der Türkei angesetzt ist, haben Sie in Hamburg und Berlin gedreht. Was hat es mit diesem Spiel mit den Orten auf sich?

Am liebsten würde ich die Frage wieder zurückgeben - als Einladung zum Mitdenken. Aber soviel sei gesagt: die Entscheidung hat sicher auch damit zu tun, dass die Geschichte, die wir als Publikum gern als "woanders" verorten möchten, gar nicht so weit weg ist, wie wir denken.

Das Ehepaar, das Sie in das Zentrum Ihres Films stellen, ist tief mit dem Theater verbunden. Hier können Sie sich verwirklichen, Protest ausüben, erfahren aber auch Restriktionen. Wieso haben Sie sich für diese Setzung entschieden?

Zum Teil, weil die Geschichte von Erzählungen türkischer Kollegen aus dem Theaterkontext inspiriert ist. Zum anderen, weil ich an die transformative Kraft von Kunst glauben möchte und selbst immer wieder den Zwiespalt erlebe, ob das, was wir tun, tatsächlich etwas bewirken kann. Genau diese Frage wird auch zu einem neuralgischen Punkt in der Beziehung des Ehepaares, das die Geschichte trägt: Kann man mit Kunst die Welt zum Besseren verändern – oder machen wir uns nur etwas vor?


Im Mai 2024 haben Sie einige Szenen auf der Bühne des Großen Hauses sowie im Großen Salon gedreht. Wie haben Sie die Dreharbeiten erlebt?

Es war aufregend! Die Kolleginnen vom BE waren in der Zusammenarbeit sehr zuvorkommend. Großes Dankeschön an der Stelle noch einmal! Als meine Hauptdarstellerin Özgü Namal das erste Mal den großen Saal betrat, sagte sie, dass er sie an die SES Bühne in Istanbul erinnere – genau jene Bühne, auf der ich sie vor 27 Jahren das erste Mal voller Bewunderung sah.

Welchen Einfluss hat das Theater als Ort und Medium auf Ihre Arbeit?

Ich glaube, es gibt kein Medium, das mich stärker für Sprache sensibilisiert hat als das Theater. "Der Die Mann" von Herbert Fritsch war ein regelrechtes Erwachungserlebnis. Zu beobachten, wie Worte und Körper zusammenwirken, inspiriert mich auch in meiner Regiearbeit für den Film. Ebenso ist der Zusammenhang zwischen Text und Raum für meinen Schreibprozess immer wieder bereichernd, weil er zeigt, wie Dramaturgie und Atmosphäre einander bedingen.

 

Und wie wirkt sich das Theater als Schauplatz und Wirkungsort innerhalb Ihres Films aus?

Es ist der Ort, an dem meine Figuren in ihrem Element sind. Es ist die Luft, die sie atmen – und plötzlich wird ihr Atem abgeschnitten. Der Kampf um Ausdruck, um Sichtbarkeit, um Freiheit entfaltet sich hier besonders drastisch. Das Theater wird so zum Spiegel ihrer inneren Konflikte und Hoffnungen, zum Ort der Reibung, des Protests, der Reflexion und der Selbstfindung.

 

Gibt es eine persönliche Beziehung, die Sie mit dem Berliner Ensemble verbindet?

Immer wenn ich am BE bin, blicke ich zum roten Kreuz auf dem preußischen Reichsadler. Bertolt Brecht ließ ihn damals durchstreichen. Eine Geste des Ungehorsams, wie ich sie verstehe. Sie wirkt wie ein Appell, Autoritäten nicht einfach hinzunehmen und den kritischen Geist zu bewahren. So stelle ich mir die Intention hinter dieser Geste vor. Genau diesem Geist wollte ich mit meinem Film nachspüren, und deshalb fühle ich mich dem Haus besonders verbunden.