Menschen, Orte und Dinge

Menschen, Orte und Dinge

von Duncan MacMillan
Aus dem Englischen von Corinna Brocher
Bertolt-Brecht-Platz 1
10117 Berlin
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"Ich will leben. Ich will lebendig leben und riesige, spektakuläre, heroische Fehler machen. Weil was bleibt denn sonst?"

Emma, Schauspielerin, tabletten-, kokain - und alkoholsüchtig, ist in einer Entzugsklinik gelandet. Dort soll sie sich einer Therapie unterziehen, um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. In der Klinik ist Emma zum Versuch gezwungen, sich zu erinnern, wer sie ist. Aber sie hat sich längst selbst verloren. In der Sucht und in ihren Lügen, ihren Parallelwelten. Emmas Geschichte ist ein atemloser Kampf taumelnd zwischen Wahn, Abhängigkeit und Skeptizismus.

Der britische Autor Duncan Macmillan hat mit "Menschen, Orte und Dinge" ein tragisch-komisches Stück über die Macht und den Horror von Sucht geschrieben, das ganz aus der Perspektive der abhängigen Emma erzählt. Man folgt Emma fasziniert in ihrer Wahrnehmung der Welt, in der sie keinen festen Bezugspunkt zu haben scheint, changierend zwischen Glamour und rauschhaftem Absturz. Bernadette Sonnenbichler, Hausregisseurin am Düsseldorfer Schauspielhaus, wird mit "Menschen, Orte und Dinge" erstmals in Berlin inszenieren.

Deutschsprachige Erstaufführung

Emma, Schauspielerin, hat sich im Rausch verloren. Selbstzerstörerisch vergiftet sie ihr Leben. Als sie ihren Job aufgrund von Blackouts und Zusammenbrüchen auf offener Bühne verliert, ist sie gezwungen, sich in Therapie zu begeben. Der erste Versuch eines Drogenentzugs scheitert. Emma hat verlernt, was es bedeutet, Teil einer Gemeinschaft zu sein und sich in aller Nüchternheit mit anderen Menschen und sich selbst auseinanderzusetzten – Dinge, die die Therapie ihr abverlangt. Trotzig hält Emma im Entzug dem Anspruch der Therapeutin sich ihrer selbst bewusst zu werden, die Wahrheit zuzulassen und sich mit ihrer Sucht zu konfrontieren, Foucaults Wahrheitsbegriff entgegen: "Es gibt keine Wahrheit, nichts ist echt." Sie flieht erneut in den Rausch, in die Sucht, in die Vorstellung eines schillernden, glamourösen Selbst in wechselnden, wahnhaften Lebens- und Weltentwürfen.

Das Lügen, das ständige neu erfinden des eigenen Selbst, findet sich als ein wiederkehrendes Motiv in vielen Suchtgeschichten. Süchtige lügen, um die eigene Sucht vor sich und allen um sie herum zu verbergen und sich so vor dem Eingeständnis des eigenen Scheiterns zu bewahren. Macmillan macht diesen Mechanismus in der Grundanlage des Stückes deutlich. Menschen, Orte und Dinge wird komplett aus der Perspektive der süchtigen Emma erzählt. Als Zuschauer folgen wir ihrem Blick und ihrer Erzählung und nehmen diesen zunächst als wahr, als real an. Das Stück ist ein sogenanntes Well-Made-Play – eine Bezeichnung, die im deutschsprachigen Theaterraum oftmals eher despektierlich verwendet wird.  Zu Unrecht, wie ich finde. "Menschen, Orte und Dinge" ist inhaltlich profund, bewegend und zudem vom Autor dramaturgisch ausgezeichnet aufgebaut.

Das Stück bildet Lebensrealität ab, es ist das zeitgenössische Portrait einer Süchtigen. Duncan Macmillan hat sich mit Betroffenen, Suchtpatienten und Reha-Personal auseinandergesetzt. Zweierlei Anliegen haben Macmillan beim Schreiben angetrieben: Er wollte dieses gesellschaftliche Problem, die Sucht, die allzu rasch bagatellisiert wird (im allgemeinen Bewusstsein fällt ein Süchtiger meist erst auf, wenn er zum Junkie geworden ist, also erst dann, wenn er an die Sucht verloren gegangen ist), auf dem Theater in Ernsthaftigkeit verhandeln: Emma ist ein Junkie, aber sie ist außerdem eine Frau, die „normaler“ nicht sein könnte. Sie ist wie wir, mit der einzigen Ausnahme, dass sie an einem bestimmten Punkt ihres Lebens mit Drogen in Verbindung gekommen ist und aufgrund ihrer psychischen Verfasstheit alsbald in der erleichternden Welt des Rausches verloren gegangen ist. Außerdem wollte Macmillan eine große Frauenfigur schreiben, ein Stück mit einer Frau im Zentrum, einer Frau als "Heldin".

Bernadette Sonnenbichler inszeniert "Menschen, Orte und Dinge" für das Berliner Ensemble. Sonnenbichlers Arbeit zeichnet sich insbesondere durch ein präzises Gespür für Texte und Figuren aus. Sie arbeitet mit großer Genauigkeit an Texten und mit Schauspielern und entwirft moderne Bildwelten, die die zentralen Themen eines Stoffes visuell vergrößern. Gleichzeitig arbeitet sie – als gefragte Hörbuchregisseurin – mit Soundscapes, die ihre Inszenierungen atmosphärisch aufladen und schafft dadurch konzeptionelle Räume, in denen Inhalte klug gesetzt erzählt werden.

Clara Topic-Matutin

Wir sind nicht defekt. Sondern die Welt ist im Arsch. Duncan MacMillan

Pressestimmen

"Die Regisseurin übersetzt die expliziten Regieanweisungen in starke, künstliche Bilder und Töne."rbb Kulturradio

"Der deutsch-italienische Bildkünstler Stefano Di Buduo hat zur Technomusik von Christoph Cico Beck und Tad Klimp am Computer eine Art Symphonie der inneren Sinne entworfen. Von mehreren Beamern auf Wände und Boden geworfen, überziehen gleichfalls in Schwarzweiß pulsierende Muster die Szene: wie Gehirnströme, Blutbahnen, Wogen und Fluten oder als kunstvolle grafische Elemente. Das ist mehr als nur Dekor."Tagesspiegel

"Was für eine Leistung! Um sie (Sina Martens) herum schnitzen die BE-Schauspieler starke Nebenfiguren. Josefin Platt verleiht ihrer Ärztin eine freundliche Strenge, ist als Mutter später eine verhärmte Alte, die zu viel erlebt hat. Patrick Güldenberg ist als Mitpatient Mark ein wütender Charmeur, Owen Peter Read ein spinnerter Sympath, Oliver Kraushaar ein lässiger Pfleger."Berliner Morgenpost