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So hätte es nicht enden sollen

Vierzig Jahre nach der iranischen Revolution hallen diese Worte bei Nava Ebrahimi immer noch nach: "So hätte es nicht enden sollen." Eine persönliche Geschichte zur iranischen Revolution.

Ein Essay von Nava Ebrahimi | 06.12.23

© Moritz Haase

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Am Nachmittag des 7. April 1979 schritt Amir Abbas Hoveida, der fast 13 Jahre lang Premierminister Irans gewesen war, in den Innenhof des Teheraner Qasr-Gefängnisses. Er schritt also, oder vielleicht möchte man sich eine weltgewandte, einst mächtige Person, einen Kenner von Kunst und Kultur, der in Beirut und Paris studiert hatte und als liberaler Brückenbauer galt, auch nur so, eben schreitend, vorstellen. Wahrscheinlicher ist, dass er sich in den Innenhof schleppte, denn dem Autopsiebericht nach wurde er kurz vorher verprügelt.

Fünfzehn Minuten waren seit seinem Urteilsspruch vergangen. Revolutionsrichter Ajatollah Sadegh Khalkhali hatte Hoveida in allen 17 Anklagepunkten für schuldig befunden, darunter „Verbreitung der Korruption weltweit“, „Kampf gegen Gott“, „Verteidigung der Interessen der Kolonialisten“ und „Zerstörung der Landwirtschaft und der Wälder“.

Hoveida also schritt oder schleppte sich auf irgendeine Weise in den Gefängnishof. Noch bevor er sein Ziel erreichte, soll ihm ein Geistlicher niedrigeren Ranges, mit einer Pistole in den Nacken geschossen haben, woraufhin Hoveida stürzte und um den Gnadenschuss bettelte. Und dann sollen letzten Worte gefallen sein: „So hätte es nicht enden sollen.“

Das Trauma lebt in mir

© Amrei-Marie, CC BY-SA 4.0

Vierzig Jahre später gehen mir immer und immer wieder diese Worte durch den Kopf. So hätte es nicht enden sollen. Warum? „So hätte es nicht enden sollen“ trifft mich ins Mark, weil ich in diesem Geiste aufgewachsen bin, nachdem meine Eltern Iran 1980 mit mir verließen. Diese Aussage ist so unspezifisch, ihr wohnt doch kein Geist inne? Ja, stimmt. Aber sie drückt die Verlorenheit aus, mit der vor allem mein Vater lebte, mit der ich aufgewachsen und die ich bis heute nie ganz losgeworden bin. Zu groß ist das Trauma, das die Revolution, die erst die Iranische war und schließlich die Islamische wurde, in der Generation meiner Eltern verursacht hat.

Mein Vater war Kommunist, er war entschiedener Gegner der Monarchie. Er war einer derjenigen, die aufgrund ihrer politischen Aktivitäten mehrere Jahre im Evin-Gefängnis saßen. Dennoch. Hätte er seine Memoiren verfasst, hätte er ihnen diesen Titel geben können: So hätte es nicht enden sollen. Nach der Emigration nach Deutschland blieb ihm nur leider zwischen Großmarkteinkauf, Salat vorwaschen, Gemüse kleinschneiden, Gläser spülen, Bierfässer wechseln, keine Zeit für längere Einlassungen.

Aber dieses „So hätte es nicht enden sollen“ begleitete ihn bis zu seinem Tod, schwebte bei allem, was er tat, wie eine Wolke über ihm. Als er an Krebs erkrankte, sank diese dunkle Wolke auf ihn herab und hüllte ihn vollkommen ein. Er sprach von den Anfängen der Revolution, von der Hoffnung und der Euphorie, die alle Menschen, die er kannte, gepackt hatte.

Nicht nur in Iran, auch außerhalb des Landes. Intellektuelle aus der ganzen Welt reisten nach Teheran, wollten dabei sein, wenn sich ein Volk gegen seinen Despoten erhebt. Die Iraner:innen schienen sich aus eigener Kraft von ihm zu befreien und, mindestens genauso wichtig, von den Vereinigten Staaten.

 

 

Der Geist des Umsturzes

Der wohl prominenteste Fan der ersten Stunden war Michel Foucault. „Es ist die Erhebung von Menschen mit bloßen Händen, die den ungeheuren Druck aufheben wollen, der auf uns allen lastet (...). Es handelt sich vielleicht um die erste große Erhebung gegen die globalen Systeme, die modernste und die verrückteste Form der Revolte“, berichtete er 1978 aus Teheran.

Als Khalkhali als Revolutionsrichter anfing und Fakten schuf, distanzierte sich Foucault von seiner anfänglichen Begeisterung. So hätte es nicht enden sollen: Auch er hätte das vermutlich unterzeichnet. Die Subjektivität, schrieb er noch hoffnungsvoll über den Aufstand, sei in die Geschichte eingebrochen und bringe sie zum Atmen. „Nicht die von großen Menschen, sondern von irgendjemandem“, schob er ein.

Irgendjemandem wie meinem Vater. Er konnte in seinem Krankenhausbett nicht von der Hoffnung sprechen, ohne die Enttäuschung mitzuerzählen. Nicht vom Atmen ohne das Ersticken. „Wir hätten das Angebot des Schahs annehmen müssen“, sagte er immer öfter. Der Gedanke, blind vor Eifer die historische Chance vertan zu haben, quälte ihn zunehmend. Er wucherte wie der Tumor.

Der Schah hatte im August 1978, nachdem die Unruhen das ganze Land zu destabilisieren drohten, in einer Fernsehansprache versprochen, grundlegende Freiheitsrechte wiederherzustellen und freie Wahlen abhalten zu lassen. Er habe die Botschaft der Revolution vernommen, sagte er. Doch da war der Geist des Umsturzes schon aus der Flasche. Zwei Wochen später brannten die Kinosäle in ganz Iran. Die Gewalt eskalierte weiter und gipfelte im Schwarzen Freitag, dem 8. September 1978. Bei einer Großdemonstration von Regimegegnern starben an diesem Tag viele Menschen. Von diesem Tag an, spätestens, lag die Macht auf der Straße. 

Genau zu dieser Zeit bin ich auf die Welt gekommen. Mein Vater tauchte erst zwei Tage später auf, erzählt meine Mutter regelmäßig mit einer gewissen Bitternis. Aber ich verüble es ihm nicht. Was war schon die Geburt eines Kindes im Vergleich zu dem historischen Moment, in dem das einfache Volk gegen 2500 Jahre Monarchie aufbegehrte?

© Moritz Haase

Mein Vater und alle anderen, die nach Freiheit und Selbstbestimmung strebten, verbrachten diese Zeit, die zweite Hälfte des Jahres 1978 und die ersten Wochen des Jahres 1979, im Rausch. Überall diskutierten sie, wie der neue Iran aussehen sollte. Auf den Straßen, in den Taxis, beim Friseur. Viele Iraner:innen, die im Ausland lebten und von dort aus Opposition betrieben, kehrten voller Tatendrang in ihre Heimat zurück. Kommunisten, Nationalisten, Liberale. Einer der bekanntesten iranische Oppositionelle in Deutschland, schrieb die ersten Monate nach seiner Rückkehr nach Iran seien „die glücklichsten Momente“ in seinem Leben gewesen.

Mein Vater hätte das nicht so gesagt. Mit dem Wissen, wie es endete, konnte er das Glück nicht mehr empfinden. Zu sehr haderte er mit seiner Rolle. Zu sehr beschlich ihn immer wieder der Gedanke, dass er zu keinem Zeitpunkt ein Handelnder gewesen war, sondern eine Marionette, die nichts von ihren Fäden gewusst hatte. Der Schah ging, Ajatollah Chomeini kam, Leute wie Khalkhali machten sich ans Werk. Am 1. April 1979 wurde die Islamische Republik gegründet.

Mein Vater sowie viele andere packten ihre Hoffnungen wieder ein, verließen in Scharen Iran, kehrten zurück ins Exil.

Immer wieder Grund zur Hoffnung

Hoveida und mein Vater einte nicht viel. Sie gehörten unterschiedlichen Milieus an, vertraten gegensätzliche politische Ansichten. Beide verkörpern jedoch die Hoffnungen und das Streben einer im Westen ausgebildeten Generation von Ingenieuren, Medizinern, Ökonomen und Wissenschaftlern, die alles daransetzten, Iran aus dem Kreislauf von Armut, Repressionen und Fremdbestimmung herauszuholen.

Und immer wieder gibt es Grund zur Hoffnung. Auffällig oft liefern ihn Iranerinnen. 2008 etwa schrieb die bekannte Sozialforscherin und Hochschullehrerin Fatemeh Sadeghi in einem Essay: „Ich erinnere mich an den Tag, als ich zum ersten Mal vor den Jungen der Familie, die meine Spielkameraden waren und oft meine Konkurrenten, ein Tuch trug. Ich fühlte mich gedemütigt. Ich fühlte mich gelähmt und in ihren Augen besiegt.“ 

Und klar an die Mullahs gerichtet heißt es an anderer Stelle: „Die Verschleierung muss der individuellen Entscheidung der Frauen überlassen werden. (...) Wenn die Institution der Familie, der Gesellschaft und der islamischen Regierung vom Hijab abhängt, dann ist das Problem in dieser Institution zu finden, in dieser Gesellschaft, dieser Regierung.“ Fatemeh Sadeghi darf seitdem nicht mehr an der Universität lehren. Sie ist die zweitjüngste Tochter Ajatollah Khalkhalis. Ich weiß nicht viel, nur das: Der Anfang vom Ende ist weiblich.

© Moritz Haase

Nava Ebrahimi wurde 1978 in Teheran geboren und ist in Deutschland aufgewachsen. Sie studierte Volkswirtschaftslehre und Journalismus und lebt als Schriftstellerin in Graz. Für ihren ersten Roman "Sechzehn Wörter" erhielt sie den Österreichischen Buchpreis. 2021 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Der Text "40 Jahre Islamische Revolution: So hätte es nicht enden sollen" von Nava Ebrahimi erschien 2019 in der FAZ. Der Text wurde mit Zustimmung der Autorin gekürzt und redaktionell bearbeitet. Der vollständige Text ist hier nachzulesen.

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