Backstage

Gebärmutterkuchen-lala-land

Ensemble-Schauspielerin Claude De Demo entwickelt mit der Regisseurin Jorinde Dröse den Theaterabend „#Motherfuckinghood“. In diesem Text erzählt sie, wie es dazu kam.

Ein Essay von Claude de Demo | 09.01.24
Schauspielerin Claude De Demo in einer Portraitaufnahme, ihr linkes Auge ist beleuchtet, dort ist eine Narbe zu sehen

© Mirjam Wählen

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Ich habe überhaupt nicht drüber nachgedacht. Mein Baby wird genauso strahlen wie angekündigt, ich werde genauso strahlen wie angekündigt. Das ist doch der Sinn der ganzen Veranstaltung hier, Fortpflanzung, Frau sein, Mutter! In dem Glauben bin ich aufgewachsen, Familie ist ein Ort der Harmonie, der Geborgenheit, der Freude und Erfüllung, und eine Familie ohne Kind ist keine Familie! Also ran an den Speck! 

Was ich unterschätzt hatte (sorry, mein Fehler) war, dass sich dieses Glücksgefühl wohl nur dann einstellt, wenn man einen gewissen Hang zur Selbstaufgabe besitzt, wenn man richtig Bock hat auf Muttersein in Vollzeit (unbezahlt selbstverständlich), wenn man keinerlei Fragen an das System stellt, und eher wie ein Lemming brav Richtung Klippe marschiert, denn die Liste ist lang: #Kitakrise #Lehrer:innenmangel #Betreuungsnotstand #saLzH (schulisch angeleitetes Lernen zu Hause) #Emotional Labor #Care-Gap #Pension-Gap #Gender-Pay-Gap #Second Shift #Unsichtbarkeit #beruflicher Abstieg #finanzielle Einbußen #Altersarmut #Mentalload #Mentaloverload #Rabenmutter #Ehegattensplitting #Teilzeitfalle #Erschöpfungsdepression zusammengefasst: #MOTHERFUCKINGHOOD!

Warten auf den Mutterinstinkt

Was mich in der Realität als Mutter erwartete, nachdem ich aus meinem Gebärmutterkuchen-lala-land aufgewacht bin, war ein Schock. (Ähnlich geschockt war ich zuletzt als ich als Siebenjährige schmerzlich erfahren musste, dass es den Nikolaus gar nicht gibt, sondern dass dieser großzügige, weißbärtige, mit Geschenken beladene, gutmütige, besonnene, tolle, alte, weiße Mann, der meine geheimsten Wünsche kannte, in Wahrheit meine Mutter war …)

Mit der Geburt meines ersten Kindes traten viele neue Dinge in mein Leben: die tägliche Sorge, Erschöpfung, Fremdbestimmung, Schuldgefühle, Langeweile, Schlaflosigkeit, Scham, Einsamkeit, der berufliche Abstieg, finanzielle Einbußen, der gesellschaftliche Druck (besonders absurderweise unter Müttern), Überforderung.

All das koexistierte mit einer unendlichen, tiefen Liebe (die ich zuvor in meinem Leben noch nie gefühlt hatte) zu einem kleinen, hilfsbedürftigen Wesen, für das ich sterben würde. Klar beschlichen mich während der Schwangerschaft schon ab und an leise Zweifel, ob ich dieser enormen Verantwortung wohl gewachsen sei … aber hey: #Mutterinstinkt, der wird das Kind und mich schon schaukeln. Auf diesen mysteriösen Instinkt warte ich bis heute vergebens. Und gegen die Schuldgefühle, weil ausgerechnet bei mir dieser blöde Instinkt versagte, versuchte ich jahrelang anzukämpfen, vergeblich. Die Extreme, die von nun an mein Leben bestimmen sollten, waren enorm.

"Ich war nicht mehr ich, sondern ich war Mutter." Claude de Demo

Als Mutter wurde ich gleichzeitig idealisiert und abgewertet. Die Betreuung meines Babys hat mich maximal überfordert und zeitgleich geistig maximal unterfordert. Ich war unzufrieden, traurig, einsam und müde. 

Ich war nicht mehr ich, sondern ich war Mutter. Eine Mutter, die sich schämte, weil sie unglücklich war. Damit war ich nicht allein, aber das wusste ich damals noch nicht. Nachdem ich Jahre später aus meiner Schockstarre erwacht bin, fiel mir auf, dass es kaum einer Mutter in meinem Umfeld anders ging als mir. Habe ich mir vorher eingebildet auf dem Spielplatz gut gelaunte, fröhlich buddelnde Mütter zu sehen, die voll und ganz in ihrer neuen Rolle aufgingen, sah ich jetzt tiefe Augenringe, erschöpfte, genervte, übermüdete Frauen, die unglücklich mit der Sandkastenschaufel auf Kuchenförmchen eindroschen. 

Mir fiel auf, dass kaum eine Mutter in meinem näheren Umfeld nicht ins Straucheln geraten ist, und nicht physisch, psychisch und emotional erschöpft war. Fast alle mussten beruflich Abstriche machen, reduzierten ihre Verträge oder wechselten in familienfreundlichere, aber oft auch schlechter bezahlte Jobs. Ich empfinde ein großes Gefühl der Ungerechtigkeit und Wut, das ich nicht länger bereit bin hinzunehmen. 

Zusammen mit meinem Team und der Regisseurin Jorinde Dröse, ebenfalls 2-fache Mutter, will ich allen Müttern, denen es auch so geht, diesen Theaterabend widmen. 

Was bedeutet Mutterschaft in Deutschland? Woher kommt der Druck? Warum spricht kaum jemand ehrlich übers Muttersein? Woher kommt die Schuld? Woher stammt der Mythos „Mutterinstinkt“? Wer entwickelte den Kult um die perfekte, glückliche Mutter und wem dient er? 

Wir haben uns gefragt was mit unserem Wirtschaftssystem und unserer Gesellschaft passieren würde, wenn alle Frauen und Mütter in einen Reproduktions- und Care-Streik treten würden? Was bedeutet es Söhne großzuziehen? Wann begreifen wir, dass wir nur gemeinsam etwas verändern können? Wie kann die Politik erwarten, dass mehr Frauen in die Vollzeiterwerbstätigkeit zurückkehren, ohne auch nur ansatzweise die Bedingungen dafür zu schaffen (ausreichend Betreuungsplätze und -zeiten beispielsweise). 

Wie schaffen es Mütter, die doppelt diskriminiert sind, beispielsweise alleinerziehende Mütter, Mütter mit Behinderung, lesbische Mütter, Mütter of colour, verarmte Mütter und nicht binäre Eltern in diesen Strukturen zu überleben? Warum reden wir nicht über Sternenkinder? Warum ist es uns unangenehm, wenn Sternenmütter reden? Wissen die Väter, dass sie nicht der Feind sind, sondern Verbündete sein sollten? Und wenn sie es schon nicht für ihre Partnerinnen sein können, dann vielleicht für ihre Töchter? 

Sind Frauen wirklich das schwache Geschlecht? 

Vielen Dank an Antonia Baum, Mareike Fallwickl, Dr. Emilia Roig, Prof. Dr. H.c. Jutta Allmendinger, Prof. Dr. Dr. H.c. Anette Fasang, Dr. Amelie Panthen, Natalie Sandsack und Mirjam Wählen, die uns auf unserem Weg begleitet und unterstützt haben. 

Und einen besonderen Dank an unser wundervolles Team.

Ein Essay von Claude De Demo.

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