Backstage

Berlin, eine metaphysische Operette

Frank Castorf über Erich Kästner, seine Interpretationen zu "Fabian" und "Der Gang vor die Hunde", Leseerfahrungen und Ideen für seine Inszenierung von "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" bei der Konzeptionsprobe zur Inszenierung im Februar 2020.

von Frank Castorf | 18.02.20

© Moritz Haase

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Brecht ging es nicht nur um eine Entwicklung der Schauspielkunst, sondern auch um eine Entwicklung der Zuschauerkunst, was wir schon lange vergessen haben. Manchmal muss man sich als Schauspieler, Kunstinteressierter und auch als Zuschauer selbst geißeln. Das war ein interessantes Experiment von Brecht und ist auch in Bezug auf Kästner interessant. Ich hab damit ein pubertäres Problem: Mein Vater war Buchhändler, bevor er Eisenwarenhändler wurde und da lag, "Fabian – Die Geschichte eines Moralisten" neben Pin-Up-Heften. 

Ich habe den Roman als Zwölfjähriger gelesen und der Blick durchs Schlüsselloch, der schien mir damals sehr interessant und aufreizend. Der berühmte Literaturwissenschaftler Hans Mayer hat nach dem Krieg über "Fabian" geschrieben, der Roman werde beim Wiederlesen etwas fad. Man liest Kästner nach dem Zweiten Weltkrieg und er hat seinen Schatten verloren, es ist nicht mehr das, was man damals 1931, beim ersten Lesen erlebt hat. Man liest ihn und sagt, ja, ob nun "Der Gang vor die Hunde" oder "Die Geschichte eines Moralisten", das ist angesichts dessen, was danach passiert ist, völlig marginal.

© Matthias Horn

Auch Walter Benjamin hat damals scharf über die Linke Melancholie geschrieben, bei Kästner, bei Tucholsky, bei Walter Mehring. Heute hingegen kann man ja schon froh sein, dass man relativ aufwändig "Babylon Berlin" gedreht hat – die schönste Szene ist, wenn der französische und der deutsche Außenminister in der Loge des Berliner Ensembles sitzen, in der "Dreigroschenoper", einander angucken und sagen: „Dauert’s noch lange?“ und es dauert nicht lange, denn letztlich geht’s eben darum, wo man danach Trinken und Schnittchen essen kann.

Das ist 'ne ganz pikante Szene, ansonsten ist die Serie so, wie wir uns heutzutage gern Geschichte in bunten Bildern vorstellen. Aber Berlin ist zu der Zeit anders gewesen, das war ein Big Big Big Burger. Geschichte wiederholt sich nicht oder wie Karl Marx sagte: Wenn sich die großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen zweimal ereignen, dann das eine Mal als Tragödie und das nächste Mal als Farce.

Kästner hat ja ungeheuer viel Zustimmung bekommen für seinen "Fabian"-Roman, er hat sicherlich auch literarisch einen sexuellen Aufbruch markiert. Das Misogyne da drin ist allerdings nicht zu übersehen, das doppeldeutige der Moral, wenn Fabian sagt: „Na, in den Schweinestall, liebe Cornelia Battenberg, da gehörst du doch nicht hin.“ Und sie sagt: „Naja, arbeitslos ist auch keine Alternative, unsere Liebe wird zerbrechen.“ Und dann geht sie zu einem dicken, pickligen, sehr geilen Mann in einem großen Auto, der die deutsche Filmproduktion beherrscht, ja wer denkt da nicht an den anderen mit seinem Rollator in New York, und sie sagt: Ich mache die Augen zu, denke an eine ärztliche Untersuchung und dann ist es vorbei. Damit kommt der Moralist Fabian nie klar, dass es soziale Unterschiede gibt. Es ist 'ne fade Moralästhetik.

Wilhelm Reich hat ja Wesentliches über die Massenpsychologie des Faschismus geschrieben. Dass man links oder rechts sein kann, aber wenn man die familiären Verhältnisse nicht sehr genau versucht zu analysieren und zu verändern, dann werden sich gewisse Dinge ständig wiederholen. Wilhelm Reich hat als Kommunist, als Ausgeschlossener der Freudianischen Internationalen in Amerika versucht, die Strukturen dessen, warum man Nazi wird, zu analysieren. Und dazu gehört auch das riesige Gebiet der Sexualität.

Da ist etwas bei Kästner, das beim Wiederlesen schal wird. Es ist der Blick durchs Schlüsselloch; er selbst hält sich gut bedeckt, mit seiner Freundin Cornelia kann er zwar Sexualität praktizieren, aber wenn moralische Schamgrenzen der bürgerlichen Moral, nicht der Moral an und für sich, erreicht werden, dann verlässt er lieber die Frau und sagt, damit komme ich nicht klar, mach du deine Karriere beim Film, ich gehe lieber zurück zu meiner Mutter, denn Verwandtschaft ist dickes Blut. Zu welcher Geschichte gehört man? Die Frage ist, wie viele Menschen würden denn, wenn wirklich der Faschismus kommt, Leute verstecken in ihren Kellern und sich von den Sturmabteilungen in die Fresse hauen lassen? Wenn man sich die Frage nicht selbst stellt, ist das alles verlogen. Man lernt meist nicht aus Geschichte und wenn man nicht aus Geschichte lernt, sollte man auch nicht Theater machen.

Tja, Kästner ist ein intelligenter, begabter Mensch aus Dresden, jemand der leben will, der'n Humanismus hat, der zumindest das Pazifistische versucht hat, der auch auf der schwarzen Liste der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 stand. Und wer waren die Avantgardisten, die die Bücherverbrennung in jeder deutschen Universitätsstadt organisiert haben? Es waren deutsche Philosophiestudenten! Wie Brecht sagte: Intellektuelle sind immer ausnutzbar für die nächste Politik, die kommende politische Strömung. Und immer kann man, mit jedem und allem Geld verdienen ... Aber wie können wir das machen? Immer wieder dem Neuen und nicht dem Badewannengefühl von Erich Kästner nachgehen.

Er ist eben ’n Mensch, hat erstmal nur sein Leben und muss überleben. Deshalb ist es sehr leicht von heute aus zu sagen, wie man sich hätte verhalten müssen, aber es gibt Unterschiede und es gibt auch Lebenskünstler. Zu denen zählte Brecht, auch nach 1945, als er nach dem Exil in Zürich in die DDR kam und hier dieses Refugium bekam, das Berliner Ensemble. Das muss man immer mitdenken, wenn man im Berliner Ensemble – das einzige weltberühmte Theater in Deutschland – arbeitet, dass hier jemand war, der versuchte mit den Mitteln der Reflexion und künstlerischen Gestaltung was Neues zu machen, egal, wie oft er sich geirrt hat. 

© Matthias Horn

Da hat Kästner dann doch lieber für die UFA geschrieben und ist dann nach München gegangen. Das klingt despektierlich, das soll es nicht sein. Die Frage ist einfach, wie man mit so einem Stoff umgeht, wenn man die Gnade des Wissens der Nachgeborenen hat. Die 20er Jahre, das ist eine Zeit der extremen Armut, der künstlichen Paradiese, es ist das hemmungslose Genießen von Rauschmitteln, es ist das hemmungslose Verkaufen des eigenen Körpers um ein wenig Lebenslust zu bekommen, es ist das Überleben, es ist die Gleichzeitigkeit von Geschwindigkeit im Raum von verschiedensten Themen, die vollkommen asynchron sind und insofern ist "Babylon Berlin" Kitsch. 

Zille war nie Kitsch, Zille war künstlerisch überhöhter Naturalismus. Wie kann man das erzählen? Vielleicht können wir die monologischen Strukturen nehmen, vielleicht fängt man mit dem Selbstmord an. Traurig, Labude, ein Denker, ähnlich wie Mephisto in Faust, das ist die andere Seite von Fabian. Und beide, Fabian und Labude sind vor allen Dingen Egoisten in ihrem Humanismus, in ihrer Menschlichkeit, in ihrer Moral, die immer eine bürgerliche Moral ist. Und diese bürgerliche Moral ist eben auch eine des Klasseninstruments, womit man Macht ausüben kann. Immer. 

Also Deutschland voll großer Illusionen, das Schönste, was man darüber sagen kann, Berlin ist zu der Zeit wie eine metaphysische Operette. Und reine Metaphysik ist nicht schlecht und Operette ist manchmal auch ganz gut. Man darf das nur nicht mit der Wirklichkeit verwechseln.

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