Sibylle Baschung (Dramaturgie): Wir befinden uns in der Hälfte der Probenzeit und haben bei der szenischen Umsetzung dieses Textes schon einiges erlebt, probiert und erfahren. Abgesehen davon, dass es eine Premiere und eine letzte Vorstellung geben wird — seht ihr ein Ende? Findet der Text ein Ende?
Jossi Wieler (Regie): Ja und nein. Einerseits ist das Zu-Ende-Gehen ein Thema, andererseits ist es — wie der Untertitel sagt — "Das Lautwerden des einen Kreuz-und-Quer-Gehenden zeit seines jeweiligen Innehaltens" — und so ist möglicherweise auch das Zu-Ende-Gehen im wahrsten Sinne des Wortes nur ein Innehalten.
Biber Gullatz (Musik): Aus musikalischer Sicht stellt sich die Frage, was bei einem Decrescendo ein Ende ist. Wie lange hallt der Klang nach, auch wenn man ihn vielleicht nicht mehr hören kann. Dieses Verschwinden am Ende des Textes — so wirkt das auf mich — ist kein komplettes Verstummen, sondern es bleibt wie ein Nachhall, der weitergeht.
Anja Rabes (Bühne, Kostüme): Einen offeneren Text und auch ein offeneres Ende habe ich selten gelesen. Was du als Nachklang beschreibst, sind bei mir die zahlreichen Nachbilder und überhaupt die vielen visuellen Assoziationen, die der Text auslöst und die sich in der Vorstellung vervielfältigen und weiterentwickeln, sodass der Text auch dadurch kein Ende findet. Was hier vermeintlich zu Ende geht, erzeugt gleichzeitig eine unglaubliche Offenheit.
Sibylle Baschung: Der Text ist voller Anspielungen, Mehrdeutigkeiten, die zwar unmöglich alle auf Anhieb aufgenommen werden können, aber insgesamt einen Blick auf die Welt anbieten, auf die Zeiten, das Entstehen und Vergehen von allem, was uns mehr oder weniger bedeutet: ein Schauen, das etwas mit Spiel, laufender Infragestellung und Verwandlung von Gedachtem, Gesehenem, Erfahrenem zu tun hat. Ein poetisches Verfahren, das die Dinge in Bewegung hält, verändert und sich aus einem tiefen Misstrauen gegenüber allem Apodiktischen speist.
Jossi Wieler: Ein Verfahren, das Härten nicht ausspart, Leichtigkeit trotz permanenter Gefährdung nicht verliert, auch nicht den Humor, die Ironie, die Selbstironie. Es ist nie schwarz-weiß, es gibt unzählige Zwischenfarben, und es ist nie nur ein Sound, sondern es gibt ebenso unzählige Zwischenklänge. Ich erlebe den Text als ein Spielen mit den großen und kleinen, alltäglichen Fragen, die so ein Leben mit all seinen Widersprüchen bereithalten kann, was uns zu den verspielten Ebenen, die das Theater bereithält, führt. Wie versinnlicht man diese Sprache, dieses spielerische Verfahren, mit Welt umzugehen, im Raum? Der Text wurde ja nicht als Hör-Spiel geschrieben, sondern explizit für die Bühne. Immer wieder tauchen im Text Theatermetaphern auf oder Bilder aus der Kindheit, wo es ums Spielen geht — im pursten Sinn des Wortes. Es ist ein existenzieller Text, dem auch eine gewisse Trauer innewohnt, ein Aufbegehren, aber der Umgang damit ist ein leichter, feiner, ein verspielter eben — und humorvoller.
Sibylle Baschung: Wie nahm diese Inszenierung ihre Anfänge?
Jossi Wieler: Nachdem Peter Handke diesen Text im vergangenen Jahr geschrieben hatte, bot er ihn Markus Hinterhäuser zur Uraufführung bei den Salzburger Festspielen an. Auch der Vorschlag, Jens Harzer zu fragen, war meines Wissens von ihm. Jens ist der Literatur von Peter Handke sehr nah und seit er 2011 bei der Uraufführung von Immer noch Sturm hier in Salzburg die "Ich"-Figur des Autors gespielt hat, besteht zwischen den beiden eine Freundschaft.
Sibylle Baschung: Du hast auch schon einige Texte von Peter Handke inszeniert.
Jossi Wieler: Meine erste Beschäftigung mit seinen Theatertexten als Regisseur war 1997 eine Inszenierung von Kaspar am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Bei den Salzburger Festspielen 2009 habe ich mit Anja Rabes zusammen die deutschsprachige Erstaufführung von "Bis daß der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts" gemacht; das Stück ist eine Art Nachhall auf Becketts "Das letzte Band". Und 2020 habe ich am Deutschen Theater Berlin "Zdeněk Adamec" inszeniert.
Sibylle Baschung: Über Samuel Beckett und das absurde Theater haben wir auch ab und zu gesprochen, sowohl als Inspiration für unsere Bühnensituation bei Schnee von gestern, Schnee von morgen als auch hinsichtlich der Textaufteilung auf zwei Figuren und ihrer absurd clownesken Seiten. Wie kam es zu dieser Zweier-Besetzung? Zunächst läge es nahe, den Text nur von einer Person sprechen zu lassen.
Jossi Wieler: Einerseits läge es nahe, ja, weil es eine Art Bewusstseinsstrom von einer Person ist: "Das Lautwerden des einen". Andererseits könnte man diesen Text auch von vielen Menschen sprechen lassen, nicht chorisch, sondern als einzelne Stimmen, als verkörperte Vielheit von Gedanken, Beobachtungen, assoziierten Zitaten, Musiken, Filmtiteln, Sprachspielen, Neudichtungen und vielem mehr, woraus der Text besteht. Mich hat die Bewegung des fortwährenden Einerseits–Andrerseits beschäftigt, die dem Text mit der sich öfters wiederholenden sprachlichen Wendung "Oder auch nicht" eingeschrieben ist. Was bedeutet dieser formale und inhaltliche Kontrapunkt für die Versinnlichung auf der Bühne? Wir suchen nach dem Anderen in dem einen Ich, das hier fortwährend spricht. Es ist eine Figur aus zweien, die sich spiegeln, wobei unklar bleibt, wer Bild ist, wer nicht: Spiegelbilder zwar, aber mit jeweils eigenen Energien, eigenen Impulsen, eigener Intuition, die sich herausfordern, sich ergänzen und unterstützen, sich keine Ruhe geben. Es geht um die heitere Freiheit, miteinander spielen zu dürfen, quasi als Axiom fürs Theaterspielen überhaupt. Stilistisch — aber das wussten wir so genau vorher auch nicht — hat es sich im Verlauf des Probenprozesses und zum jetzigen Zeitpunkt dahin entwickelt, dass diese zwei ein bisschen etwas von absurden, teils zerstrittenen, teils verliebten Clowns bekommen haben, die auch immer wieder scheitern und darum wissen, welch tragikomische Erhabenheit ihnen das Scheitern verleiht. Und so landet man dann fast unweigerlich bei Beckett, wo es auch immer wieder um das Scheitern geht und das Nicht-Erfüllen von etwas, was die Welt von einem will.
Sibylle Baschung: Eine absurde Welt? Was waren die Überlegungen, die euch zu dem Bühnenbild geführt haben? Man könnte auch von einer Zumutung sprechen.
Anja Rabes: Das ist es auch. Zum einen wird in dem Text mehrmals "Die Steppe" erwähnt, durch die ein neunjähriger Junge in Tschechows gleichnamiger Erzählung reist, um in einer fernen Stadt aufs Gymnasium zu gehen. Auch von einer "terrain vague" ist die Rede, einem unbestimmten Gelände — und von der Küche als Ort, wo Geschichten erzählt werden. Auf der anderen Seite ist das, worin sich dieser Gehende bewegt, nichts Geringeres als die Welt. Also bloß einfach alles: nicht nur Feinstoffliches wie Gedanken, Musik, Literatur, sondern auch Bestehendes, zuweilen Widerstehendes, etwas woran man sich stoßen und verletzen kann.
Jossi Wieler: Peter Handkes Texte könnten mitunter auch eine Zumutung für das Theater sein. Was bedeutet es für Schauspielerinnen und Schauspieler, wenn Theatertexte aus einer Sprache leben, die in keiner konkreten Situation verortet ist, sondern eher als Sprachspiel existiert? Es ist ein abstrakter Raum, in dem diese Sprache handelt, auf eine bestimmte Weise mit Welt umgeht und Welt entstehen lässt. Wir tauchen ein in den Kopf eines Dichters. Was bedeutet das für die Körper im Raum?
Anja Rabes: In der Vorbereitung haben wir den Text in verschiedenen Konstellationen gelesen und kamen nach und nach zu dem Schluss, dass es etwas braucht, was in Bewegung ist, verschiedene Blickwinkel ermöglicht für die Zuschauenden und unterschiedliche Situationen, mit denen die Spielenden konfrontiert werden. Die Topografie der Gehweisen, die sich in dem Text findet, das Kreuz-und-Quer-Gehen, der Ausweichtanz zum Beispiel, haben wir potenziert und erweitert um das Balancieren, das Entlanghangeln und so weiter. Es waren verschiedene inspirative Momente, die wir gesammelt haben, aus verschiedenen Texten von und über Peter Handke. Ein Zitat über die Poesie der Ränder, das du mal mitgebracht hast —
Sibylle Baschung: "Das Schreiben muß sich ereignen am Rand der Verzweiflung und am Rand der Seligkeit (aber immer nur am Rand); und die Worte dann müssen ans Wunderbare grenzen".
Anja Rabes: Ja genau. Die Zumutungen des Bühnenbildes treiben die Spielenden physisch in Grenzbereiche — und was vielleicht einmal leicht aussehen wird, hat dennoch oft mit Absturzgefahr an den Rändern zu tun. In dem Film von Corinna Belz über Peter Handke sagt er sinngemäß: Wenn ihn jemand von außen betrachten würde, könnte die Person einen in einem Spiegellabyrinth Gehenden sehen. Uns hat interessiert, etwas zu erfinden, was man nicht sofort durchschaut …
Jossi Wieler: … etwas, dem erstmal keine gängige Logik innewohnt und das deswegen auch nicht logisch bespielt werden muss. Wichtig war für uns, dass die Bühne eine Reibung bietet, etwas, womit man erfinderisch fantasievoll umgehen muss und was auch kein naturalistischer Raum ist.
Sibylle Baschung: Wie näherst du dich als Komponist und Musiker diesem Text?
Biber Gullatz: Im Unterschied zu der Bühne, wo aus produktionstechnischen Gründen schon sehr früh Entscheidungen getroffen werden müssen, bin ich noch sehr lange beweglich, kann auf die Proben reagieren, mitspielen, ausprobieren, innehalten und zuhören, bevor ich möglicherweise anders weitergehe, als zuvor gedacht. Ich weiß deswegen jetzt noch nicht, wo wir rauskommen werden. Zunächst bin ich von leichtem Gepäck ausgegangen, was die Instrumente anbelangt: eine Mundharmonika zum Beispiel. Eine Maultrommel. Beides auch Instrumente, die Klänge erzeugen, wo man den Atem gut hören kann, in die man nicht nur aus-, sondern auch einatmet. Der Text selbst hat eine ganz eigene Musikalität und zitiert darüber hinaus auch Kinderlieder an, Schlager, auch auf das musikalische Hochamt wird verwiesen, auf die Beatles, Leonard Cohen, die halbe musikalische Welt des Abendlandes. Auch die Natur und ihre Klänge, die Zivilisation, ihr Lärm und Krach. Das alles fließt ein in eine Klangwelt, zu der ich wiederum meine Assoziationen hinzufüge — und da ist, wie schon gesagt, noch viel in Bewegung.
Sibylle Baschung: Ich danke euch für das gemeinsame Innehalten und das Gespräch.