Im März 1920 steht die junge Weimarer Republik vor einer ihrer größten Herausforderungen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Inkrafttreten des Versailler Vertrags weigern sich Teile des Militärs, sich aufzulösen. Das Freikorps Marinebrigade Ehrhardt marschiert auf Berlin, um die demokratisch gewählte Regierung zu stürzen. Der sogenannte Kapp-Putsch zwingt die Reichstagsabgeordneten zur Flucht – doch ein landesweiter Generalstreik vereitelt den Staatsstreich. Rund 100 Jahre später, im August 2021, führt eine Bundestagsabgeordnete ehemalige Elite-Soldaten durch den Reichstag. Wollte diese Gruppe das Parlament gewaltsam stürmen? Seit 2024 stehen 25 Angeklagte der sogenannten Gruppe Reuß an drei Standorten vor Gericht – darunter Ex-Soldaten, eine frühere Abgeordnete und Richterin, ein Adliger sowie ein Ex-Polizist. Der dokumentarische Theaterabend untersucht, was geschieht, wenn der Staat von innen, aus Parlament, Justiz, Militär und Polizei angegriffen wird: ein Stück über Rechtsextremismus, Verschwörungserzählungen und die Fragilität der Demokratie.
Regisseurin Marie Schwesinger arbeitet an der Schnittstelle von Dokumentartheater und Journalismus. Seit 2021 recherchiert sie zu Rechtsextremismus und begleitete zahlreiche Prozesse als Prozessbeobachterin. "Sturm auf Berlin" stützt sich auf über 1200 Seiten Protokollnotizen, die Schwesinger während der laufenden Verhandlung in Frankfurt anfertigte.
Schwingkreis, Stammtisch oder Putsch?
Über den Prozess gegen die Gruppe Reuss und Angriffe auf den Rechtsstaat
Seit 2024 läuft an den Oberlandesgerichten (OLGs) in Frankfurt am Main, Stuttgart und München mit 25 Angeklagten einer der größten Staatsschutzprozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte. Im Zentrum steht die sogenannte Gruppe Reuß. Die Bundesanwaltschaft wirft deren Mitgliedern vor, eine terroristische Vereinigung gebildet zu haben, um die verfassungsmäßige Ordnung der Bundesrepublik zu beseitigen. Dafür sollen Waffen gesammelt, der Reichstag ausgespäht und Umsturzpläne diskutiert worden sein.
Der dokumentarische Theaterabend "Sturm auf Berlin" verhandelt die gesellschaftliche Bedeutung dieses Komplexes. Im Zentrum stehen der Prozess am OLG Frankfurt und die Aussagen von Angeklagten, die sehr unterschiedliche Bilder der mutmaßlichen Vereinigung und ihrer Ziele entwerfen. Was in der Verteidigung als Schwingkreis, Stammtisch oder Thinktank beschrieben wird, erscheint in der Anklage als Teil eines Umsturzplans, für den in Kooperation mit einer angeblichen militärischen "Allianz" auch Todesopfer in Kauf genommen werden sollten.
Regisseurin Marie Schwesinger arbeitet an der Schnittstelle von Dokumentartheater und Journalismus. Sturm auf Berlin stützt sich auf über 1.200 Seiten ihrer Protokollnotizen aus der laufenden Verhandlung am OLG Frankfurt und verbindet sie mit einem Rückblick in die Weimarer Republik: Im März 1920 marschierte das Freikorps Marinebrigade Ehrhardt auf Berlin, um die junge Demokratie zu stürzen. Rund hundert Jahre später, im Sommer 2021, führte eine Richterin und Bundestagsabgeordnete ehemalige Elite-Soldaten mehrmals durch den Reichstag.
Der Abend fragt, was geschieht, wenn der Staat von innen angegriffen wird – aus Parlament, Justiz, Militär und Polizei heraus. Er erzählt von der Fragilität demokratischer Institutionen und von einem Rechtsstaat, der sich selbst schützen muss.
Von Daniel Grünauer
- Marie Schwesinger Regie
- Sabine Mäder Bühne
- Anneke Goertz Kostüme
- Timothy Roth Musik
- Yannick Wittmann Chorleitung
- Frédéric Dautier Licht
- Daniel Grünauer Dramaturgie