Backstage

"Wege für neue Sicht- und Umgangsweisen"

Dramaturgin Clara Topic-Matutin im Gespräch mit Regisseurin Fritzi Wartenberg zu "Alias Anastasius".

08.03.23
Fritzi Wartenberg im Werkraum des Berliner Ensembles

© Moritz Haase

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Wer war Anastasius Lagrantinus Rosenstengel?

 

Anastasius Lagrantinus Rosenstengel war die erfundene Identität, die Catharina Linck sich kurz nach der Flucht aus einem streng religiösen Waisenhaus zulegte, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können – sowohl in finanzieller Hinsicht als auch in sozialer und sexueller. Der Name, den Linck sich selbst gab, diente als Schlüssel zum Tor zur Welt.

Anastasius Rosenstengel war zeitweilig Prophet einer Sekte, Musketier im Spanischen Erbfolgekrieg und über vier Jahre Ehemann der gleichnamigen Catharina Mühlhahn. Kaum bestand die Gefahr entdeckt zu werden, machte sich Rosenstengel todesmutig auf zu neuen Ufern, erfand neue Namen, neue Biografien und wickelte die Menschen in seinem Umfeld durch sein Charisma mit Leichtigkeit um den Finger.

So konnte er seinen Kopf im wahrsten Sinne des Wortes erstaunlich lange aus jeder Schlinge ziehen. Leider nahm diese turbulente Suche nach Freiheit kein gutes Ende für Rosenstengel, denn Catharina Linck wurde 1721 als letzte als Frau gelesene Person Europas wegen „Sodomiterey“ geköpft. Der König selbst setzte sich im Inquisitionsverfahren für die Verbrennung von Lincks Leiche ein, um ein Exempel zu statuieren.

Worin liegt dein spezielles Interesse an dieser Figur?

 

Für mich ist diese Figur eine, der es gelingt, der Gesellschaft ihr willkürliches Regelsystem vorzuhalten. Rosenstengel brachte schon damals das patriarchale Herrschaftsgebilde ins Wanken – und tut es bis heute. Denn immer noch können die Worte, die uns als Gesellschaft zur Verfügung stehen, nur einen kleinen Teil der möglichen Lebensrealitäten abbilden.

Identitäten wie die von Rosenstengel, die sich den ungeschriebenen Regeln von Geschlecht und Klasse entziehen, besitzen die Kraft, Systeme zu dekonstruieren und uns so ihre Zufälligkeit vor Augen zu führen. Der Aspekt, der mich an diesem Stoff am meisten gepackt hat, ist die Gewalt, die dieser Person allein aufgrund ihres Seins entgegenschlug.

Die Briefwechsel, die uns über dreihundert Jahre erhalten geblieben sind, bilden den verzweifelten Versuch ab, einen Körper zu kriminalisieren, der seinen menschlichsten Sehnsüchten nachgegangen ist. Diese Schriften entlarven nicht etwa die „Freveltaten“ der Catharina Linck, sondern die Inquisitoren selbst. Woher kommt dieses Gefühl der Bedrohung?

 

 

Wie begegnest du der historischen Figur gelesen im Kontext heutiger Genderdebatten?

 

Die Debatten um Gender und Sexualität entwickeln sich gerade in den letzten Jahren rasant weiter. Auf einmal gibt es Worte, die in der Lage sind zu beschreiben, was vorher nicht benennbar war und daher auch nicht im breiten gesellschaftlichen Bewusstsein verankert. Die Sprache scheint mir dabei Segen und Fluch zugleich. Sie eröffnet uns Wege für neue Sicht- und Umgangsweisen. 

Gleichzeitig liegt es in der Natur der Sprache, alles abzustecken, einzugrenzen und schließlich zu vereinfachen. Maggie Nelson schreibt in ihrem Buch "Die Argonauten" über den Begriff der Queerness: „Der Begriff sollte eine unaufhörliche Spannung bergen, eine Art Platzhalter sein, ein Nominativ – wie Argo –, der auch umfasst, was zerschmilzt oder sich verschiebt, eine Möglichkeit, etwas zu behaupten und zugleich entwischen zu lassen. Das ist es, was wiederverwertete Begriffe tun: Sie enthalten ein Gefühl des Flüchtigen und beharren darauf.“

Die Figur des Rosenstengel lebte dieses Paradox – sie definierte sich immer wieder neu und ließ sich in ihrer Fluidität doch nie greifen. In dieser Hinsicht finde ich die Geschichte im heutigen Kontext mehr als brisant.

 

Die Fragen stellte Clara Topic-Matutin.

© Moritz Haase

Fritzi Wartenberg, 1997 geboren, wuchs in Salzburg auf und studierte Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien sowie Regie am Max Reinhardt Seminar. Unterricht erhielt sie u.a. von David Bösch, Dušan David Pařízek und Martin Kušej. Daneben ist sie als Mitbegründerin des FTZN-Kollektivs aktiv, für welches sie als Autorin und Regisseurin arbeitet. 

Die Stückentwicklungen "Gib mir ein F" (2020) und "Bei aller Liebe — jetzt wird gefotzt!" (2021) gastierten am Wiener Kosmos Theater und beim Theaterfestival Hin & Weg in Niederösterreich. "Alias Anastasius" von Matter*Verse ist nach "The Writer" von Ella Hickson die zweite Arbeit, die Fritzi Wartenberg am Berliner Ensemble im Rahmen des Nachwuchsförderprogramms WORX zeigt. In der Spielzeit 2023/24 inszeniert sie mit "Malina" von Ingeborg Bachmann im Neuen Haus des Berliner Ensembles.

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