Maxim Gorki beschreibt 1905 in seinem Stück "Kinder der Sonne" eine Gruppe russischer Intellektueller, die sich vom Volk und vom konkreten Leben entfremdet haben. Während sich die Arbeiterklasse den Sturz des Zarenreichs wünscht, vertiefen sie sich in Bücher, Kunst und Liebesgeschichten. 120 Jahre später scheint die Situation eine andere: Ein großer Teil des intellektuellen Lebens bemüht sich um moralische Missstände und um unsere Zukunft. Forschende zu Klima, Migration und Wirtschaft kämpfen um Gehör, während – von oben nach unten – die Mittel gekürzt werden. Selbst wer zur Bildungsschicht gehört, kann sich Mieten in Innenstädten kaum mehr leisten. Welchen Wert hat Bildung also gegenwärtig in unserer Gesellschaft? Und welche Bedeutung hat sie für politische Prozesse? Oder hat das Akademische seinen Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe im Elfenbeinturm verspielt? Jakob Nolte treibt seine Klassiker-Kernsanierung in Richtung einer Schwarzen Komödie. Seine Figuren ringen sich durch eine Welt, die vom Verschwinden bedroht oder bereits unmerklich verschwunden ist. Mit nicht viel mehr bewaffnet als ihrem Wortschatz und ein wenig Würde.
Regisseurin Laura Linnenbaum inszenierte zuletzt die Uraufführung von Tena Stivičićs "Die Verstreuten" am Berliner Ensemble. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch atmosphärische Dichte und gesellschaftspolitisch relevante Fragen aus. "Kinder der Sonne" ist Linnenbaums zweite Zusammenarbeit mit dem Dramatiker und Romanautor Jakob Nolte, der zuletzt mit dem Noir-Krimi "Die Frau mit den vier Armen" das Genre des Regionalkrimis aufmischte.
Geister der Gegenwart
Ein Haus mit offenem Gartentor, wahrscheinlich am Stadtrand Berlins. Ein Haus, dem über lange Zeit ein intellektueller Geist innewohnte, der spürbar am Verschwinden ist. Seit Generationen lebt hier Familie Fürst, andere kommen und gehen. Seine Bewohner:innen: Paul Fürst, lehrender Literaturwissenschaftler, dessen Erkenntnisse über die Menschheit zunehmend ungehört verhallen. Jelena, seine Ehefrau, arbeitslose Geisteswissenschaftlerin, die sich in der Hoffnung, gesehen zu werden, von einem Künstler in ausufernden Sessions portraitieren lässt. Ihre Schwägerin Lisa, die einen großen unverwundenen Verlust erlitten hat und nur noch auflebt, wenn der Tierarzt zu Besuch kommt. Und das eigentlich längst überflüssige Kindermädchen Antonia Markova, die das Haus aus rätselhaften Gründen nicht verlassen will. Die zum Kreis dazugehörigen sind zum Osterbrunch geladen, der Handwerker hingegen muss kommen, um den Ventilator für die hitzig über unsere Zukunft diskutierende Gesellschaft wieder zum Rotieren zu bringen. Denn es herrscht enorme Hitze, man hört gar von nahenden Bränden – und klammert sich umso fester ans Crémantglas. Die dringendsten Fragen scheinen: Wer bringt Eiswürfel zur Abkühlung? Und ist der Handwerker womöglich rechtsextrem? Für eine überraschende Veränderung der vor sich hin wabernden Verhältnisse sorgt schließlich die Macht des Kapitals.
Jakob Nolte holt Maxim Gorkis "Kinder der Sonne" in unsere Gegenwart, er treibt den Stoff lakonisch ins Komische und fragt, welche Rolle das Bildungsbürgertum in den politisch brisanten Prozessen unserer Gesellschaft noch spielt. Laura Linnenbaum inszeniert diese Gesellschaftals als eine bereits unbehauste, die sich auf einer längst verbrannten Erde einrichtet, während sie sich nurmehr im Licht von Scheinwerfern sonnt.
Von Amely Joana Haag
- Marc Oliver Schulze Paul Fürst, Dozent
- Pauline Knof Jelena Fürst, seine Frau
- Lili Epply Lisa Fürst, seine Schwester
- Maeve Metelka Antonia Markova, Au-pair
- Bettina Hoppe Melanija Schmitt, Unternehmerin
- Jannik Mühlenweg Nils Lund, Künstler
- Sebastian Zimmler Malte Keller, Tierarzt
- Maximilian Diehle Roman Gauner, Zimmermann
- Oliver Kraushaar Herr Block, Vermieter
- Laura Linnenbaum Regie
- Daniel Roskamp Bühne
- Michaela Kratzer Kostüme
- David Kosel Musik
- Mario Seeger Licht
- Amely Joana Haag Dramaturgie